Wie der neue Faschismus aussieht und funktioniert

Das Weltbild der Faschisten hat sich nie verändert. Die Welt ist ein Krieg von Rassen, wobei es eine Hierarchie der Wertigkeit der Rassen gibt. Oben, das sind die Weißen. Unten, das sind die Schwarzen. Die Juden sind das Böse. An den Juden liegt alles, sie sind die Strippenzieher. Kapitalismus, Kommunismus, und generell alles, was schlecht ist – das waren und sind die Juden.

Angestrebt wird ein Naturzustand, der per se gut ist, alle Probleme löst und etwa so aussieht: Jedes Volk besteht aus genau einer Rasse, hat eine gemeinsame Nation und darin genau eine Kultur und eine Sprache. Der Staat ist mit Nation, Kultur und Rasse identisch.

In der Volksgemeinschaft herrscht dann eine Hierarchie, mit dem Führer an der Spitze, dem alle unbedingt folgen. Abweichung und Kritik werden gnadenlos ausgemerzt. „Natürlich“, das ist heterosexuell. Männer stehen über Frauen. Deswegen werden auch die Entscheidungen nur von Männern getroffen. Frauen kriegen Kinder und kümmern sich um diese und den Haushalt. Das ist ihr natürlicher Ort.

„Natürlich“, das bedeutet auch, das immer die Starken recht haben. Wenn sie dies wünschen, können Starke die Schwachen schützen. Aber unnützliche Wesen braucht es nicht – Kranke zum Beispiel, die nicht heilbar sind, werden umgebracht.

Die Volksgemeinschaft wird als Projektionsfläche auch für die Sehnsüchte der Menschen gebraucht – es gibt da keine Klassen (sowieso eine Erfindung der jüdischen Marxisten, diese „Ausbeutung“). Es gibt in dieser Ideologie auch kein gesellschaftliches Unten und Oben, was irgendwie ungerecht wäre. Das ist der Teil von „sozialistisch“ in Nationalsozialistisch.

Globalisierung gibt es auch nicht mehr in der faschistischen Utopie. Wie Wirtschaft funktioniert, die nicht mehr exportiert und importiert und woher das deutsche Erdöl und die deutschen Bananen kommen werden – das wird sich zeigen.

Generell sind diese Weltbilder einfach und unlogisch – der Wohlstand, den Deutschland zum Beispiel hat, wird als selbstverständlich vorausgesetzt, die internationale Arbeitsteilung wird nicht bemerkt und analysiert. Als ob sowas in einem protektiv abgeschirmten Nationalstaat erreichbar wäre. Was im Rahmen einer solchen Politik tatsächlich gehen würde, zeigt Nordkorea.

Allerdings ist Faschismus immer expansiv – die Ressourcen des Planeten – wo sie denn dem Nationalstaat fehlen – müssen natürlich erobert werden. Wozu eine überlegene Rasse natürlich das Recht hat. Lebensraum im Osten, ein Platz an der Sonne, am deutschen Wesen soll die Welt genesen etc. Aktuell verbünden sich Faschisten und teilen einen Wertekanon. Nur: Sobald Staaten faschistisch regiert sind, sind sie im Krieg miteinander. Nicht wie jetzt überwiegend im Wirtschaftskrieg, sondern physisch mit Waffen. Wie das ausgeht, haben wir 1945 gesehen.

Der neue Faschismus ist nicht neu. Sieht nur ein wenig anders aus und hört sich ein wenig anders an, weil man nicht unmittelbar mit dem Weltenbrand und dem Holocaust identifiziert werden will – sonst wäre die Neuauflage dieser Menschheitsverbrechen, die zwingende Teile des Programms sind, vielleicht erschwert. Wobei ja an der positiven Besetzung des Begriffes völkisch gearbeitet wird und die Erinnerung an den Holocaust als nationale Schande diffamiert wird. Wohlgemerkt – die Erinnerung an den Holocaust, nicht der Holocaust selbst. Der war ja keine Schande? Nein. Sondern deutsche Wertarbeit.

Ideologisch ist alles alt am neuen Faschismus. Die Funktionsweise, also wie sich diese Leute breit machen, ist auch wie gehabt: Sie drehen alles um, Täter-Opfer-Umkehr und Freund-Feind-Denken plus Projektion des Bösen. Was sie vorhaben, werfen sie lautstark den anderen vor. Und sie gehen mit physischer Gewalt vor. Wo das nicht geht, bereiten sie es vor durch aggressive Rhetorik.

Im Einzelnen:

Der christliche Westen hat den Rest der Welt mit Invasionen und Kriegen überzogen, unterworfen, versklavt und ausgeplündert. Da kommt der Reichtum her, der jetzt hier ist. Und weiterhin wird Krieg geführt gegen die Armen, weltweit. Woran die deutsche Wirtschaft profitiert. Ohne Blut für Öl würde nichts davon gehen.

Das wird umgedreht. Nun sind wir im Westen die Opfer – wir werden durch eine Invasion besetzt, unser Wohlstand wird uns betrügerisch entzogen, unsere Frauen werden vergewaltigt, wir werden versklavt etc. Man wird uns unseren Glauben und unsere Freiheit nehmen.

Der weiße Mann hat die Frauen zu dummen Tieren degradiert.

Das wird umgedreht: Nun sind Männer die Opfer des Feminismus.

Der weiße Mann hat die nicht-weiß definierten Menschen massenhaft versklavt, unterdrückt und umgebracht. Sie durften keine Nationen bilden, keine eigene Kultur pflegen, hatten keinerlei Rechte.

Das wird umgedreht: Nun sind die Weißen in Gefahr, sie werden durch Nicht-Weiße ausgerottet und müssen sich der Umvolkung sowie der Rassenschande erwehren.

Der heterosexuelle Mann hat alle anderen sexuellen Identitäten brutal verfolgt und sehr viele ermordet. Es gibt eine historische Tradition, die letztlich einen bisher in seinen Dimensionen noch kaum erfaßten Massenmord an Nicht-Heteros beinhaltet.

Das wird umgedreht: Nun werden normale Männer verschwult und unterdrückt. Der Gender-Wahn zerstört die natürliche Ordnung. Etc.

Diese Liste ließe sich lange weiter schreiben. Immer ist das Muster gleich: Täter-Opfer-Umkehr.

Zweck der Übung: Die alten Zustände, in denen Privilegien selbstverständlich waren, wieder zu etablieren. Und eine Rechtfertigung dafür zu haben, wieso ein solches Ansinnen mit Massenmord angestrebt werden darf. Auch darüber darf man sich keine Illusionen machen – Ziel ist ein Bürgerkrieg, eine faschistische Regierung, ein großes Aufräumen. Und Blut soll spritzen.

Nun ist es allerdings so, dass dieser Krieg nicht irgendwann kommt, sondern bereits ausgetragen wird. Es werden Menschen angegriffen von den Faschist*innen, jeden Tag. Und da, wo faschistische Herrschaft bereits Realität ist – da werden die Schwulen umgebracht, die ethnischen Minderheiten mit Krieg überzogen, die Opposition eingesperrt und gefoltert.

Neu am neuen Faschismus ist vielleicht die Optik und ein Teil der Rhetorik – mehr nicht. Es gibt ein Durcheinander von ideologischen Versatzstücken, das ist recht beliebig und post-modern. Weil alle politischen und sozialen Bewegungen auch nach rechts außen anschlußfähig sind – paradoxerweise auch der Antifaschismus und das Judentum – ist das verständlich.

Was daraus werden wird? Ich weiß es nicht. Nichts Gutes, so viel ist sicher. Anti-Humanistische Bewegungen richten massive Schäden an. Was allerdings auch Bewegungen, die sich explizit als humanistisch definiert haben, hin bekommen haben. Und in post-faktischen Zeiten kann der Faschist sich als Verteidiger der freien Rede und der Demokratie gerieren, ohne auf allgemeinen Widerspruch zu treffen.

Einige Geschehnisse aus den USA unter dem neuen Führer:

https://www.colorlines.com/articles/growing-alliance-between-neo-nazis-right-wing-paramilitaries-and-trumpist-republicans 

Woraus besteht ein Faschist – psychologisch und soziologisch betrachtet?

  • Konventionalismus. Starre Bindung an die konventionellen Werte des Mittelstandes.
  • Autoritäre Unterwürfigkeit. Unkritische Unterwerfung unter idealisierte Autoritäten der Eigengruppe.
  • Autoritäre Aggression. Tendenz, nach Menschen Ausschau zu halten, die konventionelle Werte missachten, um sie verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können.
  • Anti-Intrazeption. Abwehr des Subjektiven, des Phantasievollen, Sensiblen.
  • Aberglaube und Stereotypie. Glaube an die mystische Bestimmung des eigenen Schicksals, die Disposition in rigiden Kategorien zu denken.
  • Machtdenken und „Kraftmeierei“. Denken in Dimensionen wie Herrschaft – Unterwerfung, stark – schwach, Führer – Gefolgschaft; Identifizierung mit Machtgestalten; Überbetonung der konventionalisierten Attribute des Ich; übertriebene Zurschaustellung von Stärke und Robustheit.
  • Destruktivität und Zynismus. Allgemeine Feindseligkeit, Diffamierung des Menschlichen.
  • Projektivität. Disposition, an wüste und gefährliche Vorgänge in der Welt zu glauben; die Projektion unbewusster Triebimpulse auf die Außenwelt.
  • Sexualität. Übertriebene Beschäftigung mit sexuellen „Vorgängen“.

Wie ist so ein Mensch strukturiert?

  1. Ängstliche Abwehr von Neuem und Fremden
  2. Rigides und unflexibles Verhalten
  3. Anpassungs- und Unterordnungsbereitschaft
  4. Orientierung an Macht und Stärke
  5. Feindseligkeit und unterdrückte Aggressivität
  6. Konformität
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