Lao-Tse – Der Urnebel

Der Lenker der Wolken wanderte nach Osten. Als er über die Zweige des Himmelsbaumes hinauskam, traf er den Urnebel.

Der Urnebel schwebte gerade regungslos auf und nieder. Als der Lenker der Wolken ihn erblickte, hielt er betroffen inne, stand verwundert und sprach: „Ehrwürdiger, wer bist du? Was tust du hier?“.

Der Urnebel antwortete, ohne anzuhalten: „Ich schwebe.“

Der Lenker der Wolken sprach: „Ich möchte dich etwas fragen.“

Der Urnebel blickte auf, sah den Lenker der Wolken an und seufzte.

Der Lenker der Wolken sprach: „Die Kräfte des Himmels sind nicht im Einklang, die Kräfte der Erde sind verworren, die Kräfte der Atmosphäre sind in Unordnung, und die Jahreszeiten sind durcheinander gekommen.

Nun möchte ich die Urkräfte der Atmosphäre wieder in Einklang bringen, um allen Geschöpfen der Erde Lebensmöglichkeiten zu geben, wie kann ich das tun?“

Der Urnebel schwebte weiter regungslos auf und nieder, neigte nur das Haupt und sprach: „Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht!“. Der Lenker der Wolken erhielt keine Antwort.

Wiederum drei Jahre wanderte er nach Osten. Als er über das bewohnte Gebiet hinaus kam, traf er den Urnebel.

Der Lenker der Wolken war hocherfreut, ging eilends auf ihn zu und sprach: „Erhabener, hast du mich vergessen? Erhabener, hast du mich vergessen?“ Wieder und wieder verneigte er sich ganz tief und bat den Urnebel um Belehrung.

Der Urnebel sprach: „Ich schwebe auf und ab, ohne ein Ziel zu kennen. Ich lasse mich treiben, ohne daß ich weiß, wohin es geht. Schwebend schaue ich regungslos dem Walten der Natur zu, was sollte ich da wissen?“

Der Lenker der Wolken sprach: „Auch ich möchte mich gern treiben lassen, die Menschen aber folgen mir, wohin immer ich gehe. Ich kann darum nicht anders, als mit den Menschen Gemeinschaft zu haben, und da ich nun einmal der bin, nach dem die Menschen sich richten, möchte ich von dir ein Wort hören.“

Der Urnebel sprach: „Daß die ewige Ordnung des Himmels gestört wird, daß die wahre Natur der Geschöpfe verkehrt wird, daß dem unerforschlichen Walten des Himmels gewehrt wird, daß die Herden der Tiere versprengt werden, daß die Vögel nur noch des Nachts singen, daß Unheil über Baum und Kraut kommt und daß der Fluch sich bis zu den geringsten Würmern auswirkt, ach, all das kommt nur durch den Irrtum, daß man den Menschen in Ordnung halten will.“

Der Lenker der Wolken sprach: „Was soll ich dann aber tun?“

Der Urnebel sprach: „Du quälst mich. Schwing dich auf und eile wieder dahin, woher du gekommen bist!“

Der Lenker der Wolken sprach: „Schwer war es für mich, dich, Erhabener, zu treffen, darum bitte ich dich, laß mich doch einen Rat hören!“

Der Urnebel sprach: „Ach, laß es doch aus dem Herzen quellen! Nur wenn du gar nichts unternimmst, werden alle Wesen von selber wieder zu ihrer Natur zurückfinden.

Vergiß deine Körperlichkeit, wirf alles Sinnliche von dir, vergiß die Bande, die dich mit dem Stofflichen verbinden, versenke dich in das Ursein, löse dein Herz, entspanne deinen Geist und sei still, als hättest du keine Seele. Alle Wesen und alles, was überhaupt lebt, kehrt zurück zu seinem Ursprung. Sind sie einmal in ihren Ursprung, ins Unbewußte, ins Gestaltlose zurückgekehrt, so trennen sie sich nie mehr von ihm.

Solange du dir aber noch deiner Körperlichkeit bewußt bist, bist du ihm noch fern. Frage nicht nach seinem Namen, forsche nicht nach seinem Wesen. Es ist der Urgrund des Seins, sich selber Ursprung.“

Der Lenker der Wolken sprach: „Erhabener, du hast das Wahre mir geschenkt und sein Geheimnis offenbart. Nun habe ich erlangt, was ich mein Leben lang ersehnt.“

Und er verneigte sich wieder und wieder tief und ging.

 

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