Friedrich „Muck“ Lamberty und die Neue Schar

Gerade las ich über Friedrich Lamberty. Kannte ich nicht, na so was. Hab‘ ein wenig drüber zusammen geschrieben.

„Das müssen wir, wenn wir ehrlich sind, uns eingestehen und auch denen sagen, die noch an uns oder diesen Weg glauben. Unsere Aufrufe waren Aufrufe zum Rausch und unser Rufen nach Tiefe hatte oberflächliche Gefühlsschwelgereien zur Folge. Wir waren selbst schuld daran.“

So reden die, die sich abgekehrt haben vom sinnlosen Party-Machen und nun natürlich ebenfalls selbst schuld sind. „Tut uns leid, war nix mit dem tiefsinnigen Zeugs, wir waren nur sinnlose junge Leute.“. Pah! Auf der Autobahn zur Hölle? Ich geh‘ zu Fuß. Aber der Reihe nach:

Lamberty, auch Muck genannt. Erst Rockstar, dann geschmäht. Schluß mit Lustig.
Lamberty, auch Muck genannt. Erst Rockstar, dann geschmäht. Schluß mit Lustig.

Lamberty war ein Freak, hat seinerzeit einigen Wirbel gemacht. War ja eine schwierige Zeit, die Leute waren verwirrt und in Not und einige gingen ziemlich irre ab, sage ich mal. „Inflationsheilige“. Geld war nix mehr wert und die Leute predigten Jesus und so.

Im Mai 1920 begann unter Führung von Muck-Lamberty eine Gruppe Jugendlicher von der Stadt Hartenstein im Erzgebirge aus einen Zug durch Franken und Thüringen. Erstes Ziel war das Pfingsttreffen der Wandervögel im oberfränkischen Kronach. Dort rief Muck zur Gründung der „Neuen Schar“ auf und zog anschließend mit der Gruppe über Coburg, Sonneberg, Saalfeld, Rudolstadt, Jena, Weimar, Erfurt und Gotha nach Eisenach zur Wartburg.[5] Muck beschrieb den „Zweck der Wanderung: Sammlung aller jungen Menschen und Kampf für die Volksgemeinschaft gegen alles Gemeine, gegen Ausbeutung.“[6]

Die „Neue Schar“ zog singend, tanzend und predigend durchs Land und verkündete die „Revolution der Seele“.[7] Sie strebten einen Zustand des „Schwebens“ an und praktizierten Selbsterfahrung in gruppendynamischen „Thing“-Sitzungen. Gusto Gräser sprach an ihren Lagerfeuern, seine Gedichte schmückten ihre Flugblätter. Sie schliefen in der freien Natur, feierten in Kirchen, die sie mit Blumen und Zweigen schmückten, und verbreiteten auf ihrem Weg eine wahre Tanzeuphorie. Wie der legendäre Rattenfänger von Hameln zog Muck-Lambertys Gruppe erst hunderte, dann tausende von Menschen in ihren Bann.

Lamberty machte eine Art Tanz-Demo durch Deutschland und versuchte, ’ne Kommune zu gründen. Dann wurde ihm sexuelle Freiheit vorgeworfen, was wohl seinem Ruf arg abträglich war. Ganz grob zusammen gefaßt – und abgesehen von der ganzen Laberei von „Volk“ und „Seele“ und sonstigem Schmus wie Jugend, Seele, Natur, Reform und Handwerk.

Kommt mir bekannt vor, auf so Ideen kommen Menschen früher und auch morgen wieder, wenn Probleme da sind, die eine Art von Ausschwärmen und Lösungen suchen, die unkonventionell sind erforderlich machen. Dann spinnen sich Leute was zusammen, zum Beispiel gerne auch realitätsferne utopistische Gegensätze zur gesamtscheisse.

Zu viel Industrie, Krieg und Horror? Da wäre ja Frieden, Natur und Handwerk irgendwie schöner. Revolution aber zu blutig, also Reform. Geld nix wert? Dann könnte bloß noch Gott dich retten, also flott ultra-religiös werden. Zombie-Apocalypse? In dem Fall ist es egal, was der charismatische Anführer für einen Bullshit von sich gibt, solange er die Gruppe beisammen hält. Und letztlich nutzt es nichts.

Was bedeutet das letztlich? Hauptsache, es wird geglaubt.  An eine Veränderung, ein Einsehen, den sozialen Wandel. Gerade in der Krise wollen die Leute was zum Dran-Glauben. So wegen Hoffnung und Motivation und so. Wie bei der Trump-Wahl.

Ich liebe ja die Leute, die – idealerweise auf eine liebenswürdige Art und Weise – dafür Sorge tragen, dass es rund geht, mit Politik und Party. Wer das trennt, macht Politik unattraktiv. Kann ich nicht tanzen, dann ist es nicht meine Revolution. Aber die andere Seite sieht das anders: Rumtanzen, albern, wir machen hier Politik. Spaß hat damit nichts zu tun. Schluß mit Lustig. Aber niemand kann die Party stoppen.

Und ehrlich, wir Menschen wären schon längst ausgestorben ohne dieses verbindende Element von gemeinsamer rauschhafter Entgrenzung, was Grundbaustein menschlicher Kultur ist. Was uns wieder verbindet, wenn wir uns zuwider sind. Menschen, die sich kennen und lieben lernen und später teilweise Babies machen, also ich sage mal so, die Parties, die ich angezettelt habe, waren schon mit das Netteste, was ich auf diesem Planeten in sozialer Hinsicht so getrieben habe. War natürlich auch anderes im Spiel. Du willst immer nur ficken. Tja, und wer nicht. Bevor uns langweilig wird. Zurück zu Muck.

Ungefähr so. Der Muck.
Ungefähr so. Der Muck.

Der war auf jeden Fall ein Typ nach meinem Geschmack. Und die Mädels mochten ihn, aber es gab auch Zoff.

Ein weibliches Mitglied der Schar wandte sich – wahrscheinlich aus Eifersucht – an die Behörden und warf Muck vor, eine „Haremswirtschaft“ zu führen. Es kam zu einem Verhör, in dem Muck die gegen ihn erhobenen Vorwürfe unumwunden bestätigte und durch „die geschlechtliche Not der Frauen“ rechtfertigte.

Den Erfurter Pfarrer Adam Ritzhaupt, der Muck durchaus positiv gegenüberstand, wunderte das nicht: „Die starke erotische Stimmung lag ja offen zutage. […] Man denke doch nicht, daß diese Lieder und diese Bewegungen etwas anderes seien als Erotik.“

Die politische Dimension – es bildet sich eine größere Gruppe von herumziehenden, jungen Menschen mit gemeinsamer Ideologie, die sich selbst organisiert – ist spannend.

Zweck der Wanderung: Sammlung aller jungen Menschen und Kampf für die Volksgemeinschaft gegen alles Gemeine, gegen Ausbeutung.

Das klingt nun wieder sehr verdummend. Wander-Nazis. So war der aber nicht. Es hatte was von OCCUPY, eine Gruppe kommt und spricht sich aus und macht drei Tage lang Action, dann geht es weiter, alles umsonst und draußen.

Flugblatt der Neuen Schar
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