Martinismus – ein Fragment

Eine Religion für mich, die habe ich begründet seinerzeit in der Falkstraße. War ein besetztes Haus in Frankfurt, Bockenheim. Besetzt, na ja. Wir hatten einen Park besetzt, waren von den Grünen (Tom Königs) geräumt worden, hatten dann ein Grünen-Büro im Nordend besetzt, und nach Verhandlungen und anderen Versuchen („im Uhrig“, beispielsweise) eine Zwischennutzung für 1,5 Jahre erreicht.

Wir nannten uns „Initiative für gemeinsames Leben“ (IGEL), haben irgendwann auch einen Verein gegründet … weil es Schwierigkeiten gab bei der Positionierung – eher seriös oder eher autonom – heißen wir schließlich „SERIONOM e.V.“. Herrlich, im Rückblick sehr genial.

Ich habe dann dort das Café betrieben, was dreist und gut und ein toller Ort war. Jeden Tag von 14 bis 05 Uhr.

An sich war es aber alles kollektiv, damit hatte ich so meine Probleme. ‚Nie, nie – nie wieder Plenum!‘. So richtig der Demokrat war ich nie, eher so diktatorischer Alleinherrscher.

Es gab auch sehr heftige Spannungen zwischen der No-Fun-Fraktion (Anti-Liga, Motto „Politik ist kein Spaß“) und der Liga („Lässige Initiative für gemeinsames Abhängen“, die eher wie Emma Goldmann das Tanzen als Wesentlich für die Revolution betrachtete.  Wurde dort — nach erfolgreicher Spaltung der Gruppe in Bedürftige und Feier-Leute durch die Stadtpolitik und den kriminellen evangelischen Wohnraum“Hilfe“-Verein — vertrieben, wegen Selbstherrlichkeit und Anmaßung, und konsequentem Verstoß gegen die Gruppenregeln.

„Schluß mit Lustig!“, das war das Motto der letzten Party im Café, seinerzeit. Und irgendwie war ich dieser Herr Lustig. Trug dazu passend eine Baskenmützen-Variation mit Riesenschwengel oben drauf. Wenn schon, denn schon. Keine halben Sachen.

Danach bin ich nach Wüstems gezogen, in den Wald, ins Wochenendhaus-Exil. Vertreibung, jeder Prophet hat sowas zu erdulden. Irgendwo musste mein damals schon sehr umfangreicher Krempel ja auch hin. Dann, im Wald herum laufen, alleine sein, tief traurig über das Scheitern. Inklusive der totalen Schwarzwerdung, vulgo Depression, der Wanderung durch die innere Finsternis, ganz allein.

So gehört das ja schließlich auch.

Natürlich heißt die Religion nach ihrem Stifter, also Martinismus. Zentral ist stets der Imperativ: Genieße es.

Egal was, immer diese Haltung – ziehe daraus das maximale an persönlichem Erkenntnisgewinn und Lustgewinn, genieße es, mach etwas damit, dass es toll für dich ist. Auch und gerade die harten Sachen, die schweren Angelegenheiten, das Schreckliche. Da ist immer ein Stück Himmel im Katastrophengebiet. Was über Woodstock gesagt wurde, trifft auch auf alle anderen Orte und Räume zu.

Der Martinismus hatte einen zweiten Begründer, den hoch erwürdigen Martin Claudius Maischein, der heute in Berlin lebt, immer weiter geile Musik macht und damals als „der kleine Martin“ firmierte, weil ich halt älter und größer (im Sinne von Körperlänge) war, und vor allem es eine praktische Notwenigkeit gab, zu bezeichnen, welchen Martin man gerade gesucht hat in einem Haus mit 30+ Leuten … und wir waren mal wie Arsch auf Eimer, ein Team. Lange her. Ich erinnere mich, wie man ihn erst hörte und danach erst sah, weil er immer so stampfende Techno-Sounds von sich gab, während er rumlief – so eine Art Beat-Boxing. Das mache ich heute auch gerne, wenn ich eilig rum laufe – mir selbst dazu einen flotten Beat aufs Hirn geben, der in mir vibriert … viel besser als Kopfhörer sind selbstgenerierte Körpersonds, geht ja viel tiefer.

Natürlich gibt es den Martinismus historisch bereits, auch das gehört so, und der frühere Martinismus war eine radikale Sekte in Südfrankreich, mit Leuten, die christlich und kommunistisch waren, arm und entschlossen, die die Reichen töten wollten, um das Himmelreich wieder auf Erden zu etablieren 😉 nichts Neues unter der Sonne, sagte der Prediger Salomon.

Solche Anwandlungen wie den extremen Pauverismus habe ich nicht wirklich verfolgt — nur falls das ein potentieller Strafverfolger liest, das ist nicht unser Programm.

Häuserkampf, früher wie heute ist es wichtig und gut, Häuser zu besetzen. Die Häuser denen, die drin wohnen. Wem gehört die Welt, diese Frage muss immer wieder und mit einer gewissen nachhaltigen Ferundlichkeit öffentlich angegangen werden.

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