Fragen meiner Jugend

Als ich anfing, über die Welt nach zu denken.

Was passiert da? Wie ist das zu erklären, wie funktioniert es? Wieso ist das so? Muß das so sein? Welche Alternativen gibt es, da wo Dinge nicht so gut sind?

Der Umgang der Menschen untereinander und mit den anderen Dingen und Wesen um sie herum – da ist sehr viel sehr brutal und widerwärtig. Weltkriege, Sklaverei, Genozide, Armut, Obdachlosigkeit, Gewaltherrschaft, Folter, die Ausbeutung der Ressourcen gegen jede ökologische Vernunft. Der Umgang mit Nutztieren. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Der gemeinsame Nenner dieser Themen: Politik und Wirtschaft. Und was den Akteur „Mensch“ angeht: Psychologie.

Eine mögliche Lösung schienen die alternativen politischen Theorien zu bieten – Sozialismus, Anarchismus. Ganz offensichtlich politische Ideologien, die sich aus einem mit dem Christentum geteilten Strang von Werten – Gewaltlosigkeit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit – heraus entwickelt haben.

Könnten wir nicht alle respektvoll und egalitär miteinander umgehen?

Tun wir aber nicht. Treffen sich zwei Menschen, sortieren sie sich nach hierarchischen Kriterien. Zum Beispiel verhalten sie sich unterschiedlich zueinander, wenn sie sich als ungleich einstufen – sich als Mann und Frau, arm oder reich oder als weiß und schwarz klassifizieren etc. Welche Unterschiede von welchen Kriterien eine Rolle spielen, hängt dabei an einem sozialen System einer geteilten Weltanschauung.

Beispielsweise trifft eine geniale Bauersfrau einen dummen adligen Mann, es ist aber Mittelalter – dann hat die Frau verschissen. Heute wäre die Frau möglicherweise eine Mathematik-Professorin und der Mann ein Trinker am Kiosk. Der Unterschied von Geschlecht war im Mittelalter sehr sozial relevant, der von Intelligenz nicht – und vielleicht ist es heute anders und auch besser. Was natürlich daran liegt, dass ich Intelligenz für wichtiger und wesentlicher halte als biologisches Geschlecht.

Die Organisation von Menschen in Gruppen, das ist ein Thema, was mich immer wieder fasziniert hat. Wie macht man das, und wann kriegt man welche Resultate?

Leider sind die Ergebnisse ernüchternd: Was so einfach zu sein schien – es anders machen – erweist sich beim Ausprobieren als dermaßen schwierig, dass es für Leute, die trotzig an dieser Mission festhalten, praktisch nur eine Geschichte von gescheiterten Versuchen geben kann. Ist auch möglich, dass ich mich nur besonders bescheuert angestellt habe, na klar. Allerdings sehe ich um mich herum auch wenig, was dafür spricht, dass diese Ansätze tatsächlich funktionieren. Und die Leute, die ich für meine Helden halte, sind oft recht miserabel geendet.

Darunter Künstler, Philosophen, Heilige, Spinner, Wissenschaftler, Liebende. Was die spirituelle Seite angeht, mag ich nicht urteilen. Viele haben aber offenbar ihr Leben lang gesucht und gekämpft und sich eben einer einfachen Lösung der inneren Widersprüche entzogen, sondern bewußt es sich schwer gemacht. Vielleicht, weil sie nicht anders konnten. Wer weiß das schon so genau – den Unterschied von können und Wollen hat ja auch noch nie wer wirklich dingfest machen können.

Ich bilde mir nicht ein, ich wäre wichtig. Auch wenn ich mir das wie vermutlich jeder mal sehr gewünscht habe. In einem kleinen Rahmen jemanden etwas bedeuten, das ist schon fein. Aber selbst wenn nicht – bereits die eigene emotionale Beziehung zu irgendwem oder zu irgendwas reicht aus, sich selbst zu erhalten.

Auf meinem Blog schreibe ich über Themen, die mich beschäftigen – nicht für andere, sondern weil es mir selbst etwas bedeutet, diese Aspekte meines Denkens zu verschriftlichen. Und seit mein Zettelberg mir über den Kopf gewachsen ist, finde ich es sehr erstrebenswert, lieber mehr digialen Formen der Speicherung von Fragmenten meinen Hirnschmalz anzuvertrauen.

Tatsächlich habe ich mir gedacht, wie wäre es, wenn ich parallel zur Entrümpelung meiner Papierhalde eine Reihe von kurzen Beiträgen jeweils zu den Themen mache. Vielleicht mal dies und das einscanne. So habe ich ein wenig eine Essenz gebildet, falls das klappt.

Man soll sein Herz nicht an Dinge hängen. Wenn das mal so einfach wäre. Meine Beobachtung dazu – ich habe mit Dingen eine längere Beziehung als mit Menschen, und mehr Freude an Dingen als an Menschen. Vermutlich, weil Dinge eine Erweiterung meiner Möglichkeiten sind – Machtmotiv; etwas tun können.

Während Menschen regelhaft zwei Aspekte mit bringen, die ich nicht so geil finde.

  1. Sie machen nicht, was ich will, und sie behindern mich in meinem Willen
  2. Sie machen was, was ich nicht will, und behindern mich damit in meinem Wohlfühlen

Was natürlich dafür spricht, dass ich ein Problem mit sozialer Interaktion habe. Und ein komischer Egoist bin, der nicht gelernt hat, sich einzufügen. Die logische Konsequenz – sich irgendwohin zurück ziehen – geht nicht.

Denn zugleich habe ich ein sehr starkes Verlangen danach, mich mit Menschen auszutauschen, was mich immer wieder dahin zieht, wo was los ist. Das habe ich über mich gelernt, als ich in den Bergen in Südfrankreich war. Ab und zu auf den Markt und unter Leute kommen, schon sehr wichtig.

Was mir sehr fehlt – Leute, die ähnliche Sachen wie ich bearbeiten. Kann sein, ich bin da einen eigenen Weg so lange gegangen, dass es in der – bildlich gesprochen – Gegend, wo ich nun bin, niemanden sonst gibt, der da auch wandert. Das stimmt aber nur sehr partiell. Natürlich sind es eher Schichten. Tiefer drin bewegen mich die genau gleichen Dinge wie alle anderen Menschen, was die grundsätzlichen Fragen angeht. „Wie kann ich weiter machen?“ – die zentrale Frage des individuellen Lebewesens. „Wer hat mich lieb, wer schützt und tröstet mich?“: Weil wir kollektive Wesen sind, die Bindungsbedürfnisse haben. Und: „Was ist zu tun?“ – weil ein Apparat da ist, der etwas machen mag und dafür Orientierung benötigt. Ganz grundsätzliche menschliche Angelegenheiten, aus denen sich – falls man irgendwo ankoppelt – alles andere eigentlich auch „von selbst“ ergeben könnte.

 

 

 

 

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