Fragen, Antworten, Synchronizität

Wie stets kommt eines zum anderen. Mit der Auflösung meiner Verbindungen mit dem korrupten System öffnet sich der Raum für neue Bewegungen. Ich brauche nicht mehr so zu tun, als wären meine Fähigkeiten innerhalb dieser Systeme sinnvoll verwendbar. Also stellt sich mir die Frage – wohin mit der freien Energie? Wenn ich darauf verzichte, den Feldzug gegen die Wackness weiter zu führen – was ursprünglich mein Plan war, und es juckt mich schon, angemessene Maßnahmen durchzuführen – dann könnte ich anderen Impulsen Raum geben. Vermutlich gesünder für mich. Passend zu der Frage stellten sich heute Ideen ein, was mögliche Wege wären. Drei längere Gespräche mit Leuten geführt, die auf ihre Art Ähnliches getan haben und tun, und daraus viel für mich gezogen. Resonanz. Im Grunde gibt es viele gute Wege, an Mut mangelt es mir nicht, aktuell aber an Entschlossenheit – alleine mag ich mich nicht mehr ins Getümmel stürzen, sondern ich suche nach Verbündeten. Das wurde allerdings als ein wahrscheinlicher Irrweg markiert, so wie zuvor der irrwitzige Versuch, innerhalb des Systems zu arbeiten; auch da war ich an sich gewarnt – und ich habe das Gefühl, dass es irgendwie schlau wäre, meine Muster nicht zu wiederholen. Bloß – weder komme ich da raus, noch kann ich darin bleiben, und nichts tun ist auch keine wirklich gute Option. Also variiere ich lediglich kleine Dinge. Und halte die Sinne wach und offen, um mir eine neue Gelegenheit zu schnappen. Das Scheitern gehört absolut dazu, und wenn schon sonst nichts anderes – darin bin ich mittlerweile ganz gut geworden. Vielleicht gelingt ja auch mal eine gemeinsame Arbeit, das wäre gerade durchaus hilfreich.

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Kleinste gemeinsame Nenner

Ich habe in letzter Zeit einige Versuche von Gemeinschaftsbildung begleitet bzw. bin da dabei gewesen. Und stellte fest – nicht mein Verein, die verbindende Klammer von geteilten Anliegen hält nicht zusammen, was an Gegeneinander ebenfalls vorhanden ist. Theoretisch sollte „ein Mensch sein“ bereits ausreichen. Praktisch sind Menschen alle verseucht durch menschenfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen. Wir machen uns viel zu oft gegenseitig kaputt. Ist das nun schade, traurig, änderbar, ein zu akzeptierendes Ding? Ich weiß es nicht.

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Privatsphäre – und der Faschismus der Zukunft

In diesem Text geht es um die totale Überwachung – etwas, was bereits vom Potential her hier ist und sich machen läßt, weswegen ich glaube, so wird es kommen: Es gibt keine Privatsphäre mehr. Nur unausgewertete Daten. Wann ich wo bin und was ich tue – es läßt sich rekonstruieren. Nicht von jedem Menschen, aber prinzipiell. Nicht lückenlos, aber das ist eine Frage der Zeit und der technischen Entwicklung. Logischerweise wird die Zukunft die totale Überwachung in Echtzeit bringen. Das wird uns dann als Schutz verkauft oder durch erweiterte Möglichkeiten und Bequemlichkeit schmackhaft gemacht oder auch gesetzlich vorgeschrieben, und sozialer Gruppendruck erledigt den Rest. Bereits jetzt bin ich dauernd überwacht. Sitze ich am PC, dann ist, was ich tue, sekundengenau aufgezeichnet. Über die Hardware hat niemand mehr Kontrolle – ob es werkseitig eingebaute Backdoors gibt, die Zugriff auf den PC ermöglichen und beispielsweise Verschlüsselung aushebeln – man weiß es nicht und vor allem kann man es nicht mehr wissen. Aber auch ohne einen PC im Haus hängt ja alles, was mit der Außenwelt zu tun hat, an Computern. Beispiel Energie: Mein Stromverbrauch variiert, je nachdem, was ich in der Wohnung tue – Musik hören, ein Bad nehmen (Warmwasser), Aufladung des Mobiltelefons, Haare föhnen etc. Der Dienstleister, der mir den Strom abrechnet, kann meine Verbrauchsmuster aufzeichnen und auswerten. Werde ich nie wissen. Auch nicht, wer sich das noch anschaut. Wurde aber bereits durch Polizei gemacht, um beispielsweise heraus zu finden, ob Leute illegale Ganja-Plantagen betreiben. Bin ich daheim oder nicht – es ist durch das Mobiltelefon feststellbar, wo ich bin. Da greift der soziale Gruppendruck – es ist privat und auf Arbeit unakzeptabel geworden, wenn du nicht erreichbar bist. Nur ein Festnetz-Telefon zu haben oder gar überhaupt kein Telefon – das geht nicht mehr durch. Also kommt man nicht drum herum. Natürlich zeichnet das Telefon alles auf – Gespräch und Hintergrundgeräusche, Ort, Zeit, Verbindungsdaten. Und darauf haben die Sicherheitsorgane vollen Zugriff. Wie auch auf Transaktionen: Was mein Konto macht, das wird für alle Transaktionen aufgezeichnet, und diese Daten sind durch Geheimdienste, aber auch durch das Jobcenter einsehbar. Ich kaufe etwas mit EC-Karte – da ist feststellbar, wann und wo. Bargeld wollen sie ja abschaffen. Aber auch mit Bargeld bin ich trotzdem auf den Video-Überwachungssystemen. Noch können die Video-Überwachungen nicht viel, aber bald werden sie nicht nur jeden Menschen identifizieren, sondern können durch Gesicht und Bewegungsweise auch auslesen, wie es mir geht. Und es wird Austausch darüber geben, welche Kamera wen wann wo gesehen hat. Denkbar ist auch, das zu verknüpfen. Ist jemand außerhalb seiner Homezone unterwegs – dann fällt das auf. Was macht der Mensch an dem Ort – da gehört er doch nicht hin. Denkbar wäre auch, Leute auf Bereiche zu beschränken, also eine elektronische Fußfessel, nur unhintergehbar. Es ist aber nicht nur die Kontrolle des Körpers im Raum, sondern auch der Äußerungen: Die Applikationen, die ständig lauschen (weil sie Sprachsteuerung haben), nehmen dauernd zu. Natürlich nehmen die alles auf, und wie es ausgewertet wird, kann ich nie wissen. Noch ist das freiwillig, nur – auch das eine Frage der Zeit, bis es eben keine anderen Geräte mehr gibt. Spannend die Geräte, wo – wie neulich bei IP-over-Powerline-Adaptern – ein Mikrophon eingebaut ist, von dem man als Käufer nichts weiß; praktisch eine Wanze. Diese Funktion sei werkseitig deaktiviert, hieß es dann. Ob sie über das Internet heimlich aktiviert werden kann, dazu war nichts zu erfahren. Vermutlich wird es zum Standard werden, dass immer überall Geräte mithören, bei jedem Gespräch. Und es wird auffällig sein, wenn jemand oder mehrere Menschen irgendwo ohne Telefone (oder wie der Kommunikator dann heißen wird) unterwegs sind – sicherlich wird das kommen, dass alle getrackt werden, und es eine Art Triangulation gibt, sprich es werden mehrere Datenquellen verknüpft, um jeden Menschen immer eindeutig zu identifizieren. Ein unidentifizierter Mensch, das wird illegal sein (und automatisch zu Maßnahmen führen, um Sicherheit zu gewährleisten). Durch Drohnen ist es möglich, die Lücken in der Kamera-Überwachung zu schließen – bei Tag und bei Nacht. Fernmobilität (Autos, LKWs) wird sicher getrackt, was fährt wo und wann und wie schnell – ein Auto ist ein Computer, das ist ja bereits heute so. Welche Daten ausgetauscht werden, ist durch den Nutzer nicht zu kontrollieren. Und generell unüberwachte Mobilität – allein im Wald spazieren gehen – ist dann nicht mehr drin. Das war die Art, wie in der DDR die Dissidenten sich getroffen haben abseits der Stasi-Überwachung. Zufällig im Wald getroffen. Stasi ist ein gutes Stichwort für den nächsten Aspekt – wer über wen welche anderen informiert. Falls es Leuten gelänge, sich dem zu entziehen, würde durch ihre Kontakte – so wie Facebook es bereits macht – dennoch der Nicht-mitmachende Mensch identifiziert und komplett ausgeforscht werden können – soziales Netz, etc. Bei Leuten, von denen es Sicherheitsorgane besonders interessiert, werden natürlich wie eh und je menschliche Informanten angedockt werden, die bezahlt für Aufklärung und Verhaltenssteuerung der Zielperson sorgen. Und zwar parallel zu den indirekten Aufklärungsmethoden, die bereits angesprochen wurden. Wer ist in diesem Überwachungssystem Zielperson? Daran wird in Russland und China gearbeitet, und anderswo sicher auch: Der Bürger-Score. Also ein Punktwert, den du als Person hat, und der deine Systemtreue und Systemrelevanz abbildet. Was gut, richtig und wertvoll ist (und was nicht), das kann natürlich programmiert werden. Es könnten aber auch statistisch aus den Daten – also von unten nach oben – solche Kriterien gebildet werden – daran arbeiten Amazon und Konsorten. Wer wird ein profitabler Kunde, wer ein guter Mitarbeiter? Die negative Seite – wer wird ein Verbrechen begehen – auch daran wird gearbeitet, Stichwort predictive profiling. Einer Technokratie der Zukunft werden die Mittel zur Verfügung stehen, die Gesellschaft total zu steuern. Inklusive natürlich der Macht über Leben und Tod. Es wäre ein Leichtes, einen Mechanismus einzubauen, der deine Körperwerte analysiert – da ist dann klar, wann du dich freust oder wütend bist, wann du schläfst oder wach bist, wie gesund du bist … lauter so Sachen. Ein eingebauter Killswitch würde es ermöglichen, dich per Internet abzuschalten – dann stirbst du, oder wirst ohnmächtig (und sie können dich einsammeln). Allein diese Drohung würde alle gefügig machen. Es würde dann die Einladung zu einer Maßnahme nicht mehr durch äußere Sanktionen (Strafe), sondern durch innere Sanktionen (Belohnung, Schmerz) begleitet. Das Netz wäre dann natürlich der Gott der Welt, an den zu glauben alle gezwungen wären. Apostasie ist der Tod. Und es wäre sicher möglich, dieses System zum besten und einzig möglichen System zu stilisieren. Ganz unvernünftig, da nicht mit zu machen. Das ist der Faschismus der Zukunft.

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Lebenswege (wie ein Mensch wird was er oder sie ist)

Was ich meine, wie die Welt ist, ist zwangsläufig das Ergebnis der eigenen Erfahrung. Kombiniert mit dem, was ich selbst-gesteuert dazu gelernt habe, seit ich Erwachsen bin.

Ich habe Psychologie studiert, lange und erfolgreich (was das Herausfinden von Dingen angeht), war danach Jahre lang weiter in Bildungsprozessen (Uni, Psychotherapeuten-Ausbildung, politische Arbeit) und bin ein eifriger Leser und Angelegenheiten-Recherchierer. Einfach, weil ich es wirklich wirklich wissen will. Das ist meine Passion. Wäre gerne ein Professor geworden.

Hier eine open source Zusammenfassung wesentlicher Erkenntnisse, hoffentlich nutzbar für andere und einigermaßen verständlich.

Es gibt keine Wahrnehmung von Dingen an sich, sondern unser Körper und insbesondere unsere Sinnes-Systeme machen aus einer Flut von Reizen in einem massiv parallelen Verarbeitungsprozess Muster höherer Ordnung – Abstraktionen.

Aus potentiell unendlich vielen Reizen filtern wir einen winzigen Teil heraus, der für uns Bedeutung trägt, weil er mit unseren Bedürfnissen zu tun hat. Das ist Lernen.

Diese bio-psycho-soziale Tatsache ist wesentlich, um zu verstehen, was Menschen sind. Durch Wissenschaft haben wir etwas darüber herausgefunden, wie wie Organismen funktionieren.

Wir wissen, dass das so und nicht anders ist, weil wir die Experimente, die es belegen, beliebig oft durchführen können – und immer kommt das gleiche dabei heraus. Was wissenschaftlich als Replizierbarkeit bezeichnet wird.

Natürlich sind alle menschlichen Tätigkeiten und Ergebnisse von Tätigkeiten, genau genommen alle Zustände – nicht mit Gewissheit dingfest zu machen, weil sie sich mir ja auch nur über die Sinneseindrücke vermitteln.

Mit diesen Fragen hat sich die Philosophie und die Psychologie auseinander gesetzt, solange es Menschen gibt. Bevor die wissenschaftliche Methode entwickelt wurde, war das das Feld der Religionen. Und natürlich sind alle menschlichen Dinge umkämpft, denn was für wahr oder für falsch zu halten ist, wird auf dem Feld bestimmt, was wir Gesellschaft und insbesondere auch Politik nennen.

Sehen ist eine durch Lernen aufgebaute Fähigkeit. Hören ist eine durch Lernen aufgebaute Fähigkeit. Sich bewegen, etwas tun, Sprechen, Denken, Lesen, Schreiben, soziale Interaktion – all das sind Fähigkeiten, die durch Lernen erst möglich sind. Und jedes Lernen setzt soziale Interaktion voraus. Es muss zwangsläufig ein Gegenüber da sein, damit Lernen passiert. Eine Situation, die eine Rückmeldung enthält.

Wir wissen dies, weil es bedauernswerte Fälle gab, wo Menschen depriviert wurden – eben kaum bis keine soziale Interaktion da war. Dann verzögert sich Entwicklung, oder sie findet nicht statt. Im Extremfall sterben Menschen, wenn sie keinen menschlichen Kontakt haben (Säuglinge, Babys, Kleinkinder).

Lernen ist im Kern folgendes: Auf einen wahrnehmbaren Reiz, der an und in unser System gelangt, folgt eine Zustandsänderung unseres Systems. Diese wird durch unser angeborenes Bewertungssystem – emotional und vegetativ – als positiv (Bedürfnisbefriedigung), neutral (macht weder etwas gutes noch etwas unangenehmes, daher irrelevant) oder schädigend (Schmerz, Hunger, Mangel, Not, unbefriedigtes Bedürfnis) eingestuft.

So lernen wir, was wir aufsuchen und was wir vermeiden. Quellen von Schädigung werden im Gedächtnis abgelegt, um diesen Schaden nicht noch einmal zu erleiden – begleitet von Angst, wenn etwas ähnliches uns wieder auf den Radar gerät. Quellen von Befriedigung werden gespeichert, damit wir sie aufsuchen und nutzen, falls sie in der Nähe sind. Interessant und bedeutsam sind natürlich auch Begleitumstände – wann, wo, wie riecht es, wie sieht es aus, wie hört es sich an, wie fühlt es sich an etc.

Wenn sich über viele Wiederholungen ein Muster einstellt – erst x, dann recht wahrscheinlich y – legen wir eine Verknüpfung an, eine Assoziation, eine Verbindung. Das passiert im Gehirn auf der Basis von Nervenzellen. Es ist ein psycho-biologischer Vorgang.

Während der frühen Kindheit ist alles verbunden. Da passiert zunächst mal folgendes: Verbindungen werden gestärkt, wo Muster gefunden werden, und sie werden abgebaut, wenn die Verbindungen keine Verstärkung bekommen. Ein Kinder-Gehirn hat das Potential, alles zu lernen – und reduziert das dann auf die Verbindungen, die benutzt werden. Sparsamkeit. Weil das so ist, gibt es Phasen, in denen Menschen sehr stark geprägt werden können. Daraus resultiert auch die enorme Empfindlichkeit und Verletzlichkeit von Kinder-Seelen und Kinder-Gehirnen, während später die Jugendlichen und Erwachsenen sehr viel weniger beeinflussbar sind.

Entwicklungspsychologie ist der Zweig der Psychologie, der sich mit den Fragen rund um die Ausformung der Psyche im Kindes- und Jugendalter beschäftigt. Da gibt es den Befund: Zu gewissen Zeiten werden bestimmte Aspekte der individuellen Persönlichkeit entwickelt in Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umgebung.

Dabei bauen Fähigkeiten und Entwicklungen aufeinander auf, so wie ein Tech Tree (Technik-Baum) in einem Computerspiel. Eines ist darin Voraussetzung für weiteres. Weil das so ist, dass Entwicklungen auf vorhergehenden Entwicklungen aufbauen, kann bei einer frühkindlichen Störung sehr viel von dem, was eigentlich folgen würde, nicht passieren – so entstehen massive psychische Störungen.

Grundlegend ist Bindung, gefolgt von Konflikten über Bindung vs. Autonomie. Sichere oder unsicher Bindung, das ist die erste und wichtigste Prägung im Leben. Werde ich geliebt, versorgt, beschützt? Was darf und muss ich für die Zukunft diesbezüglich erwarten?

Und dann: Darf ich ein eigenes Ich sein, darf ich etwas tun oder nicht, und was, und in welchen Grenzen? Wofür werde ich verstärkt (belohnt), wofür bestraft? Wann fällt etwas unangenehmes weg, wenn ich etwas bestimmtes tue (negative Verstärkung = Belohnung)? Die negative Verstärkung ist der wichtigste Mechanismus überhaupt.

Wenn alles ok ist, brauche ich gar nichts zu tun und bin zufrieden. Sobald Zeit vergeht, stellen sich Bedürfnisse ein. Es kommt Hunger und Durst, es kommt Kälte oder Hitze, es kommt Schmerz, es kommt Ausscheidungsbedürfnis. Dann wird es unangenehm, und ich bin veranlasst, etwas zu tun, was diesen unguten Zustand bessert, der als leidvoll empfunden wird. Wenn ich etwas tue und danach ist es besser, dann bekommt genau dieses Tun die Eigenschaft gut, bedeutsam, richtig. Es wird negativ verstärkt, verhaltenswissenschaftlich ausgedrückt. Nicht mit Bestrafung verwechseln – negative Verstärkung ist der Wegfall von etwas Unangenehmem.

Hunger/Durst, Kälte/Hitze, Schmerz – werde ich versorgt (gefüttert, gewärmt/gekühlt), wird Schmerz gelindert, werde ich getröstet? Bekommt überhaupt jemand mit, wie es mir hilflosem kleinen Wesen geht – und interessiert es jemanden? Das ist enorm wichtig, und hier werden Muster angelegt, die das ganze restliche Leben prägen.

Die Reinlichkeitserziehung macht ebenfalls einen starken und sehr unterschiedlichen Abdruck in der Psyche von Menschen, je nachdem, wie es diesem Menschen ergeht. Hier wird ein wesentlicher Parameter eingestellt – wie stark kontrolliert muss ich sein, wie sehr muss ich Bedürfnisse zurück halten. Was passiert, wenn ich das nicht schaffe, wenn ich schwach werde, laufen lasse, wenn Scheiße passiert? Kommt dann Hilfe, Strafe, gar nichts? Werde ich zart oder hart behandelt? Wie sauber muss ich sein, und wann muss ich das können? Kriege ich es hin – oder bin ich überfordert und offenbar ein Menschenkind, was es nie richtig macht? Auch hier werden grundsätzliche Erwartungsmuster geprägt, die lebenslang wirken.

Mit 2-4 Jahren sind diese Basis-Geschichten (laufen und Sprache verstehen und reden als Basis für soziale Interaktionen) zumeist gelernt. Dann kommt das Soziale – der Umgang mit anderen, die nicht die Eltern sind. Gleichaltrige, insbesondere. Und Tiere. Alles wird erkundet, und es wird nach Sprache verlangt. Auf alles wird gezeigt – wie heißt das, was ist das? Alles wird ausprobiert.

Bereits jetzt ist Geschlecht und Gender programmiert. Kinder erfahren, für was sie angesehen werden, was sie zu sein haben und wie. Ein Junge weint nicht. Ein Mädchen macht sowas nicht. Je nach biologischem Geschlecht werden Kinder komplett verschieden behandelt, angezogen, angeregt, ermutigt oder entmutigt, mit verschiedenen Erwartungen konfrontiert, denen sie entsprechen müssen. Weil Bindung überlebensnotwendig für Kinder ist, tun Kinder alles, was sie näher an ihre Eltern bringen kann – und vermeiden alles, was sie einem Liebesentzug aussetzt. Kinder geben sich große Mühe, zu gefallen. Wie leicht oder schwer das gelingt (wenn überhaupt) – auch das prägt unser Leben.

Dann kommt in unserer Gesellschaft die faktische Trennung von den Eltern. Das ist ein großer Schritt – in eine Bezugsgruppe zu wechseln, die für lange Zeit (oft die meiste wache Zeit des Tages) um dich herum ist. Kindergarten, das bedeutet: Auf sich allein gestellt. Nirgends die – mehr oder weniger – vertrauten Personen. Neue Vertrauenspersonen müssen mental angelegt werden, mit denen umzugehen ist. Neue Regeln, neue Muster, neue Lernerfahrungen. Was mehr oder minder gut gelingt. Unsicher gebundene Kinder und Kinder, die eigentlich noch nicht reif und bereit dazu sind, empfinden enorme Angst unter diesen Bedingungen. Was weitere Entwicklung massiv behindert. Angst ist schlecht für Lernen. Sie macht das System zu.

Manche finden Anschluß, manche sind isoliert. Ablehnung passiert – Kinder sind nicht gehemmt darin, aus Unterschieden Gründe für Anfeindung zu machen (eine soziale Fertigkeit). Und Kinder sind erst dabei, Empathie zu lernen (ein mentales Modell davon, wie sich etwas bei einem anderen anfühlt).

Generell ist die Fähigkeit zu sozialer Interaktion etwas Gelerntes und sich kontinuierlich Entwickelndes – sie benötigt Mentalisierungsfähigkeiten, also das Aufbauen eines Bildes oder Modells oder einer Simulation davon, wie andere sind, was sie denken, fühlen, wollen, wie sie sich vermutlich verhalten).

Diese Tatsachen stecken hinter Kinder sagen die Wahrheit (sie wissen nichts über soziale Konventionen) und Kinder sind grausam (sie können noch nicht gut empathisch reagieren).

Soziale Lernerfahrungen in der Zeit zwischen 3 und 6 prägen wesentlich unseren Selbstwert – eine Eigenschaft, die den Status in sozialen Gruppen beschreibt. Beliebt, unbeliebt. Schön, häßlich. Stark, schwach. Überlegen, unterlegen. Was wir in dieser Zeit an Rückmeldungen bekommen, prägt ebenfalls lebenslang. Und es liegt überwiegend in der Hand von Kindergärtnerinnen. Danach – in der Grundschule – von Lehrerinnen. Und in der Dynamik, die aus der sozialen Gruppe resultiert, aus deren Zusammensetzung und Kultur. Welche Verhaltensweisen werden belohnt – Zusammenarbeit, Konkurrenz, laut sein, brav sein?

Mit sechs Jahren sind Kinder oft recht rigide, was Regeln angeht. Was sie als Gesetz erkannt haben, das sollen alle genau so machen. So wird das gemacht, und nicht anders. Abweichungstoleranz eher so null, und sie ärgern sich, weil sie merken, dass sich doch sehr viele an gar nichts halten (auch die Erwachsenen nicht).

Am Ende der Grundschulzeit sind Menschen charakterlich bereits weitgehend geprägt, und die Bildung von Interessen ist ebenfalls mit 12 Jahren abgeschlossen. Was nicht angeregt wurde, kommt auch nicht mehr (mit hoher Wahrscheinlichkeit – ausgeschlossen ist es nie, dass neue Wege gesucht und beschritten werden).

Es folgt die soziale Selektion. Welche Schule wird nun besucht? Leistung ist ein Kriterium. Selbststeuerungsfähigkeit (soziale Anpassung) ist ein weiteres Kriterium. Beide Variablen stehen in engstem Zusammenhang mit dem sozialen Status, den die Herkunftsfamilie hat – Bildung, Einkommen und Besitz.

Wie gut die Mutter die Landessprache spricht, ist entscheidend für die Sprechfertigkeit des Kindes. Wie viel Geld in der Familie ist, bestimmt die Qualität der folgenden Ausbildung. Wichtig ist auch, wie viel Zeit die Mutter (oder die Eltern, wenn auch ein Vater da ist) mit dem Kind bzw. den kindern verbracht hat, und mit welcher Beziehungsqualität und Anregungsdichte diese Zeit gestaltet wurde.

Nach der Grundschule ist für die allermeisten der Lebensweg entschieden. Die absolut überwiegende Mehrheit bleibt in der Klasse und Schicht, in der sie geboren wurde. Entgegen den wohlfeilen Sprüchen von der Durchlässigkeit der Gesellschaft leben wir tatsächlich in einem Kasten-System. Wer das bezweifelt, möge sich soziologische Studien dazu zu Rate ziehen.

Und es kommt die Pubertät – die Geschlechtsreife zieht herauf, alles ändert sich durch die hormonelle Umstellung im Körper. In dieser Phase können junge Menschen eigentlich nicht beschult werden, weil ihr gesamtes System umgestellt wird. Trotzdem – und in direktem Widerspruch zu allen pädagogischen und psychologischen Erkenntnissen über diese Vorgänge – werden genau zu diesem Zeitpunkt die Leistungsanforderungen erhöht. Der resultierende Stress macht die jungen Menschen natürlich wütend, zugleich werden sie mit ihrer totalen Machtlosigkeit konfrontiert. Man zeigt ihnen, wo der Hammer hängt. Disziplin, Ordnung, Pünktlichkeit. Eine Zwangsjacke.

Die von Haus aus gehemmten Menschen kommen später als andere in die Pubertät – auch das ein interessantes Phänomen. Und insgesamt verlängert sich die Phase der Abhängigkeit und Nicht-Autonomie in westlichen Ländern – das ist ein weltweiter Trend. Längeres lernen, weil komplexere Fähigkeiten in der Arbeitswelt gebraucht werden.

Für einfache, ausgeprägt männliche Männer wird es nun sehr schwer.

Die Tätigkeiten, die vor allem auf Körperkraft und Fitness aufbauen, sind durch Maschinen weitgehend ersetzt – wo es LKW gibt, braucht es keine Träger. Wo es Kräne gibt, braucht es sehr viel weniger Bauarbeiter. Strom und Benzin haben die Muskelkraft entwertet. Und – wo es Staat und Staatengemeinschaft gibt, wo der Krieg eingehegt wurde – und damit innerer und äußerer Frieden herrscht, so wie in Europa seit dem Ende des zweiten Weltkrieges – da braucht es auch den Mann als Krieger nicht. Eher füllen die starken Männer mit dem hohen Testosteron-Spiegel die Gefängnisse, weil sie soziale Regeln schlechter lernen (eine Funktion des Geschlechtshormons!) und weil sie die Regeln häufiger brechen (95% der Gefängnis-Population sind Männer).

Für Frauen wird es ebenfalls sehr schwer. Einerseits ist biologisch die richtige Zeit, Kinder zu bekommen, zwischen 14 und 21 (ich bin nicht für Sex mit Kindern oder minderjährige Schwangerschaften!). Andererseits ist gesellschaftlich die Kindheit und die Jugend verlängert, es gibt mehr und länger zu lernen, und zudem eine Erwartung an die Frauen, dass sie sich selbst durch Lohnarbeit erhalten, statt dass die frühere Arbeitsteilung – sie kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, er um die Lohnarbeit – oder die noch frühere gemeinsame Feld- und Hausarbeit mehrerer Generationen auf gepachtetem oder eigenem Land noch möglich wäre.

Also verschieben Frauen, die aus der Mittel- oder Oberschicht stammen, das Kinderkriegen bis an oder über die Grenze von 30 Jahren. Biologisch ist das Bockmist, denn das erste Kind bekommen sollte vor 30 erfolgen, weil danach die Fertilität (wenn noch keines geboren wurde) steil abnimmt.

Unterschicht- und untere Mittelschicht-Frauen machen Kinder, aber haben dafür in der Regel einen Partner aus der gleichen Schicht, was bedeutet: Geringe Chance, ein gutes Einkommen zu erzielen, auch wenn beide Partner arbeiten. Dafür wird mit hoher Wahrscheinlichkeit der Mann diese Konstellation verlassen – wie generell die Ehe durch eine Überlastung mit Anforderungen heute praktisch nicht mehr machbar ist. So kommen diese vielen, vielen allein erziehenden armen Frauen zustande. Die das biologisch richtige tun – und dafür gesellschaftlich abgestraft werden. Was dann die Kinder ausbaden dürfen.

Hier liegt der Grund, wieso sehr viele ganz normale Männer und Frauen heute arg unzufrieden sind – sie arbeiten sich den Arsch ab, erreichen dabei nichts, besitzen nichts und leben mit dem Gefühl, dass die Gesellschaft auf sie rein gar nichts gibt.

Betrachten wir die Einkommens- und Vermögensverteilung, dann liegen die Gründe dafür auf der Hand. Ich bin kein Soziologe, aber ich kann mit Lego-Steinen was basteln. und genau das habe ich getan.

Es gibt Statistiken, wer wie viel besitzt, und wie hoch das netto-Einkommen für bestimmte Bevölkerungssegmente ist. Diese Statistiken sind frei zugänglich. Sie tauchen in der einen oder anderen Form immer mal in der Zeitung oder im TV (was ich praktisch nicht nutze, lieber lese ich oder sitze am PC) auf, und das statistische Bundesamt macht es möglich, sich vieles anhand der offiziellen Zahlen anzusehen.

Interessant an den Statistiken ist vor allem eines: Sie werden immer komplett unanschaulich präsentiert. Das wollte ich für mich selbst ändern – daher das Experiment, die Gesellschaft bezogen auf Einkommen mal nach zu bauen – als Lego-Modell. Hier das Ergebnis:

Brutal vereinfacht: 80% Sklaven, 10% Lakeien, 10% Kapitalisten. Wem gehört Deutschland?

Die mittlere Säule – das sind Menschen. Wie viele in welcher Höhe Einkommen erzielen, ist durch das Volumen der Säule und die jeweilige Höhe angenähert. Es geht immer um das Einkommen einzelner Personen. Unter 1420€ netto liegen braun (Einkommen knapp über Harz 4) und schwarz (Harz 4). Das ist ein Drittel der Bevölkerung. Darüber die Mittelschicht (rot) mit einem Einkommen von 1420€ bis 2660€ netto. Das ist die Hälfte der Bevölkerung. Hier werden die Wahlen entschieden. Zusammen machen diese Schichten 80% der Bevölkerung aus.

Neben der zentralen Säule sind die Vermögen abgebildet. Ich habe leider gerade die Prozentwerte nicht mehr parat – es gibt aber einen separaten Blog-Eintrag (nämlich, als ich das Ding gebastelt habe), wo es genau drin steht, was wie wieso warum wie viel.

Hier nur der Hinweis: Die Schwarzen besitzen ein Legosteinchen, die Braunen 2. Erst ab der Mittelschicht (rot) gibt es was zu verlieren – sie haben etwa 16%. Besitz – wie Häuser oder Fabriken – findet sich dagegen zumeist bei den Top-20% der Bevölkerung, die 80% des Vermögens besitzen.

Das sind die Leute aus der oberen Mittelschicht (grün, Bildungsbürgertum – die Leute, die es gut meinen und die nicht wissen, wie gut und privilegiert sie es eigentlich haben) und aus der Oberschicht (gelb, hellgrün – die Liberalen-Wähler, Leistungsträger etc.).

Hier wird die Gesellschaft zum Turm – tatsächlich ist er sehr viel höher und spitzer, nur ist das mit Lego nicht machbar gewesen. Die Millionäre sind hier viel mehr (ihre Anzahl ist kleiner als ein Klötzchen) und viel näher am Rest dran, als es tatsächlich der Fall wäre bei einem besseren (genaueren) Modell.

Ich vereinfache mal brutal: 80% Sklaven, 10% Lakeien, 10% Kapitalisten, darunter 1% Weltbesitzer.

Und gerade wurde in NRW wieder mal die Reaktion (CDU/FDP) gewählt – da wird Sozialabbau und Privatisierung und Studiengebühren gemacht, wodurch die Geschichte sicher weiter schlimmer werden wird.

 

 

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Macht, Gewalt und Schmerz (Erziehung)

Viele Leute haben ein gespaltenes Verhältnis zu Gewalt. Ich auch. Macht und Gewalt, das ist letztlich das Gleiche.

Die beste Definition, die mir bisher unterkam: Macht ist die Fähigkeit, Schmerz zuzufügen. Findet sich bei Orwell im visionären Buch 1984 (was absolut alle Menschen gelesen haben sollten – denn es beschreibt exakt das, was gerade weltweit passiert). Die Definition von Macht als Fähigkeit, Schmerz zuzufügen, findet sich im Rahmen der Handlung dort, wo der Protagonist des Buches in der Folterkammer mißhandelt wird – namentlich dem Raum 101, wo alle Menschen auf das treffen, was sie am meisten fürchten.

Ziel von offener Gewalt ist es zumeist, sich überflüssig zu machen durch eine schmerzhafte Lernerfahrung. Danach hat das Gewaltopfer gelernt – ich kriege auf die Fresse, wenn ich mich nicht unterordne.

Diese Form von Gewalt – regelhaft praktiziert vom Gewaltmonopolisten – finden wir gleichzeitig schlecht und bejahen sie als Notwendigkeit.

Gewöhnlich werden wir uns der Widersprüche in uns selbst (nicht nur bezogen auf Gewalt) kaum bis gar nicht bewußt, weil unser Gehirn nach dem Prinzip arbeitet, Widersprüchlichkeit und daraus resultierende unangenehme Spannungszustände zu vermeiden und zu reduzieren. Angestrebt wird eine Balance, ein ausgeglichener Zustand, ein positives Selbstbild.

Wir wären gerne gut, und weil wir es nicht sind, schieben wir die unguten Anteile weg und verschieben sie auf andere – auf ein böses Außen, auf Fremde, auf Feinde etc.

Dieses Prinzip wurde unter vielen Namen in der Psychologie ausgeleuchtet.

Die unangenehme Spannung heißt zum Beispiel in der wissenschaftlichen Psychologie kognitive Dissonanz. Gut belegt – das Hirn will diese Dissonanz reduzieren. Wenn das gelingt, stellt sich eine Erleichterung ein, die als belohnend und angenehm erlebt wird. Deswegen ist es eine Entlastung, wenn ein Feindbild angenommen wird. Die Bösen sind die anderen.

Nun bleibt es nicht aus, dass im Leben Situationen der Konkurrenz und der Feindschaft auftreten. „Mein Schäufelchen – nein, meins!“.

Für beide Individuen ist natürlich das eigene Fühlen und Denken zugänglich, dass der anderen Person dagegen wird im Kopf simuliert auf der Basis von Vermutungen und Erwartungen. Es folgt eine Abwägung – kann ich mich hier durchsetzen? Was wird passieren? Und es passieren frühe Lernerfahrungen, die das ganze Leben prägen. Bin ich stark oder schwach? Bin ich im Recht oder im Unrecht? Bin ich geschützt – jemand hilft, wenn meine Rechte verletzt werden – oder bin ich hilflos ausgeliefert? Aus diesen Mustern, die sich in der Kindheit etablieren, kommen wir später nie wieder wirklich raus, jedenfalls nicht, was die Gefühle angeht.

Niemand ist gerne Opfer, wenn es um Gewalt geht. Macht erfolgreich ausüben – das ist schön. Aber es wird auch bestraft (sanktioniert), wenn die Gewalt gegen die Regeln ist.

Hier beginnt die Zerrissenheit. Kindern wird im Kindergarten gesagt: Du darfst nicht schlagen. Das ist eine Regel, und die wird mit Macht durchgesetzt. Bloß – was sie auch lernen MÜSSEN – wenn du dich nicht mit Gewalt behauptest, bist du verloren, denn die Erwachsenen sind nicht immer da als Schutz und Sicherheit, und andere Kinder sind zum Beispiel vom Temperament her sehr viel weniger regel-konform, nutzen Schläge also freimütig. Also wird vom kind erwartet, zu lernen, wann es mit wie viel oder wie wenig Gewalt wie gut durch kommt.

Und der Aspekt, den wir gerne nicht sehen wollen: Die Erzieherinnen verwenden andauernd Gewalt, sie strafen psychisch und physisch – was gerne abgeleugnet wird, aber mein Sohn hat es mir berichtet – zwicken, boxen, schmerzhaft fest greifen, herumziehen, einsperren, anschreien, beschämen, ausgrenzen, schikanieren, gezielt nicht helfen bei Situationen der Hilfsbedürftigkeit wie dem Klo-Gang etc. Vorschule, Schule, da ist es ähnlich.

Und natürlich verwenden Eltern viele Formen von Gewalt und Machtausübung. Erziehung ist leider nicht nur Lernen am Model (gutes Vorbild bzw. schlechtes Vorbild), sondern regelhaft ist sie gewaltförmig.

Wie sollte das auch anders sein? Einem Kind kannst du nicht argumentativ begründen, warum es besser sein soll, in die Kita zu gehen, als zuhause zu spielen. Wenn es nicht will, aber du zur Arbeit musst – dann zwingst du dein Kind, eben weil du selbst auch unter Zwang (Zeitdruck, Arbeitszwang, sogenannte Verantwortung) stehst.

Während ich das schreibe, höre ich eine Nachbarin im Treppenhaus, wie sie ihr Kind anschreit und zurechtweist. Es tut mir weh, und das Kind und die Mutter tun mir leid.

Eltern können nur sehr bedingt etwas dafür. Sie machen das ja nicht gerne. Sage ich was dazu, wenn ich so etwas sehe wie Mutter schlägt Kind, dann gibt es eine zornige aggressive Abwehr, die klar das zugrunde liegende Schuldgefühl offenbart.

Ein häufig vorgebrachtes Pseudo-Argument in diesem Zusammenhang: Ich schlage nicht. Also erziehe ich gewaltfrei. Damit fühlen sich Mittelklasse-Eltern den Proleten aus der Unterschicht moralisch überlegen. Leider stimmt das nicht.

Es ist wissenschaftlich sehr gut belegt, dass die FORM der Gewalt keine Rolle spielt für ein Gehirn. Der Schmerz – und damit die bleibende Programmierung, der psychische Schaden, das Trauma – ist genau gleich, egal ob psychisch, physisch oder beide Formen der Gewalt eingesetzt werden. Wer schreit, schimpft, psychisch Machtmittel benutzt, ist nicht gewaltfrei.

Möglicherweise – aber das wird sicher mißverstanden, trotzdem schreibe ich den Gedanken auf – ist eine Bestrafung physisch besser, denn sie ist ein körperlicher Kontakt von kurzer Dauer. Hintergrund: Strafe nutzt nur, wenn sie unmittelbar dem zu strafenden Verhalten zeitlich folgt. Sie muss eindeutig sein – weil sonst das Gehirn alle Verhaltensweisen hemmt, die rund um die Bestrafung aufgetreten sind. Strafe darf auch nur selten erfolgen, sonst passiert Gewöhnung, und die Strafe wird wirkungslos. Deswegen ist Schimpfen oft so dermaßen ohne Effekt. Auch wichtig zu wissen: Ein Teil der Menschen reagiert ÜBERHAUPT NICHT auf Bestrafung, egal wie hart. Und alle Menschen lernen nur dann wirklich etwas, wenn es Belohnung gibt – nur dadurch wird aktives Verhalten langfristig und beständig geprägt. Passivität (Angst, letztlich Depression) dagegen wird durch psychische Mißhandlungen gebahnt.

Nach diesem Ausflug in die Grundlagen der Psychologie kurz rekapituliert: Die Standardeinstellungen – was Leute sagen, dass sie für richtig halten. Es geht jeweils um Macht und Gewalt.

  1. Gewalt – definiert als verletzen, schlagen, töten – ist moralisch falsch.
  2. Kinder müssen Regeln lernen durch Erziehung. Man mus sie zwingen.
  3. Man darf und muss sich selbst behaupten. Das müssen Kinder lernen. Sie dürfen sich aber nur gegen andere auf gleicher oder niederer Hierarchie-Ebene durchsetzen – nicht etwa gegen Erwachsene.
  4. Ohne Staat und Polizei könnte eine Gesellschaft nicht existieren. Sie schützen die Institutionen Familie, Schule, Arbeitsplatz, Privateigentum etc.

Und noch mal der Hinweis – bei den meisten Konflikten geht es um wem gehört was und wer darf bestimmen.

Das ist deswegen wichtig, weil es die gesellschaftliche Dimension aufzeigt. Eigentum und Machtverhältnisse sind in unserer Gesellschaft ja weder zufällig noch durch eine gemeinsame Übereinkunft (Konsens) bestimmt. Sondern es haben welche Besitz, weil sie aus einer Familie mit Besitz kommen. Kinder haben, was Eltern ihnen geben (können). Und es haben welche Macht, weil sie in sozialen Rollen sind, die letztlich die vorher Mächtigen (der Staat und die Besitzenden) definiert und als Posten an von ihnen ausgewählte Personen vergeben haben.

Nun der Kernpunkt meiner Ausführung: Überall ist Gewalt. Die von oben nach unten wird für legitim erklärt, die von unten nach oben wird bestraft und kriminalisiert. Alle sind Opfer von Gewalt, und alle sind Täter. Was jeden Tag passiert, verletzt uns alle. Die Kinder heute tun es morgen ihren Kumpels und in der Zukunft den eigenen Kindern an. Und wir sind die Kinder von neulich, denen Gewalt angetan wurde.

Wofür das alles? Weil wir nicht frei sind, sondern arbeiten und profitabel sein müssen. Nennt sich Kapitalismus. Die Zurichtung von Menschen auf diesen Zweck bedingt die enorme verdeckte Gewalt in der Gesellschaft. Je mehr Konkurrenz, umso härter die Zurichtung. Das Spiel Alle gegen Alle ist kein Spiel, sondern es macht uns alle kaputt.

 

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Alle Menschen san ma zwider

Von wegen, es gäbe dieses Gefühl von Menschenverachtung und Menschenhass nur im Black Metal. Hier ein Zufallsfund.

Europa-Hymne mal anders. Paßt sehr gut zu der sich überall zeigenden Ausbrüche der Aggression, die unter dem dünnen Firnis der Zivilisation sich aufgestaut hat angesichts dessen, was das kapitalistische System aus uns gemacht hat. Hass und Selbsthass, das sind Elemente, die notwendig entstehen aus einem sinnentleerten Leben, aus der Entfremdung, aus der uns alle bindenden Sklaverei. Die Widersprüche gehen mitten durch uns durch, wir reproduzieren die Scheisse, die wir bekämpfen, und kommen da nicht raus.

Kurt Sowinetz (1972) – Alle Menschen Samma Z’wider

(sung to the melody of Beethoven’s 9th symphony, „An die Freude“)

(gesprochen, sinnierend)
Alle Menschen werden Brüder.
Olle?
Menschen wer’n Brüder?
Ah, WERDEN Brüder!
Alle Menschen werden Brüder.
 
(Chor:)
Na, wir wer’n kan Richter brauchen, weu wir ham a golden’s Herz,
Mir wer’n ollas übertauchen, und dann fohr‘ ma himmelwärts.
Mir san olle guate Lotsch’n, und d’rum homma uns so gern.
Do bei uns streckt kana d‘ Potsch’n, ohne daß die Erb’n rehrn.
 
(gesprochen:)
Ruhe! Ruhe!
Ich wer‘ Euch des jetzt übersetz’n, ohne Genierer, wiar i bi!
I winsch‘ Eich oll’n an Hauf’n Gretz’n, an Zeck im Ohr, und den gwi gwi.
 
(gesungen:)
Olle Menschen samma z’wida, i mecht’s in de Gosch’n hau’n.
Mir san olle Menschen z’wida, in de Gosch’n mecht‘ i’s hau’n.
Vota, Muata, Schwester, Bruada, und de gonze Packelrass‘.
Olle Menschen samma z’wida, wann i Leit‘ sich, geh’r i haß.
 
Wos, Ia’s kennt’s mi a net leid’n, und i sogt’s, I bin net g’scheid?
Oba mit so blede Leit‘ wer‘ i mi no long net streit’n.
 
(gesprochen:)
I bin, sogn’s, a Z’widerwurz’n. Sie sog’n, es is‘ nur der Neid.
I sog: Motschka’n kennt’s, wos tuat’s’n donn groß mit der
G’miatlichkeit?
Is‘ doch eh leicht zum G’neißen, schmiert’s Eich d‘ Gmiatlichkeit in
d’Hoor!
Bei mir werdt’s es ka Leiberl reißen, weg’n den feuln s‘ auf mi, is‘
klor.
 
Ollen Menschen bin i z’wida, se woll’n mi in d‘ Gosch’n hau’n.
I bin oll’n Menschen z’wida, in de Gosch’n woll’n s‘ mi hau’n.
Vota, Muata, Schwester, Bruada,
(gesungen:)
und de gonze Pack’lrass‘,
Ollen Menschen bin i z’wida, wann mi d‘ Leit‘ seg’n, gengan’s haß.
 
(gesprochen:)
Dabei bin i ma söba z’wida, dabei mog i mi söba net.
Jetzt denkt’s Euch: „Gö, da legst‘ di nieda!“ Jetzt hoit’s mi scho für
urndlich bled!
 
Locht’s nur ruhig, ias Safensiada! Eich wird’s Loch’n scho vergeh‘!
Bei der Bledheit samma Briada, des werdts hoffentlich versteh‘!
 
(gesungen:)
Und d’rum hoit i Eich scho wieder vur an Spiagel, an‘ genau’n:
 
(gesprochen:)
Olle Menschen samma z’wida, i mecht’s in de Gosch’n hau’n.
Mir san olle Menschen z’wida, in de Gosch’n mecht‘ i’s hau’n.
(gesungen:)
Vota, Muata, Schwester, Bruada, und de gonze Packelrass‘.
Olle Menschen samma z’wida, i mecht’s in de Gosch’n hau’n.
die Gosch’n hau’n, die Gosch’n hau’n, die Gosch’n
(gesprochen:)
Hau’n.
Der Kurt Sowinetz – ich finde, das ist ein Bruder im Geiste, den mag ich gerne. Ein Denkmal setzen ist schwer, aber einen Blog-Post schreiben ist leicht.
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WordPress-Post per Mail – ein Versuch

Merkwürdige Dinge, die passieren: Leute, die ich kenne, gehen vor mir weg, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Sie sehen, dass ich verletzt bin – und entziehen sich der Situation. Sagen nicht Hallo oder Tschüß. Vermutlich erwarten sie ein unangenehmes oder anstrengendes Gespräch, wenn sie mich fragen würden, was passiert ist. Das finde ich seltsam.

Würde ich einen treffen, dem was passiert wäre – ich wäre garantiert einer, der fragt, was los war. So haben die, die meine Freunde sind, auch reagiert.

Nicht aber die lose Bekannten. Von denen, die ich nicht kenne, kommen abschätzige, verschreckte oder auch verachtungsvolle Blicke.

Interessant auch dies: Um sich psychisch möglichst weit davon zu distanzieren – genauer: Die Idee, dass das jedem und jeder zu jedem Zeitpunkt auch passieren kann, abzuwehren – wird immer gerne konstruiert, dass das ja meine Schuld ist. Andere wären geschickter, schlauer, nicht so unvorsichtig, und daher in Sicherheit.

Bloodied, but unbowed. Nach dem Fahrrad-Unfall. Blut noch rot, das ist nun alles schwarzer Grind. Die härteren Bilder – die mit offenem Mund – erspare ich euch gerne.

Out of the night which covers me,
Black as the pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeoning of chance
My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears
Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds, and shall find me, unafraid.

It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll,
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

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Verluste, Schmerzen, Lektionen

Glück und Gesundheit sind sehr verletzliche Dinge. Ich spüre, dass ich lebe – weil alles weh tut.

Gestern ein schwerer Unfall mit dem Rad, in der Nacht wurden in der Notaufnahme des Universitäts-Klinikums die Zahnsplitter operativ entfernt, mir sind eine Reihe Zähne des Oberkiefers ausgeschlagen worden bei dem Sturz, nachdem ich mit Wucht ein Eisengitter gerammt hatte.

Heute wollte ich dafür sorgen, dass mein Nihola in die Werkstatt gelangt, damit der Rad- und Achsenbruch repariert werden könnte – aber es war schlicht und einfach weg, als ich am Unfallort am Rhein ankam. Da es nicht zu bewegen war, zudem angeschlossen (aber leider nicht am Geländer, weil die Kette dafür nicht gereicht hatte), gehe ich davon aus, dass es nun bei den Fischen auf dem Grund des Rheins gelandet ist. Muss eine Gruppe von Leuten getan haben, einer alleine kann das Ding nicht heben oder gar über eine Brüstung stemmen. Alles, was noch da war, waren einige zerstörte Teile meines Inventars und meine Iso-Matte sowie der Rest von der Hupe.

Meine Digitalkamera war mir zuvor an dem Tag bereits gestohlen worden und ich hatte mich geärgert über dieses Elend, nicht ahnend, wie knüppeldick es noch kommen würde.

In der Nacht war ich mit fragwürdigen Gestalten unterwegs, dabei trafen wir auch auf eine Gruppe von vier Nazis, die uns angreifen wollten – glücklicherweise war uns da die rechtzeitige Flucht gerade so gelungen. Der Chef von denen hat zwei Lebensrunen auf dem Unterarm tätowiert, kommt aus der Urkaine … ich sprach kurz mit ihm, bevor die anderen aus meiner Gruppe alarmierend weg wollten. Besser so; hätte auch da schon keine Zähne mehr haben können. Nun denke ich natürlich, die Nazis sind es auch gewesen, die mein Rad versenkt haben, weil ihnen die offensichtlichen linken Aufkleber darauf – Kein Mensch ist illegal, Antifaschismus bleibt Anti-Sexistisch und dergleichen – nicht gefallen haben. Wäre nahe liegend, denn diese Gruppe ist – nachdem wir nachts auf der Buchheimer Straße auf sie getroffen waren – auch nachmittags am Rheinufer Streife gegangen. Haben am Mäuerchen aber nichts gemacht, weil tagsüber da zu viele Leute sind. Können aber natürlich auch andere getan haben, so aus Jux und Dollerei und weil es so geil ist, andere zu schädigen. Allerdings, wie gesagt, zwei, drei durchschnittliche Jugendliche heben ein Nihola Lastenrad nicht hoch, da braucht es schon eine Menge Kraft.

Die Möglichkeit eines Diebstahls ist dagegen sehr gering bis ausgeschlossen – dafür wäre ein ziemlicher Aufwand nötig gewesen für einen Transporter und Leute zum Verladen und eine anschließende Reparatur des krassen Schadens am Lenk- und Fahrwerk. Ohne eine Werkstatt, die diese Teile beziehen kann, nicht gut machbar.

Nun – mein über alles geliebtes Lastenrad ist nicht mehr. Wir waren jeden Tag unterwegs zusammen, nun ist es weg. RIP.

Ich selbst stehe unter Schock, kann nicht mal trauern, so unwirklich ist dieses Hereinbrechen von Scheiße in mein Leben.  Hatte Angst, dass sowas passiert, vorher. Aber als ich es gesehen habe, da war in mir eine totale ruhige stille Leere, mehr nicht.

Habe auch einen so dermaßen geprellten Oberschenkel, konnte kaum laufen heute, die Anti-Schmerz-Mittel haben wenig genutzt.

Trotzdem meinen Sohn getroffen im Park, und wir hatten eine gute Zeit mit Star Realms spielen, Spirou-Comic lesen, herumvagabundieren und auf dem Spielplatz. Das beste mögliche Gute aus der Situation gemacht, auch wenn ich aussehe wie ein kaputt geschlagener Penner und mich völlig zerstört fühle.

Bekannte treffen auch komisch, so als wandelndes memento mori. Ein wenig Trost (Danke!), ein paar Plattitüden (was willste dazu auch sagen), und dann nichts wie weg und schnell was weniger Scheußliches ansehen.

Die mir nicht bekannten Leute, da gab es krasse Blicke – Angst, viel Verachtung, Ekel, teilweise gab es Vorsicht und Zweifel und danach ein wenig Empathie, natürlich weil ich mit Lukas unterwegs war und es mindestens für Eltern offensichtlich ist, dass da jemand ein lieber Papa ist.

Auf dem Spielplatz waren die Kinder-Reaktionen auf meine zerstörte Visage spannend – die fragen einfach nach und gehen damit ganz unbefangen um. Was ist passiert, tut es sehr weh, wachsen Zähne nach, solche Fragen gab es. Und toll, wie locker sich Lukas mit anderen Kindern anfreundet, sofort haben sie zusammen was gemacht und waren ganz beschäftigt.

Während ich zuschaute, vergeblich versuchte über Eltern-Inkompetenz diverser Art hinweg zu sehen und irgendwie auch dabei war, mir einen Reim auf dieses Schlamassel zu machen. War das nun Zufall – ein Pech, ein Unglück? Oder ein Fluch – gar der Fluch der bösen Tat oder so? Habe ich das verdient, ist es Karma? Ungünstige planetare Konstellation, Eso, Astro? Schicksal? Ein Fingerzeig Gottes, eine Prüfung?

Lukas fragte sich sowas auch. Natürlich habe ich nicht mit ihm über meine Sinnsuche geredet – sondern er erzählte mir davon, wie er bestohlen worden ist im offenen Ganztag der Schule – da sind ihm teure und seltene Pokemon-Karten aus dem vorschriftsmäßig unverschlossen zu haltenden Spind gezockt worden, und er weiß recht sicher, welches Kind das war (dessen Behauptungen, wie er plötzlich an einen Berg Karten und an diese recht besonderen Spezial-Karten gekommen ist, können schlicht nicht zutreffen).

Aber die OGS macht nichts, auch wenn da ein Wert von 50€ und ein komplettes Jahr kindlicher taschengeldgespeister Sammler-Tätigkeit gestohlen wurde. Keineswegs harmlos und Kleinkram, sondern gravierend. Einem anderen Kind sind nun auch Karten gezockt worden.

Und Lukas meint, er glaubt nun nicht mehr, das Gott uns eine Freude machen mag und wir dankbar sein sollen (was den Kindern auf seiner katholischen Schule als Tischgebet hinein doktriniert wird).

Sprach ich mit ihm also über Dankbarkeit und freien Willen und solche Sachen. Und auch darüber, ob es nicht einen Weg geben könnte, sich Revanche zu verschaffen.

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Systeme sozialer Anpassung

[Entwurf – draft version] Wissenschaftlich betrachtet haben wir Menschen im Rahmen der Evolution kortikale Systeme entwickelt, um mit sozialen Zusammenhängen umzugehen. Machiavellische Intelligenz, also die Fähigkeit, innere Zustände (was wir fühlen, denken, wollen) und äußeres Verhalten zu entkoppeln, ermöglicht uns, andere zu täuschen und gezielt ein falsches Bild von uns und unseren Absichten nach Außen zu vermitteln. Es wird postuliert, dass diese Facette unserer Mentalisierungsfähigkeit sich ausgebildet hat, um mit zunehmend großeren Gruppen und dadurch erhöhter Beziehungskomplexität umzugehen: Um sich innerhalb der sich bildenden sozialen Hierarchien in aussichtsreiche Position zu bringen, musste ein Individuum in der Lage sein, die Machtverhältnisse im Rudel richtig einzuschätzen und sich der Artgenossen als „soziale Werkzeuge“ zu bedienen, um den eigenen Interessen zum Durchbruch zu verhelfen. Im Gegenzug war natürlich auch erforderlich, Abwehrmechanismen gegen Täuschung durch andere zu entwickeln. Täuschen und getäuscht werden gehören zum sozialen Zusammenleben in großen Gruppen zwangsläufig dazu, sagt die Theorie. Der zugehörige Affekt Mißtrauen musste natürlich – individuell, vor allem aber über eine größere Zahl von Individuen hinweg – mit der Fähigkeit, Vertrauen (Bindung) aufzubauen, ausbalanciert werden. Entsprechende Anlagen bringen wir als Menschen in Form von offenen Systemen mit – also Systemen, die durch Erfahrung ausgestaltet werden im individuellen Lebenslauf. Menschen erlernen sowohl Vertrauen und Bindung als auch Mißtrauen und manipulative Kompetenzen wie Lügen und Täuschung. Logischerweise sind diese individuellen Lernerfahrungen eingebunden in systematische gesellschaftliche Bedingungen. Bekanntermaßen sind die Verhaltensvorschriften unserer Kultur in sich widersprüchlich: Zu lügen und zu betrügen ist explizit moralisch gesprochen stets falsch, zugleich wird genau dieses Verhalten implizit gelehrt und in sozialen Interaktionen systematisch erwartet – es ist sozial höchst angemessen und ein Zeichen von guter Anpassung sowie eine Grundbedinungung für jeden gesellschaftlichen Erfolg, wirksam und in gut dosierter Form stets genau diese manipulativen Kompetenzen gezielt einzusetzen. Schwierig ist vor allem die Regulation der Intensität – wann wie viel Mißtrauen angebracht ist, wann und wie sehr getäuscht wird – sowie der inneren Empfindungen, die Erwartungen und daraus folgende Enttäuschungen und Kränkungen, aber auch der Balanceakt zwischen der eigenen Selbstdarstellung nach Außen und der Kenntnis der eigenen wirklichen Bedürfnisse, Empfindungen und Intentionen. Um sich über eigene Zustände und auch über Gegebenheiten der äußeren Welt zu vergewissern, benötigen wir als Individuen soziale Prozesse, also die Verständigung mit anderen darüber, was der Fall ist und wie es zu bewerten sei. Allerdings ist bekannt, dass es diese objektive Welt so nicht gibt bzw. wir – jedes Wesen für sich – von ihr abgekapselt sind. Zugriff hat unser System nur auf jeweils unser Welt-Modell in unserem Kopf. Von dem, was um uns sein mag, nehmen wir Schallwellen, Druck (Berührung) und Lichtwellen wahr und stehen in materiellen Austauschprozessen (Atmung, Nahrung – damit einhergehend Geruchs- und Geschmackssinn). Logischerweise benutzt unser System die für diese Zwecke evolutionär optimierten Wahrnehmungs- und Bewertungssysteme auch für die höheren kognitiven Prozesse. Das führt allerdings nicht notwendig zu guten oder richtigen Entscheidungen bezogen auf Kriterien. Es erklärt aber einiges.

EDIT: Das hier ist work in progress, ein Anfang von einer längeren Abhandlung über die Thematik. Ausgangspunkt sind Überlegungen zu Fragen nach der Bestimmung von Angemessenheit bezogen auf individuelles menschliches Verhalten, insbesondere zu den als unakzeptabel betrachteten Abweichungen – Delinquenz, Krankheit, Sünde. Die obige Definition einer Ausgangsbasis folgender Überlegungen bezieht sich auf und nutzt wissenschaftliches Material zur Frage der Querulanz, insbesondere ein Lehrbuch aus dem Springer-Verlag zu diesem Thema.

Der Begriff des Querulanten stammt ursprünglich aus dem Rechtswesen, womit in abwertender Weise ein Mensch bezeichnet wurde, der sich immer gleich ins Unrecht gesetzt fühlt und mit einer Flut von Beschwerden und Klagen reagiert, wobei er sich von Niederlagen nicht abschrecken lässt, sondern vielmehr den aussichtslosen Kampf um „sein“ Recht mit verstärkter Vehemenz fortsetzt.

Mich interessieren zwei Fragen – persönlich finde ich die Frage „bin ich ein Querulant?“ ein wenig spannend, gesellschaftlich bin ich interessiert daran, wann wer mit welchen Auswirkungen über wen sagt, der oder die sei abweichend. Da geht es um Macht und Politik, um das, was richtig ist und an das alle zu glauben haben.

Was ist ein Abweichler, ein Dissident, ein Querulant, ein Ketzer etc. eigentlich?

Zunächst mal ist das ein Mensch mit einer eigenen Meinung. Menschen, die einer Idee oder einem Prinzip eine höhere Wertigkeit zuweisen, als gemeinhin üblich, und die dann versuchen, andere zu missionieren, zu bekehren, zu korrigieren oder zu belehren, hat es immer gegeben. Zumeist sind diese Menschen lästig und störend für die Gruppe, die in der Kritik steht. Immer ist ein Aspekt von Auflehnung gegen Autorität im Spiel – denn jede Abweichung ist nur als solche bemerkbar, wenn eine Norm existiert, ein Kriterium für den richtigen Standpunkt. Je rigider die Norm, also je kleiner der Toleranzbereich um den sozialen Bezugspunkt herum gezogen wird, umso härter fällt die Verurteilung der Abweichung aus. Beispielsweise ist in einer Gesellschaft, die eine Staatsreligion aufweist, jede andere Form von Religiosität illegal. In einer pluralistischen Gesellschaft, die Rechtsstaat und Meinungsfreiheit aufweist, ist es dagegen gestattet, dass unterschiedliche Konfessionen existieren und dass sich Menschen auch als Nicht-Konfessionell oder Atheistisch definieren und verhalten. Während eine absolutistische Monarchie keinerlei Kritik am Staatsoberhaupt gestattet, darf in einer Demokratie um die richtige Art, das Gemeinwesen zu gestalten, gestritten werden. Totalitäre Systeme erlauben keine Abweichung von der offiziellen Partei-Linie und grenzen Dissidenten nicht nur rigoros als Feinde aus, sondern eliminieren diese auch psychisch und physisch. Historisch sind Staaten und Religionen stets mit Gewalt gegen Menschen vorgegangen, die Autorität in Frage stellen bzw. eigene Autorität beanspruchen. Freiheitsrechte wurden diesen Systemen abgerungen durch Kampf, und die Aufklärung – das Heraustreten des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit – ist eine sehr neue Idee in der Weltgeschichte, wie auch der Individualismus. Dass ein Mensch einen Wert und eine Würde hat, einfach weil es ein Mensch ist – diese Idee ist nach wie vor provokant, und die Forderung nach der Gleichheit aller Menschen wird weltweit durchaus nicht von allen oder auch nur von vielen Menschen geteilt. Humanistische Ethik, die der goldenen Regel folgt – nicht anderen tun, was man nicht möchte, dass sie mit mir machen, oder positiv formuliert: Andere so behandeln, wie man es sich für sich selbst auch wünscht – ist eine Haltung, die schwierig zu praktizieren ist. Denn dazu muss ein Mensch beständig Verhaltensweisen bewußt reflektieren – und das ist mit emotionaler und kognitiver Anstrengung verbunden. Systeme von Befehl und Gehorsam sind einfacher, und sie sind vor allem effektiver darin, mit Gewalt ihre Ziele durchzusetzen. Aus diesem Grund haben sich diese Systeme auch weltweit durchgesetzt – friedlichere Zivilisationen wurden von kriegerischeren Zivilisationen ausgelöscht. Erst heute, wo die Grenzen der Gewalt sichtbar werden – ein Krieg zwischen mit Atomwaffen ausgerüsteten Staaten kann die Biosphäre so beschädigen, dass menschliches Leben auf diesem Planeten unmöglich wird – sind Menschen gezwungen, die Logik des Krieges zu verlassen und ein anderes Paradigma zu entwickeln. Oder eben als Menschheit kollektiv unterzugehen. Die Grenzen des Wachstums sind ebenfalls bekannt – wenn wir als Menschheit eine Zukunft haben wollen, müssen wir mit der Biosphäre pfleglich umgehen. Davon ist allerdings nichts zu sehen – der Raubbau an den natürlichen Ressourcen und die Vergiftung von Boden, Luft und Wasser eskalieren weiter. Immer mehr produzieren, das bedeutet immer mehr Müll. Die Menschen, die diese Tendenzen benannt haben und versuchten, dagegen etwas zu tun, wurden immer ausgegrenzt und verfolgt. Ihre Ideen wurden lächerlich gemacht, sie selbst persönlich diffamiert, und Versuche von Selbstorganisation wurden kriminalisiert. Da, wo Bewegungen über eine längere Zeit entgegen der herrschenden Meinung Bestand hatten, wurden diese gespalten in einen Teil, der integriert wurde ins System – einhergehend mit der Entkernung; alles an wesentlicher Kritik haben diese reformistischen Teile im Anpassungsprozess an das System entsorgt – und einen Teil, der ruiniert wurde. Die Mittel, um eine Bewegung zu zerstören, sind bekannt – es werden Angriffe auf allen erdenklichen Ebenen gefahren, vom politischen Mord an Führungspersönlichkeiten über Kriminalisierung, Denunziation, Psychiatrisierung, der Zersetzung durch eingeschleuste Agenten, den Drogen, dem Zerstören von Treffpunkten, der Schaffung von speziellen Gesetzen, die beliebige staatliche Maßnahmen gegen unliebsame Personen und Gruppierungen ermöglichen, der Aufrüstung der gegen Gruppen einsetzbaren Streitmacht aus Polizei und Militär, den Verwaltungsapparaten, die die Menschen arm und krank und vor allem schwach und unmündig halten. Der Staat und das Rechtssystem spielen die zentrale Rolle – ohne diesen Apparat ist ein System, wie wir es heute haben, unvorstellbar. Nur durch massive Gewalt kann ein System, in dem Macht und Güter extrem ungleich verteilt sind, sich selbst erhalten. Leibeigenschaft und Sklaverei sind keineswegs abgeschafft worden, im Gegenteil wurden die wesentlichen Aspekte dieser Herrschaftsverhältnisse totalitär ausgeweitet. Frei ist der Mensch, der nicht arbeiten muss – sagte Aristoteles. Diese freien Menschen der Antike, das sind diejenigen, deren Wohlstand von anderen – nämlich Sklav*innen – erarbeitet wird. Heute gilt es als selbstverständlich, dass jeder Mensch arbeiten muss – womit aber nicht gemeint ist sinnvoll tätig sein. Sondern sogenannte Lohnarbeit, also unter Zwang sich in ein Kollektiv einfügen und die eigene Kraft fremdbestimmt verwenden. Und genau das ist Sklaverei – die Energie und die Möglichkeiten des eigenen Körpers gehören mir nicht, sondern sie gehören dem Staat und der Wirtschaft. Pyramiden bauen, letztlich ist das nichts anderes. Subsistenzwirtschaft wurde global angegriffen und zerstört, weil sie keinen Profit anstrebt. Damit wurde Menschen die einzige Form, unabhängig von den sehr viel größeren und mächtigeren sozialen Gruppen – den Städten, den Staaten, den Konzernen – ihr Leben und Überleben zu gestalten, genommen. Die praktisch totale Abhängigkeit der modernen Menschen vom System ist nicht zufällig entstanden, sondern es wurden mit kriegerischen Mitteln alle Formen von Autarkie zerstört. Man möge sich nicht täuschen – ein Papierkrieg ist letztlich auch nichts anderes, denn am Ende der Bürokratie und des Rechtsstreites kommt immer noch der Trupp von Schlägertypen vorbei, der die Räumung vornimmt und das Privateigentum schützt. Und falls sich jemand wehrt, werden solche Leute geschickt, die mit Panzern und Gewehren die Lage bereinigen. Daran hat sich nie wirklich etwas geändert, nur die Fassade des Systems wird immer mal neu angemalt. Was sich allerdings geändert hat – die herrschende Klasse hat ihre Legitimationsbasis angepasst. Heute gilt es als vernünftig und rational, dass alle Menschen sich selbst als konkurrierende Unternehmen mit ökonomischer Ausrichtung betrachten – womit Solidarität natürlich als eine irrationale Verhaltensweise erscheint. In einer irrwitzigen Verdrehung aller Tatsachen wird jeder Begriff in sein Gegenteil gewendet, so daß es praktisch nicht mehr möglich ist, sich sprachlich klar auszudrücken. Beispielsweise heißt ein Arbeiter heute Arbeitnehmer – obwohl der Arbeiter arbeitet, also Kraft gibt und nicht nimmt. Ein Kapitalist – das sind Besitzer von Produktionsmitteln – nennt sich heute Arbeitgeber, was genau wieder eine Verkehrung von Tatsachen ist. Und die Menschen, die an der Spitze der Ausbeutungspyramide sich bewegen, nennen sich selbst Leistungsträger – während sie in Wirklichkeit den Reichtum davon tragen, den ihre Sklaven für sie durch Arbeit geschaffen haben. Heute las ich im Kölner Stadtanzeiger, wenn Güter gleich verteilt würden, wäre das ungerecht, weil es die Leistungsunterschiede der Menschen negieren würde. So absurd ist die Welt geworden – wahre Gerechtigkeit besteht heutzutage angeblich darin, dass einige wie die Maden im Speck leben, während andere verhungern. Unterschiede zum von Gott gegebenen Reichtum der Adligen sind bei diesem neoliberalen Geschwätz nicht erkennbar. Heute wie damals ist es die nackte physische Gewalt, die letztlich die Unterschiede in der Verteilung der Güter ermöglicht. Der Propaganda-Apparat, der die Gehirne der Menschen vernebelt, damit sie diese Zustände nicht als das wahrnehmen, was sie sind – nämlich himmelschreiendes Unrecht – der hat sich weiter entwickelt. Mehr aber auch nicht.

 

[Fragment]

Wieso wird ohne wirkungsvollen Einspruch alles für „alternativlos“ erklärt, was die Eliten machen wollen? Wieso wird das von den „Experten“ abgenickt?
 
Antwort: Weil seit vielen Jahren nur noch Konformität produziert wird. Durchsetzungsfähige, angepaßte System-Menschen – das wird belohnt.
 
Es gibt praktisch keine kritischen Intellektuellen mehr, die widersprechen – weil die Schulen und Universitäten und Ausbildungsinstitutionen sich durch soziale Hürden gegen die unteren Schichten abschotten und rigoros *alle* aussortieren, die innerhalb dieser Institutionen auch nur ansatzweise eine eigene Denkweise artikulieren, die nicht den Klassenstandpunkt der Eliten bejaht.
 
Menschen, die dennoch durch kommen und dann etwas sagen und schreiben und tun, werden praktisch nicht öffentlich rezipiert.
 
Falls doch, werden ihre Aussagen so gefaßt, dass sie harmlos bleiben. Und alles, alles wird in sein Gegenteil gewendet, ganz nach Belieben.
 
So entsteht systematisch eine geistige Monokultur. Ein solches System hat mit pluralistischer Gesellschaft nichts mehr zu tun. Es ist vielmehr eine Gleichschaltung. In „Diskussionen“ im TV reden dann Menschen, die *alle* letztlich neoliberal sind.
 
Die Überschneidungen dieser Ideologie mit dem totalitären Faschismus sind übrigens größer als die Unterschiede: Milton Friedman, Margret Thatcher und Augusto Pinochet, das sind Vertreter einer gemeinsamen Idee.
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Außerordentliche Kündigung des Ausbildungsverhältnisses

Das Ausbildungsinstitut hat mir gegenüber die außerordentliche Kündigung des Ausbildungsverhältnisses ausgesprochen.

Ich hätte durch meine kritischen Blog-Beiträge – allgemein zur Geschäftspolitik und zur konkreten Umsetzung von Arbeitsbedingungen sowie konkret bezogen auf die Thematik Hypnotherapie als verpflichtender Teil der Ausbildung – ihren guten Ruf geschädigt und mich zudem extrem unangemessen verhalten in Seminaren. Außerdem vorher Vandalismus in der Praxis. In der Gesamtschau sei damit klar, dass eine Fortsetzung des Ausbildungsverhältnisses ihnen nicht zugemutet werden könne.

Ich habe also meinen Praxis-Schlüssel abgegeben und meine Arbeit als Psychotherapeut in Ausbildung beendet.

Wie habe ich das aufgenommen?

Interessanterweise habe ich mich darüber nicht aufgeregt, sondern eher gedacht, wenn ich bloß als verrückter Hooligan angesehen werde und meine Kritik als Spinnerei abgetan wird, kann ich es mir sparen, meine Lebensenergie in die Veränderung von Strukturen zu investieren. Verstehen kann ich das natürlich – ich bin denen unangenehm, und sie wollen weiter machen ohne mich. Wäre ich nicht ich, ich würde es genau so sehen.

Seit 2010 bin ich in Köln, und habe also nun bald 7 Jahre meines Lebens darauf verwendet, diese dreijährige bis fünfjährige Ausbildung erfolgreich zu absolvieren. Es waren anstrengende und unangenehme Jahre.

Hätte klappen können. Bei den anderen Leuten, mit denen ich angefangen habe, hat es funktioniert. Einige sind zwischendurch verzweifelt und haben sich verabschiedet, für die meisten Ausbildungsteilnehmer*innen hat es aber wohl funktioniert. Die strampeln sich jetzt in neuen, ebenfalls recht schwierigen Verhältnissen ab. Einige werden halt aussortiert, bei denen es nicht paßt – und ich bin so einer.

Ähnliche Muster habe ich früher schon gesehen.

An der Uni war es so, da haben auch die allermeisten Leute, die das Grundstudium hinter sich gebracht hatten, letztlich das Diplom geschafft. Nämlich die, die finanziell gut unterstützt waren. Aufgegeben haben zumeist die, die eben keinen finanzstarken bürgerlichen Hintergrund hatten. Oder die irgendwann gemerkt haben, das ist mir hier zu doof, ich mache etwas, was mir wirklich gefällt.

Bei der Promotion – habe ich auch versucht, bin aber auf 2/3 des Weges gegen die Wand gefahren – da war es ähnlich. Die gut angepaßten und leistungsstarken Leute haben ihren Weg gemacht, haben sich den Titel unter hohen persönlichen Opfern hart erarbeitet. Teil davon immer die Bereitschaft, sich in Hierarchien gefällig ein zu ordnen. Ich wollte gerne ein Professor werden, das ging aber nicht. Schade – hatte mir das gut vorgestellt, so mit Ansehen und Einkommen und einer intellektuellen Tätigkeit. Illusionen, die halt irgendwann sich als solche heraus stellen.

Davor – am Gymnasium – war es ähnlich. Fast alle hatten irgendwann Abitur, die weiß und wohlhabend und deutsch gestartet sind – raus geflogen waren zuvor allerdings andere Menschen, die typischerweise migrantisch oder arm waren oder wo es zusätzliche Schwierigkeiten gab. Wer sich auffällig zeigte, wurde entfernt, aussortiert.

In der verhaltenstherapeutischen Psychotherapie-Ausbildung findet sich eine spezielle soziale Auslese – fast ausnahmslos weiße junge Frauen aus der oberen Mittelschicht und Oberschicht. Alle, die so nicht sind, haben es schwer, diese Ausbildung zu absolvieren, denn sie kostet viel privates Geld und wird nicht durch den Staat und die Gesellschaft getragen, zusätzlich enthält sie einen langen unbezahlten Arbeitsabschnitt von 12 bis 18 Monaten, der regelhaft nicht vergütet wird.

Weil die Aussichten, danach gut zu verdienen, auch nicht rosig sind, gibt es einen starken Effekt von Selbst-Selektion – Männer gehen nicht in diesen Frauen-Beruf, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Und Menschen, deren Familie sie nicht durchgehend finanzieren kann, gehen nicht in diesen Beruf. Auch da gibt es natürlich Ausnahmen, aber wenige.

Es mag bei anderen Psychotherapie-Schulen anders aussehen. Vermutlich ist es dort aber eher schlimmer, was die soziale Auswahl angeht – die Ausbildung als Psychoanalytiker*in kostet erheblich mehr als Verhaltenstherapie, und soweit ich weiß liegt die tiefenpsychologisch orientierte Ausbildung irgendwo dazwischen.

Ich bin immer privilegiert gewesen – deutsch, weiß, männlich, wohlhabend, heterosexuell, intelligent, keine wesentlichen Beeinträchtigungen durch körperliche Handicaps. Dadurch war es für mich praktisch kaum möglich, die Welt um mich herum zu verstehen, wo solche tollen Bedingungen eben zumeist nicht vorhanden sind. Glücklicherweise bin ich durch eine Lebensphase, die ich außerhalb von Deutschland verbracht habe, wesentlich geprägt worden. Aus der massiven Irritation, die der Versuch mit sich brachte, sich hier zu integrieren nach fünf noch mal mehr privilegierten Jahren in Istanbul, konnte ich dann viel lernen. Wenn Dinge in tausend Teile gehen, die für selbstverständlich gehalten wurden, und es danach nie wieder gut wird, dann ist das ein steter Quell von Erkenntnis und auch von Selbstkorrektur.

Gelernt habe ich – für die anderen ist die Welt viel härter. Und sie ist brutal, es ist schockierend und verletzend, wie ungleich und wie ungerecht die Verhältnisse historisch auf diesem Planeten gestaltet wurden und gestaltet werden – mit einer mörderischen Gewalt. So kam das, dass ich ein starkes Interesse an politischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten entwickelt habe, und auch meine Positionierung als Mensch, der sich klar dafür einsetzt und engagiert, dass diese zerstörerischen Kräfte, die millionenfach Leben kaputt machen, durch irgend eine Form von positiver Kraft vielleicht eingehegt werden würden. Die Vorstellung, dass diese Welt immer so weiter laufen würde, war mir stets unerträglich – weswegen ich glauben wollte, das es dazu Alternativen geben könnte, die auch gesellschaftlich irgendwann zum Tragen kommen würden.

Natürlich sind die Ergebnisse aller Versuche, an denen ich mich beteiligt habe, konkrete Utopien mit Leben zu füllen, immer wieder kaputt gegangen, wohl deswegen, weil uns ein System umgibt, was Rahmenbedingungen setzt, die eine ökonomische Basis für solche utopistischen Ansätze nicht ermöglicht.

Den Schritt, das System zu bejahen und mich schlicht brav darin einzufügen, konnte ich nicht tun – warum, ist mir selbst nicht klar, aber es ging nicht, und wenn ich es versucht habe, ging es mir darin schlecht und elend. Ich ecke immer wieder an, und das ist nicht zufällig so. Es hat mit meinen wesentlichen Eigenschaften zu tun, vor allem damit, dass ich für mich festgestellt habe, dass Erkenntnisse zwingend sind. Was ich einmal für mich erkannt habe, dahinter kann ich nicht zurück. Und die Versuche, mich zur Annahme einer anderen Position zu bewegen, haben ihren Anteil an meiner Beharrlichkeit – wenn man mich bedroht oder angreift oder zu zwingen versucht, dann verfestigt sich bei mir die Wahrnehmung, dass ein systematisches Unrecht passiert.

Nun bin ich also mal wieder ausgegrenzt worden, weil mein Verhalten Anstoß und Ärger erregt. Gut. Vorher waren sehr viele Widersprüche da, die sich durch mich hindurch zogen – es war verwirrend unklar, wie ich mich sinnvoll und konstruktiv positionieren könnte. Viele Leute haben mir auch gesagt, dass sie nicht nachvollziehen können, wie jemand, der so anders und anti-konventionell fühlt und denkt und handelt, in einem Beruf arbeiten könnte, der ja vor allem daraus besteht, Menschen wieder passend zu machen für eine Arbeitswelt, die zutiefst nicht auf menschliche Bedürfnisse, sondern auf finanzielle Vorteile für die Chefs ausgerichtet ist. Wieso ich das gemacht habe, habe ich dann immer geduldig erklärt – Therapie ist nicht lediglich das Abtrainieren von störenden Eigenschaften und der Aufbau von sozial angepaßtem Verhalten, da steckt viel Wissen und Erfahrung drin, die für Menschen generell nützlich ist. Zum Beispiel wissen wir durch Forschung so einiges darüber, wie Menschen eigentlich funktionieren, und es gibt Methoden, die vieles bewußt beeinflußbar machen, was sonst als schicksalhaftes Leiden an die nächsten Generationen weiter gegeben wird. Im Rahmen von therapeutischen Prozessen sind Veränderungen im Leben von Menschen erreichbar, die sonst kaum vorstellbar wären. Leiden kann reduziert werden, es ist möglich, Gutes zu bewirken. Diese Motive waren stets tragend.

Aber nicht die einzigen – es gibt auch weniger altruistische Motive, namentlich Macht (als Therapeut*in hast du die Top-Position in einer dyadischen Beziehung automatisch, du steuerst einen Prozess) und Neugier (als Therapeut*in hast du Zugang zu einem enormen Informationspool, der unmöglich anderswo erschließbar wäre – so viele Lebensgeschichten, so viele Beispiele für Mechanismen, die menschliche Existenz prägen) und vielleicht auch Faulheit (als Therapeut*in hast du emotional schwer zu tragen, was mir zunächst nicht so klar war, aber körperlich ist es eher eine lockere Sache, und wenn du einmal kapiert hast, wie die grundlegende Arbeit – Identifikation und Modifikation von Verhaltensbedingungen – funktioniert, kannst du immer genau damit arbeiten) sowie Nicht-Langweiligkeit (als Therapeut*in hast du immer die Möglichkeit, es interessant zu machen, Variation einzubringen, zu gestalten – die Abläufe sind nie reine Routine, sondern immer herausfordernd).

Geld verdienen – dieses Motiv ist stets ein Proxy, dahinter steht immer etwas anderes, also Sicherheit, Macht, Bindung (Steigerung von sozialer Attraktivität, von Lebenschancen) etc. So ungeheuerlich das klingt, ich hatte immer genug Geld, außer ich habe mich ganz bewußt völlig abseitig bewegt (auch das habe ich für mich probiert, und festgestellt, es geht, aber es ist sehr sehr hart). Zugleich hatte ich immer das Gefühl, ich verdiene das nicht, dass es mir so gut geht, ich bin schuldig und irgendwie schlecht. Irgendwie müßte ich etwas tun, um mich als wertvoll zu beweisen – idealerweise etwas, was andere auch bejahen können.

Die Welt besser machen.

Wenn ich auf mein Leben zurück schaue, ist das offenbar ein uneingelöster Anspruch. Gut möglich, dass dies mit arg ungeeigneten Kriterien zusammen hängt. Die Welt ist groß, darin bin ich ein kleines Ding, und es ist völlig überheblich, individuelle Bedeutsamkeit zu behaupten. Besser, was soll das sein? Wenn etwas für mache besser wird, finden andere, es werde für sie schlechter. Auch das ist kaum geeignet, um zu sagen, ob ich das geschafft habe.

Was ich allerdings geschafft habe – Irritation auslösen, Anstöße geben, Veränderungsprozesse begleiten und auch teilweise aus Ideen mit anderen zusammen Projekte zu entwickeln, die über den Moment hinaus Bestand hatten. Ich kann ganz gut gegen etwas sein, und es ist leicht für mich, sprachlich harte Angriffe zu fahren. Wenn ich sozial geschickter wäre, könnte sich daraus was basteln lassen.

Ein System verlassen, was sich nicht reformieren mag, ist glaube ich gesund für Leute, die Veränderung und Lebendigkeit hoch schätzen.

Nun bin ich de facto kein Therapeut mehr, und auch kein Harz-4-Aufstocker mehr, sondern irgendwie draußen vor der Tür.

Auf das, was ich gelernt habe, kann ich sicher bauen, und nun steht es mir frei, neue und andere Ziele zu setzen. Viele spannungsreiche Kompromisse entfallen nun. Bin gespannt, was sich daraus machen läßt.

 

 

 

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