Kain und Abel

Ich muss diese Geschichte wohl mal wieder nach lesen. Erinnerlich ist mir, wie die Deutung ging, die sich mir als die bisher plausibelste erinnerlich macht – dass nämlich Gott ungerecht gegen die Brüder ist; das Opfer des Hirten Abel – der herumzieht und dies und das tut, und insgesamt nicht viel; das nimmt er an, dass des hart ackernden Kain, der macht und schafft und tut, Städte gründet und geschäftig ist, hingegen nicht.

Der eine läßt es sich gut gehen, lebt angenehm und froh, der andere hat offenbar Grund zum Zorn.

Und Kain ist doch eigentlich der Erstgeborene, also der, dem die Übernahme der Geschäfte an sich zu stünde. Dennoch, ihm ist die Anerkennung und die Liebe verwehrt, er wird nach anderen Maßstäben beurteilt.

Anscheinend liebt Gott die Faulen und Nutzlosen, die hart arbeitenden dagegen schaut er mit dem Arsch nicht an, niemand dankt es einem, sich zu bemühen. Kennt wohl jeder Mensch, solche Gefühle.

So dass Kain Fakten schafft, und den Abel erschlägt. Was ja auch historisch die Wahrheit ist; dass nämlich die Sesshaften den Nomaden das Leben unmöglich machten, indem sie mit befestigtem, eingehegten Land das zuvor normale Leben der Menschheit – umher ziehen und mit wenig Arbeit leben – unmöglich machten.

Gott fragt nun, wo ist dein Bruder, und Kain kontert – bin ich der Hüter meines Bruders?

Klar, ja, ist er, jedenfalls theoretisch und moralisch – und natürlich weiß er auch, wo der ist – nämlich tot, erledigt, erschlagen, ad acta gelegt.

Die apokryphen Evangelien – die Stories, die später für zu verrückt gehalten wurden, um in den Kanon aufgenommen zu werden, sind klarer – dort hat nämlich Adiaphotos (der Kain) den Amilabes (Abel) ausgesaugt, sein Blut bis auf den letzten Tropfen getrunken, seine Lebensenergie aufgenommen.

Was Gott natürlich auch weiß, so gesehen dumme Frage.

Und die Antwort hat Witz und Schärfe – eben weil Kain ja kein Schafshirte ist. Kein Hüter dummer Schlachttiere, um es präzise zu sagen. Abel ist ja maximal ein ungebildeter Tagelöhner, ein des Lesens nicht Kundiger, ein Niemand, ein Opfer, wie es neudeutsch so schön heißt. Kain dagegen hat etwas aufgebaut. Er ist der Mann, der Macher, der Manager.

Um den Verbleib von einer konkreten Person geht es also nicht wirklich, wer Bibel so liest, kann sie nie durchdringen – Personen sind immer Bezeichner für einen Stamm, eine Gruppe, eine gemeinsame Idee — sondern – was ist geschehen, hätten nicht die Nomaden auch ihren Lebensraum haben sollen, statt durch die Urbanisierung marginalisiert und praktisch komplett vernichtet zu werden?

Wie konnte es passieren, dass die alte Form des Lebens nun keinen Platz mehr hat?

Der zivilisierte Kain – er ist der Städtegründer, der freie Mensch, der, der aus der Natur die Kultur macht, der Modernist — sieht es nicht als seine Aufgabe an, die archaischeren Lebensweisen zu beschützen, so wie der Kapitalismus die Subsistenzwirtschaften zerstört, ohne ein Gewissen darüber zu zeigen.

Ein spätes Echo dieser Mordtat ist übrigens die Ermordung der Sinti und Roma, zum Beispiel hier in Köln, wo 1200 von ihnen an der Hohenzollerbrücke in Viehwagen der Reichsbahn abtransportiert wurden, um vergast zu werden.

Kain ist aufgrund seiner eigenmächtigen und lieblosen Gewalt ausgestoßen, gottlos, zum Umherschweifen — an sich: Der Völkerwanderung nach Osten, raus aus dem Garten Eden, sprich Mesopotamia, der Welterschließung, dem Immer-mehr und Immer-Weiter — verurteilt, es treibt ihn etwas in ihm drin gnadenlos an, ohne Ruhe und Frieden, und natürlich stehen er und sein Streben unter dem besonderen Schutz des Herrn – es darf ihm niemand etwas tun, sonst wird es siebenfach gerächt.

Kain auf der Flucht vor Jahwes Fluch von Fernand-Anne Piestre Cormon ca. 1880, Musée d’Orsay, Paris

Und später, mit seinem Sohn Lamech, sogar 77 Mal – was auch die Zahl ist, die Jesus als „wie oft soll ich dem Bruder vergeben“ nennt – auch da wird von 7 Mal vergeben auf 77 Mal gesteigert, ein klarer Hinweis auf die QBL, die Kabbalah, also das System der heräischen Mystik, wo Zahlen als Konzepte Bedeutungsträger sind — nichts in der Bibel macht irgendwie Sinn, ohne diese Lehre zu kennen.

Was auch sehr wichtig ist, das besondere Zeichen, das Kainsmal, ohne welches später keine Geschäfte möglich sind.

Auf der Stirn, sagen manche. Gut, wo sonst, sieht man ja anderswo schlecht. Könnte gut sein, es ist eher die Art, wie diese Leute auftreten, ihre Ausstrahlung, ihr Habitus, oder drittes Auge, etc.

Manche gegenwärtigen Exegesen sehen darin den eingebauten Computerchip, der mit sowas wie RFID arbeitet. Davon anderswann mehr.

Kain ist bei Beaudelaire der zukünftige Himmelsstürmer, der Anführer des Lumpenproletariats, der Gott töten wird, um seinen Platz einzunehmen. Ob der Franzose da nicht fehl ging? Die Blumen des Bösen, auch das ist eine gute Quelle, um Verschiedenes zu lernen. Nicht umsonst wurde zensiert. Merke – wo Zensur ist, ist Wissen.

So übrigens werden die Generationenfolgen der Götter üblicherweise gehandhabt, nicht bloß im biblischen Kontext – immer sind die Kommenden gegen die, deren Zeit abgelaufen ist, sehr gewalttätig, und es ist auch die Art, wie das Bessere sich durch setzt, durch stärkere und wirksamere Systeme.

Der Sturm der Götterwohnung, die kämpferische Auseinandersetzung, das ist ein Motiv in allen Geschichten über die Großen.

Nichts ist so überholt wie die Moral von Gestern.

Für Nomaden sind Zäune ein Verbrechen gegen die Allmende. Für Sesshafter sind umherziehende Banden ein schlimmes Problem. Für digitale Illuminati sind wieder die Freiheit des Umherziehens und die selbstverständliche Nutzung aller Güter durch alle das Gesetz.

Und ja, eine Form wird zerstört, um eine andere zu schaffen, vor allem: Ihr Raum zu erobern. Zerstörung ist konstruktiv, schreibt Malatesta.

Noch kurz zu Kain – dessen Nachkommen und die des Seth haben alles, was heute ist, gemacht und entwickelt, nicht etwa die Abels, diese Schafhirten.

‚Wir‘ westlichen Menschen und unsere Zivilisation, all das ist das Ergebnis der langen und harten Arbeit des Brudermörders Kain. Ob nun geliebt oder nicht, der Typ bringt die Dinge voran.

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Lao-Tse – Der Urnebel

Der Lenker der Wolken wanderte nach Osten. Als er über die Zweige des Himmelsbaumes hinauskam, traf er den Urnebel.

Der Urnebel schwebte gerade regungslos auf und nieder. Als der Lenker der Wolken ihn erblickte, hielt er betroffen inne, stand verwundert und sprach: „Ehrwürdiger, wer bist du? Was tust du hier?“.

Der Urnebel antwortete, ohne anzuhalten: „Ich schwebe.“

Der Lenker der Wolken sprach: „Ich möchte dich etwas fragen.“

Der Urnebel blickte auf, sah den Lenker der Wolken an und seufzte.

Der Lenker der Wolken sprach: „Die Kräfte des Himmels sind nicht im Einklang, die Kräfte der Erde sind verworren, die Kräfte der Atmosphäre sind in Unordnung, und die Jahreszeiten sind durcheinander gekommen.

Nun möchte ich die Urkräfte der Atmosphäre wieder in Einklang bringen, um allen Geschöpfen der Erde Lebensmöglichkeiten zu geben, wie kann ich das tun?“

Der Urnebel schwebte weiter regungslos auf und nieder, neigte nur das Haupt und sprach: „Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht!“. Der Lenker der Wolken erhielt keine Antwort.

Wiederum drei Jahre wanderte er nach Osten. Als er über das bewohnte Gebiet hinaus kam, traf er den Urnebel.

Der Lenker der Wolken war hocherfreut, ging eilends auf ihn zu und sprach: „Erhabener, hast du mich vergessen? Erhabener, hast du mich vergessen?“ Wieder und wieder verneigte er sich ganz tief und bat den Urnebel um Belehrung.

Der Urnebel sprach: „Ich schwebe auf und ab, ohne ein Ziel zu kennen. Ich lasse mich treiben, ohne daß ich weiß, wohin es geht. Schwebend schaue ich regungslos dem Walten der Natur zu, was sollte ich da wissen?“

Der Lenker der Wolken sprach: „Auch ich möchte mich gern treiben lassen, die Menschen aber folgen mir, wohin immer ich gehe. Ich kann darum nicht anders, als mit den Menschen Gemeinschaft zu haben, und da ich nun einmal der bin, nach dem die Menschen sich richten, möchte ich von dir ein Wort hören.“

Der Urnebel sprach: „Daß die ewige Ordnung des Himmels gestört wird, daß die wahre Natur der Geschöpfe verkehrt wird, daß dem unerforschlichen Walten des Himmels gewehrt wird, daß die Herden der Tiere versprengt werden, daß die Vögel nur noch des Nachts singen, daß Unheil über Baum und Kraut kommt und daß der Fluch sich bis zu den geringsten Würmern auswirkt, ach, all das kommt nur durch den Irrtum, daß man den Menschen in Ordnung halten will.“

Der Lenker der Wolken sprach: „Was soll ich dann aber tun?“

Der Urnebel sprach: „Du quälst mich. Schwing dich auf und eile wieder dahin, woher du gekommen bist!“

Der Lenker der Wolken sprach: „Schwer war es für mich, dich, Erhabener, zu treffen, darum bitte ich dich, laß mich doch einen Rat hören!“

Der Urnebel sprach: „Ach, laß es doch aus dem Herzen quellen! Nur wenn du gar nichts unternimmst, werden alle Wesen von selber wieder zu ihrer Natur zurückfinden.

Vergiß deine Körperlichkeit, wirf alles Sinnliche von dir, vergiß die Bande, die dich mit dem Stofflichen verbinden, versenke dich in das Ursein, löse dein Herz, entspanne deinen Geist und sei still, als hättest du keine Seele. Alle Wesen und alles, was überhaupt lebt, kehrt zurück zu seinem Ursprung. Sind sie einmal in ihren Ursprung, ins Unbewußte, ins Gestaltlose zurückgekehrt, so trennen sie sich nie mehr von ihm.

Solange du dir aber noch deiner Körperlichkeit bewußt bist, bist du ihm noch fern. Frage nicht nach seinem Namen, forsche nicht nach seinem Wesen. Es ist der Urgrund des Seins, sich selber Ursprung.“

Der Lenker der Wolken sprach: „Erhabener, du hast das Wahre mir geschenkt und sein Geheimnis offenbart. Nun habe ich erlangt, was ich mein Leben lang ersehnt.“

Und er verneigte sich wieder und wieder tief und ging.

 

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