Über Wahrheit(en) – No Truth, Just Views

Beim Nachspüren fiel es mir mal wieder auf – meine „Wahrheit“ war ein Lügner. In vielerlei Hinsicht ist es mir sehr überzeugend vorgekommen, was ich geglaubt habe, und ich war mir sicher, so ist das, genau so und nicht anders.

Nun widerspricht der „Vollbesitz der Wahrheit“ meinem zentralen Dogma – immer skeptisch bleiben. Also konnte da was nicht stimmen.

Schon oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass das genaue Gegenteil oft ebenso wahr ist. Und das grundsätzlich immer aus These und Anti-These eine neue Synthese erwächst – der Kerngedanke dessen, was wir als Dialektik kennen.

Leute hassen das an mir, dass ich anscheinend beliebig irgendwelche Gegenpostitonen mit sauguten Argumenten vertrete, und immer so scheußlich konfrontativ bin. „Du drehst mir das Wort im Munde herum“, wie oft ich das gehört habe. Und es stimmt, teilweise.

Mir macht die Suche nach dem, was als gute und funktionierende, also passende, Wahrheitsannahme (Arbeitshypothese) durch gehen kann, ebenso viel Spaß wie die destruktive Kritik, das Auflösen von Gewissheiten in einem ätzenden Säure-Bad.

Letzteres ist emotional extrem unangenehm, beliebt macht sich ein solcher Mensch nicht, und den Schierlingsbecher hat der Sokrates auch nicht umsonst trinken dürfen. Sondern, weil seine liderliche, kynische und oft wohl auch reichlich besoffen vorgenommene Gotteslästerei den Menschen seiner Stadt irgendwann zu sehr auf die Nerven gegangen war.

Anlass dieser Meditation über Wahrheit war mein Artikel zu NPS und BPS, also narzistische Persönlichkeitsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Ich hatte diese Menschen als seelenlose Monster beschrieben, aus der Opfer-Perspektive.

Wieso? Weil meine Mutter NPS hat, und meine Ex eine BPS. Und weil ich daran fast kaputt gegangen bin. Aus meinem Erleben heraus bin ich ein Opfer, und für meine Kindheit und für die erste Zeit mit der Ex trifft das sicher zu, dass ich da sehr wenig ein Gegner oder gar selbst ein Täter war.

Nur – dann beginnt ja Interaktion, und es wird uneindeutig. Jemand kann nur ein reiner Täter sein, wenn jemand ein reines Opfer bleibt – und das drüfte NIE der Fall sein bei einer zeitlich ausgedehnten sozialen Interaktion. Tatsächlich drehen sich alle Dinge immer, und aus dem Einen wird das Andere.

Als Psychotherapeut habe ich mit beiden Störungsbildern gearbeitet, und die Menschen, die mit dieser Problematik bei mir an ihren Schwierigkeiten gearbeitet haben, immer als voll ok angenommen. Der Mensch ist in Ordnung, sie tut ihr Bestes, immer – nur der dämonische Reiter, das Monster, was sie auf sich sitzen haben und was sie bisweilen steuert, die PS, die muss neutralisiert werden.

Die therapeutische Perspektive sieht die Menschen und ihre Lernerfahrungen, die zugefügten Schädigungen, die einem unschuldigen Kind angetan wurden, und was aus einem guten menschen durch die böse Welt geworden ist. Das ist ebenso wahr wie die Beschreibung als Opfer. Was sicher falsch ist, dass ist die Idee von den geborenen Verbrechern. Es gibt einen Beitrag der Gene, vielleicht ist der sehr hoch, vielleicht sehr gering, nur es gibt sicher auch den Beitrag der Umwelt. Weil wir es nicht wissen, könnten wir einfach von 50:50 ausgehen, und sagen: Einen Teil bringt ein Mensch mit, ein anderer Teil wird gemacht und gelehrt und von Außen konfiguriert (Erziehung, Lernerfahrung). Beides steht immer in Interaktion.

Kein Mensch ist ein Monster.

Beweis: Auch Nazisau Adolf, die alte Methamphetamin-Hure, hat nicht nur gehasst und zerstört und gemordet, sondern eben auch (mindestens) einen Hund geliebt.

Der gleiche „Typ“ wird eben nicht in allen denkbaren Lebenssituationen sich gleich entwickeln. Und niemand schafft es, nur böse zu sein, egal wie böse definiert wird. Selbst mit der festen Absicht, nur Schlechtes zu tun, passieren gelegentlich gute Tagen, das ist unvermeidlich. Und genauso kommen aus lauter reinen Gedanken und der Absicht, nur mit Liebe zu handeln, gelegentlich scheußliche Dinge hervor. C’est la vie, alors.

Zurück zur Dialektik.

Kein Ding hat zwei Seiten, sondern: Immer sind es drei Seiten.

Beweis: Zeig mir etwas, und ich zeige dir, es ist 3D.

Nur theoretisch sind weniger Perspektiven denkbar, diese sind aber in unserem Anschauungsraum nicht sichtbar zu machen, es sei denn als Formel oder Wort.

Raum ist dreidimensional. Nicht wirklich, es sind wohl 16 Dimensionen, aber drei sehen wir.

Auch ein Pixel hat eine räumliche Ausdehnung. Sonst wäre es unsichtbar.

Wieso schreibe ich das?

Mir ist aufgefallen, dass ich meiner Mutter und meiner Ex Unrecht getan habe, sie als die total schlechten und fiesen Monster zu malen.

Schwarz anmalen, das ist eine Sache, die selbst ganz schwarz ist, und es färbt ab. Ich habe gemerkt, ich mache mich schuldig, wenn ich alle Schuld anderen gebe bzw. zuweise.

Ich habe meiner Mutter und meiner Ex – und allen anderen, die von diesen Persönlichkeitsstörungen betroffen sind – durch meine einseitige Beschreibung Unrecht getan. Und das tut mir leid.

Würde es nicht der Klarheit diesen, ich würde diese Beschreibung löschen, und mich entschuldigen. Allerdings, der Zeitpunkt dafür liegt, so glaube ich, in der Zukunft. Denn ich erwarte noch immer eine Entschuldigung von der anderen Seite, die logisch zuerst kommen müßte.

Was natürlich den Frieden blockiert. No justice, no peace. Fuck the police.

Ich bin gerne Kriegerin, ich vernichte den Gegner. Nicht körperlich, das wäre sinnlos. Alle kommen wir immer wieder, daher bringt es nichts, die Inkarnation zu beenden, wenn du einen Mißstand beenden willst. Sondern, was zerstört wird, sind die dämonischen Reiter. Die Gewissheiten, die Falschheiten, die Gemeinheiten.

Kein Mensch ist ein Feind. Aber auch: Kein Mensch ist ein Freund. Alle haben es verdient, angegriffen zu werden.

Wieso? Weil in mir der Hass und der Zorn und die Wut so stark geworden sind über all die Jahre. Die für die Erreichung von Glück zunächst ausgesprochen ungünstige Kombination aus Intelligenz und Sensibilität hat mich viel erleben lassen, und meistens in der Position, wo ich es ab bekommen habe.

Meine Verwundungen einfach in einem grandiosen Akt der Gnade zu vergeben – es würde mich befreien und alles lösen, ist aber aktuell eine absolut übermenschliche Herausforderung. Und ich kann nur vergeben, was ich los lassen kann.

Meine Selbstdefinition mit 18, da hat mich Astrid gefragt, wie ich mich selbst sehe. Eine kluge Frau, und ihr war aufgefallen, dass ich für einen Hippie reichlich martialisch rum lief. Ich habe es ihr erklärt, oder wenigstens den Versuch unternommen.

Ich habe gesagt: Ich lebe im KRIEG. Und das ist wahr, so lange schon, dass es scheint, als sei das immer und zu jeder Zeit der Fall gewesen (was historisch NICHT stimmt).

Diese Welt kennt seit 2000 Jahren keinen Frieden. Die sehr friedlichen, matriarchalen Gesellschaften, das ist lange her und stieß an Grenzen, als diese neue Idee – Grenzen, und damit gleich zu setzen: Krieg – in die Welt kam.

Nur, paradoxerweiese, genau weil das so ist, habe ich in mir den Frieden entwickelt, und das ist eher einfach. Denn wenn ich ein Kämpfer gegen das Unrecht bin, ist es kein Problem, dass es davon mehr als genug gibt, und es ist auch nicht weiter schlimm, wenn ich es nicht beenden kann, denn es ist klar, alleine ist das nicht zu schaffen. Dadurch ist die innere Spannung auf Null reduzierbar, immer.

 

 

 

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Lao-Tse – Der Urnebel

Der Lenker der Wolken wanderte nach Osten. Als er über die Zweige des Himmelsbaumes hinauskam, traf er den Urnebel.

Der Urnebel schwebte gerade regungslos auf und nieder. Als der Lenker der Wolken ihn erblickte, hielt er betroffen inne, stand verwundert und sprach: „Ehrwürdiger, wer bist du? Was tust du hier?“.

Der Urnebel antwortete, ohne anzuhalten: „Ich schwebe.“

Der Lenker der Wolken sprach: „Ich möchte dich etwas fragen.“

Der Urnebel blickte auf, sah den Lenker der Wolken an und seufzte.

Der Lenker der Wolken sprach: „Die Kräfte des Himmels sind nicht im Einklang, die Kräfte der Erde sind verworren, die Kräfte der Atmosphäre sind in Unordnung, und die Jahreszeiten sind durcheinander gekommen.

Nun möchte ich die Urkräfte der Atmosphäre wieder in Einklang bringen, um allen Geschöpfen der Erde Lebensmöglichkeiten zu geben, wie kann ich das tun?“

Der Urnebel schwebte weiter regungslos auf und nieder, neigte nur das Haupt und sprach: „Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht!“. Der Lenker der Wolken erhielt keine Antwort.

Wiederum drei Jahre wanderte er nach Osten. Als er über das bewohnte Gebiet hinaus kam, traf er den Urnebel.

Der Lenker der Wolken war hocherfreut, ging eilends auf ihn zu und sprach: „Erhabener, hast du mich vergessen? Erhabener, hast du mich vergessen?“ Wieder und wieder verneigte er sich ganz tief und bat den Urnebel um Belehrung.

Der Urnebel sprach: „Ich schwebe auf und ab, ohne ein Ziel zu kennen. Ich lasse mich treiben, ohne daß ich weiß, wohin es geht. Schwebend schaue ich regungslos dem Walten der Natur zu, was sollte ich da wissen?“

Der Lenker der Wolken sprach: „Auch ich möchte mich gern treiben lassen, die Menschen aber folgen mir, wohin immer ich gehe. Ich kann darum nicht anders, als mit den Menschen Gemeinschaft zu haben, und da ich nun einmal der bin, nach dem die Menschen sich richten, möchte ich von dir ein Wort hören.“

Der Urnebel sprach: „Daß die ewige Ordnung des Himmels gestört wird, daß die wahre Natur der Geschöpfe verkehrt wird, daß dem unerforschlichen Walten des Himmels gewehrt wird, daß die Herden der Tiere versprengt werden, daß die Vögel nur noch des Nachts singen, daß Unheil über Baum und Kraut kommt und daß der Fluch sich bis zu den geringsten Würmern auswirkt, ach, all das kommt nur durch den Irrtum, daß man den Menschen in Ordnung halten will.“

Der Lenker der Wolken sprach: „Was soll ich dann aber tun?“

Der Urnebel sprach: „Du quälst mich. Schwing dich auf und eile wieder dahin, woher du gekommen bist!“

Der Lenker der Wolken sprach: „Schwer war es für mich, dich, Erhabener, zu treffen, darum bitte ich dich, laß mich doch einen Rat hören!“

Der Urnebel sprach: „Ach, laß es doch aus dem Herzen quellen! Nur wenn du gar nichts unternimmst, werden alle Wesen von selber wieder zu ihrer Natur zurückfinden.

Vergiß deine Körperlichkeit, wirf alles Sinnliche von dir, vergiß die Bande, die dich mit dem Stofflichen verbinden, versenke dich in das Ursein, löse dein Herz, entspanne deinen Geist und sei still, als hättest du keine Seele. Alle Wesen und alles, was überhaupt lebt, kehrt zurück zu seinem Ursprung. Sind sie einmal in ihren Ursprung, ins Unbewußte, ins Gestaltlose zurückgekehrt, so trennen sie sich nie mehr von ihm.

Solange du dir aber noch deiner Körperlichkeit bewußt bist, bist du ihm noch fern. Frage nicht nach seinem Namen, forsche nicht nach seinem Wesen. Es ist der Urgrund des Seins, sich selber Ursprung.“

Der Lenker der Wolken sprach: „Erhabener, du hast das Wahre mir geschenkt und sein Geheimnis offenbart. Nun habe ich erlangt, was ich mein Leben lang ersehnt.“

Und er verneigte sich wieder und wieder tief und ging.

 

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