Systeme sozialer Anpassung

[Entwurf – draft version] Wissenschaftlich betrachtet haben wir Menschen im Rahmen der Evolution kortikale Systeme entwickelt, um mit sozialen Zusammenhängen umzugehen. Machiavellische Intelligenz, also die Fähigkeit, innere Zustände (was wir fühlen, denken, wollen) und äußeres Verhalten zu entkoppeln, ermöglicht uns, andere zu täuschen und gezielt ein falsches Bild von uns und unseren Absichten nach Außen zu vermitteln. Es wird postuliert, dass diese Facette unserer Mentalisierungsfähigkeit sich ausgebildet hat, um mit zunehmend großeren Gruppen und dadurch erhöhter Beziehungskomplexität umzugehen: Um sich innerhalb der sich bildenden sozialen Hierarchien in aussichtsreiche Position zu bringen, musste ein Individuum in der Lage sein, die Machtverhältnisse im Rudel richtig einzuschätzen und sich der Artgenossen als „soziale Werkzeuge“ zu bedienen, um den eigenen Interessen zum Durchbruch zu verhelfen. Im Gegenzug war natürlich auch erforderlich, Abwehrmechanismen gegen Täuschung durch andere zu entwickeln. Täuschen und getäuscht werden gehören zum sozialen Zusammenleben in großen Gruppen zwangsläufig dazu, sagt die Theorie. Der zugehörige Affekt Mißtrauen musste natürlich – individuell, vor allem aber über eine größere Zahl von Individuen hinweg – mit der Fähigkeit, Vertrauen (Bindung) aufzubauen, ausbalanciert werden. Entsprechende Anlagen bringen wir als Menschen in Form von offenen Systemen mit – also Systemen, die durch Erfahrung ausgestaltet werden im individuellen Lebenslauf. Menschen erlernen sowohl Vertrauen und Bindung als auch Mißtrauen und manipulative Kompetenzen wie Lügen und Täuschung. Logischerweise sind diese individuellen Lernerfahrungen eingebunden in systematische gesellschaftliche Bedingungen. Bekanntermaßen sind die Verhaltensvorschriften unserer Kultur in sich widersprüchlich: Zu lügen und zu betrügen ist explizit moralisch gesprochen stets falsch, zugleich wird genau dieses Verhalten implizit gelehrt und in sozialen Interaktionen systematisch erwartet – es ist sozial höchst angemessen und ein Zeichen von guter Anpassung sowie eine Grundbedinungung für jeden gesellschaftlichen Erfolg, wirksam und in gut dosierter Form stets genau diese manipulativen Kompetenzen gezielt einzusetzen. Schwierig ist vor allem die Regulation der Intensität – wann wie viel Mißtrauen angebracht ist, wann und wie sehr getäuscht wird – sowie der inneren Empfindungen, die Erwartungen und daraus folgende Enttäuschungen und Kränkungen, aber auch der Balanceakt zwischen der eigenen Selbstdarstellung nach Außen und der Kenntnis der eigenen wirklichen Bedürfnisse, Empfindungen und Intentionen. Um sich über eigene Zustände und auch über Gegebenheiten der äußeren Welt zu vergewissern, benötigen wir als Individuen soziale Prozesse, also die Verständigung mit anderen darüber, was der Fall ist und wie es zu bewerten sei. Allerdings ist bekannt, dass es diese objektive Welt so nicht gibt bzw. wir – jedes Wesen für sich – von ihr abgekapselt sind. Zugriff hat unser System nur auf jeweils unser Welt-Modell in unserem Kopf. Von dem, was um uns sein mag, nehmen wir Schallwellen, Druck (Berührung) und Lichtwellen wahr und stehen in materiellen Austauschprozessen (Atmung, Nahrung – damit einhergehend Geruchs- und Geschmackssinn). Logischerweise benutzt unser System die für diese Zwecke evolutionär optimierten Wahrnehmungs- und Bewertungssysteme auch für die höheren kognitiven Prozesse. Das führt allerdings nicht notwendig zu guten oder richtigen Entscheidungen bezogen auf Kriterien. Es erklärt aber einiges.

EDIT: Das hier ist work in progress, ein Anfang von einer längeren Abhandlung über die Thematik. Ausgangspunkt sind Überlegungen zu Fragen nach der Bestimmung von Angemessenheit bezogen auf individuelles menschliches Verhalten, insbesondere zu den als unakzeptabel betrachteten Abweichungen – Delinquenz, Krankheit, Sünde. Die obige Definition einer Ausgangsbasis folgender Überlegungen bezieht sich auf und nutzt wissenschaftliches Material zur Frage der Querulanz, insbesondere ein Lehrbuch aus dem Springer-Verlag zu diesem Thema.

Der Begriff des Querulanten stammt ursprünglich aus dem Rechtswesen, womit in abwertender Weise ein Mensch bezeichnet wurde, der sich immer gleich ins Unrecht gesetzt fühlt und mit einer Flut von Beschwerden und Klagen reagiert, wobei er sich von Niederlagen nicht abschrecken lässt, sondern vielmehr den aussichtslosen Kampf um „sein“ Recht mit verstärkter Vehemenz fortsetzt.

Mich interessieren zwei Fragen – persönlich finde ich die Frage „bin ich ein Querulant?“ ein wenig spannend, gesellschaftlich bin ich interessiert daran, wann wer mit welchen Auswirkungen über wen sagt, der oder die sei abweichend. Da geht es um Macht und Politik, um das, was richtig ist und an das alle zu glauben haben.

Was ist ein Abweichler, ein Dissident, ein Querulant, ein Ketzer etc. eigentlich?

Zunächst mal ist das ein Mensch mit einer eigenen Meinung. Menschen, die einer Idee oder einem Prinzip eine höhere Wertigkeit zuweisen, als gemeinhin üblich, und die dann versuchen, andere zu missionieren, zu bekehren, zu korrigieren oder zu belehren, hat es immer gegeben. Zumeist sind diese Menschen lästig und störend für die Gruppe, die in der Kritik steht. Immer ist ein Aspekt von Auflehnung gegen Autorität im Spiel – denn jede Abweichung ist nur als solche bemerkbar, wenn eine Norm existiert, ein Kriterium für den richtigen Standpunkt. Je rigider die Norm, also je kleiner der Toleranzbereich um den sozialen Bezugspunkt herum gezogen wird, umso härter fällt die Verurteilung der Abweichung aus. Beispielsweise ist in einer Gesellschaft, die eine Staatsreligion aufweist, jede andere Form von Religiosität illegal. In einer pluralistischen Gesellschaft, die Rechtsstaat und Meinungsfreiheit aufweist, ist es dagegen gestattet, dass unterschiedliche Konfessionen existieren und dass sich Menschen auch als Nicht-Konfessionell oder Atheistisch definieren und verhalten. Während eine absolutistische Monarchie keinerlei Kritik am Staatsoberhaupt gestattet, darf in einer Demokratie um die richtige Art, das Gemeinwesen zu gestalten, gestritten werden. Totalitäre Systeme erlauben keine Abweichung von der offiziellen Partei-Linie und grenzen Dissidenten nicht nur rigoros als Feinde aus, sondern eliminieren diese auch psychisch und physisch. Historisch sind Staaten und Religionen stets mit Gewalt gegen Menschen vorgegangen, die Autorität in Frage stellen bzw. eigene Autorität beanspruchen. Freiheitsrechte wurden diesen Systemen abgerungen durch Kampf, und die Aufklärung – das Heraustreten des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit – ist eine sehr neue Idee in der Weltgeschichte, wie auch der Individualismus. Dass ein Mensch einen Wert und eine Würde hat, einfach weil es ein Mensch ist – diese Idee ist nach wie vor provokant, und die Forderung nach der Gleichheit aller Menschen wird weltweit durchaus nicht von allen oder auch nur von vielen Menschen geteilt. Humanistische Ethik, die der goldenen Regel folgt – nicht anderen tun, was man nicht möchte, dass sie mit mir machen, oder positiv formuliert: Andere so behandeln, wie man es sich für sich selbst auch wünscht – ist eine Haltung, die schwierig zu praktizieren ist. Denn dazu muss ein Mensch beständig Verhaltensweisen bewußt reflektieren – und das ist mit emotionaler und kognitiver Anstrengung verbunden. Systeme von Befehl und Gehorsam sind einfacher, und sie sind vor allem effektiver darin, mit Gewalt ihre Ziele durchzusetzen. Aus diesem Grund haben sich diese Systeme auch weltweit durchgesetzt – friedlichere Zivilisationen wurden von kriegerischeren Zivilisationen ausgelöscht. Erst heute, wo die Grenzen der Gewalt sichtbar werden – ein Krieg zwischen mit Atomwaffen ausgerüsteten Staaten kann die Biosphäre so beschädigen, dass menschliches Leben auf diesem Planeten unmöglich wird – sind Menschen gezwungen, die Logik des Krieges zu verlassen und ein anderes Paradigma zu entwickeln. Oder eben als Menschheit kollektiv unterzugehen. Die Grenzen des Wachstums sind ebenfalls bekannt – wenn wir als Menschheit eine Zukunft haben wollen, müssen wir mit der Biosphäre pfleglich umgehen. Davon ist allerdings nichts zu sehen – der Raubbau an den natürlichen Ressourcen und die Vergiftung von Boden, Luft und Wasser eskalieren weiter. Immer mehr produzieren, das bedeutet immer mehr Müll. Die Menschen, die diese Tendenzen benannt haben und versuchten, dagegen etwas zu tun, wurden immer ausgegrenzt und verfolgt. Ihre Ideen wurden lächerlich gemacht, sie selbst persönlich diffamiert, und Versuche von Selbstorganisation wurden kriminalisiert. Da, wo Bewegungen über eine längere Zeit entgegen der herrschenden Meinung Bestand hatten, wurden diese gespalten in einen Teil, der integriert wurde ins System – einhergehend mit der Entkernung; alles an wesentlicher Kritik haben diese reformistischen Teile im Anpassungsprozess an das System entsorgt – und einen Teil, der ruiniert wurde. Die Mittel, um eine Bewegung zu zerstören, sind bekannt – es werden Angriffe auf allen erdenklichen Ebenen gefahren, vom politischen Mord an Führungspersönlichkeiten über Kriminalisierung, Denunziation, Psychiatrisierung, der Zersetzung durch eingeschleuste Agenten, den Drogen, dem Zerstören von Treffpunkten, der Schaffung von speziellen Gesetzen, die beliebige staatliche Maßnahmen gegen unliebsame Personen und Gruppierungen ermöglichen, der Aufrüstung der gegen Gruppen einsetzbaren Streitmacht aus Polizei und Militär, den Verwaltungsapparaten, die die Menschen arm und krank und vor allem schwach und unmündig halten. Der Staat und das Rechtssystem spielen die zentrale Rolle – ohne diesen Apparat ist ein System, wie wir es heute haben, unvorstellbar. Nur durch massive Gewalt kann ein System, in dem Macht und Güter extrem ungleich verteilt sind, sich selbst erhalten. Leibeigenschaft und Sklaverei sind keineswegs abgeschafft worden, im Gegenteil wurden die wesentlichen Aspekte dieser Herrschaftsverhältnisse totalitär ausgeweitet. Frei ist der Mensch, der nicht arbeiten muss – sagte Aristoteles. Diese freien Menschen der Antike, das sind diejenigen, deren Wohlstand von anderen – nämlich Sklav*innen – erarbeitet wird. Heute gilt es als selbstverständlich, dass jeder Mensch arbeiten muss – womit aber nicht gemeint ist sinnvoll tätig sein. Sondern sogenannte Lohnarbeit, also unter Zwang sich in ein Kollektiv einfügen und die eigene Kraft fremdbestimmt verwenden. Und genau das ist Sklaverei – die Energie und die Möglichkeiten des eigenen Körpers gehören mir nicht, sondern sie gehören dem Staat und der Wirtschaft. Pyramiden bauen, letztlich ist das nichts anderes. Subsistenzwirtschaft wurde global angegriffen und zerstört, weil sie keinen Profit anstrebt. Damit wurde Menschen die einzige Form, unabhängig von den sehr viel größeren und mächtigeren sozialen Gruppen – den Städten, den Staaten, den Konzernen – ihr Leben und Überleben zu gestalten, genommen. Die praktisch totale Abhängigkeit der modernen Menschen vom System ist nicht zufällig entstanden, sondern es wurden mit kriegerischen Mitteln alle Formen von Autarkie zerstört. Man möge sich nicht täuschen – ein Papierkrieg ist letztlich auch nichts anderes, denn am Ende der Bürokratie und des Rechtsstreites kommt immer noch der Trupp von Schlägertypen vorbei, der die Räumung vornimmt und das Privateigentum schützt. Und falls sich jemand wehrt, werden solche Leute geschickt, die mit Panzern und Gewehren die Lage bereinigen. Daran hat sich nie wirklich etwas geändert, nur die Fassade des Systems wird immer mal neu angemalt. Was sich allerdings geändert hat – die herrschende Klasse hat ihre Legitimationsbasis angepasst. Heute gilt es als vernünftig und rational, dass alle Menschen sich selbst als konkurrierende Unternehmen mit ökonomischer Ausrichtung betrachten – womit Solidarität natürlich als eine irrationale Verhaltensweise erscheint. In einer irrwitzigen Verdrehung aller Tatsachen wird jeder Begriff in sein Gegenteil gewendet, so daß es praktisch nicht mehr möglich ist, sich sprachlich klar auszudrücken. Beispielsweise heißt ein Arbeiter heute Arbeitnehmer – obwohl der Arbeiter arbeitet, also Kraft gibt und nicht nimmt. Ein Kapitalist – das sind Besitzer von Produktionsmitteln – nennt sich heute Arbeitgeber, was genau wieder eine Verkehrung von Tatsachen ist. Und die Menschen, die an der Spitze der Ausbeutungspyramide sich bewegen, nennen sich selbst Leistungsträger – während sie in Wirklichkeit den Reichtum davon tragen, den ihre Sklaven für sie durch Arbeit geschaffen haben. Heute las ich im Kölner Stadtanzeiger, wenn Güter gleich verteilt würden, wäre das ungerecht, weil es die Leistungsunterschiede der Menschen negieren würde. So absurd ist die Welt geworden – wahre Gerechtigkeit besteht heutzutage angeblich darin, dass einige wie die Maden im Speck leben, während andere verhungern. Unterschiede zum von Gott gegebenen Reichtum der Adligen sind bei diesem neoliberalen Geschwätz nicht erkennbar. Heute wie damals ist es die nackte physische Gewalt, die letztlich die Unterschiede in der Verteilung der Güter ermöglicht. Der Propaganda-Apparat, der die Gehirne der Menschen vernebelt, damit sie diese Zustände nicht als das wahrnehmen, was sie sind – nämlich himmelschreiendes Unrecht – der hat sich weiter entwickelt. Mehr aber auch nicht.

 

[Fragment]

Wieso wird ohne wirkungsvollen Einspruch alles für „alternativlos“ erklärt, was die Eliten machen wollen? Wieso wird das von den „Experten“ abgenickt?
 
Antwort: Weil seit vielen Jahren nur noch Konformität produziert wird. Durchsetzungsfähige, angepaßte System-Menschen – das wird belohnt.
 
Es gibt praktisch keine kritischen Intellektuellen mehr, die widersprechen – weil die Schulen und Universitäten und Ausbildungsinstitutionen sich durch soziale Hürden gegen die unteren Schichten abschotten und rigoros *alle* aussortieren, die innerhalb dieser Institutionen auch nur ansatzweise eine eigene Denkweise artikulieren, die nicht den Klassenstandpunkt der Eliten bejaht.
 
Menschen, die dennoch durch kommen und dann etwas sagen und schreiben und tun, werden praktisch nicht öffentlich rezipiert.
 
Falls doch, werden ihre Aussagen so gefaßt, dass sie harmlos bleiben. Und alles, alles wird in sein Gegenteil gewendet, ganz nach Belieben.
 
So entsteht systematisch eine geistige Monokultur. Ein solches System hat mit pluralistischer Gesellschaft nichts mehr zu tun. Es ist vielmehr eine Gleichschaltung. In „Diskussionen“ im TV reden dann Menschen, die *alle* letztlich neoliberal sind.
 
Die Überschneidungen dieser Ideologie mit dem totalitären Faschismus sind übrigens größer als die Unterschiede: Milton Friedman, Margret Thatcher und Augusto Pinochet, das sind Vertreter einer gemeinsamen Idee.
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