Erster Mai 2017 – Demonstration des DGB

Erster Mai 2017 – Demonstration und anschließende Kundgebung des DGB

Logo und Sprüche des DGB – Plakate zum 1. Mai 2017

Das Wetter war ungünstig, es hat ständig geregnet. Die Demonstration – ab 12 Uhr am Hans-Böckler-Platz – war wohl auch aus diesem Grund eher mäßig besucht.

Am Tag davor war herrliches Sommer-Wetter. Schade, dass es so nicht geblieben ist. Erster Mai, freier Tag, Kampftag der Arbeiter*innen-Klasse – und nur Regen. Zum Demonstrieren ist Regen halt ein ziemlicher Mist. Den Pflanzen tat es sicher gut, die Menschen eher wenig bereit gewesen, sich draußen zu tummeln.

Und ich eher unfit. Nach der Feier in den Mai gestern im Bauwagendorf Schöner Wohnen – wo es sehr gemütlich war mit Feuer, Musik, Bier, stundenlang Tischfußball mit einer jungen Frau namens Maike und einer Live-Band – bin ich dann später in der Nacht vor einer anderen Frau, die mich in einem früheren Abschnitt meines Lebens mal interessiert hatte, abgehauen.

Ich habe nicht mehr die Absicht, noch jemals zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen – und schon gar nicht mit Leuten, für die ich als zweite Wahl irgendwann dann doch in Frage komme.

Wolfgang Biermann – Der erste Dorf-Mai

Also etwas zu spät aufgetaucht bei der Demo, dafür mit Anrühr-Kaffee dabei und meinem geliebten Lastenrad. An den Ringen traf ich den hinteren Teil der Demo, der natürlich von etlichen Polizeiautos verfolgt wurde.

Viele Kleingruppen von je etwa ~25 Leuten mit Fahnen waren da, oft rot und mit Hammer/Sichel, alte Schule autoritäre Kommunisten.

Einen schwarzen Block oder dergleichen gab es nicht, vermutlich waren die Autonomen anderswo unterwegs. Wenig verwunderlich, da das DGB-Motto „Wir sind viele – wir sind Eins“ irgendwie wenig revolutionär war.

Eher ein fader Anklang an den ARD-Werbespruch „Wir sind Eins“.

Der Spruch „Wir sind eins“ ist recht bekannt durch die entsprechende Werbung der ARD. Und halt herzlich nichtssagend. Irgendwas mit Einigkeit, so in der Art von „Das Wir gewinnt“ oder „Wir in NRW“ und ähnliche leere Floskeln. Vollkommene Beliebigkeit.

 

Um mal ein wenig von etwas zu berichten, was ich interessant finde – schließlich dient mein Blog angesichts des lediglich vorgestellten Publikums doch letztlich bloß mir als narzisstische Selbstbespiegelung und Tagebuch-Ersatz (was wohl bei allen Blogs mindestens eines der wesentlichen Motive sein dürfte):

Ich bin mit dem Rad und Musik – wie sonst auch immer – mein eigener martinistischer Block gewesen: Flexibel und wendig, undogmatisch und sehr beweglich. Habe wie gewohnt von hinten nach vorne alle überholt, so daß ich einen guten Überblick gewinnen konnte.

Offenbar war die Demo nach Bedeutsamkeit aufgestellt: Vorne die Gewerkschaftler*innen (DGB, verdi, IG BCE), dann deutsche Parteien und Gruppierungen (SPD, Grüne, Die Linke, Piraten, MLPD, DKP, SDAJ), gefolgt von kommunistischen Gruppierungen aus der Türkei, dem Iran etc.

Auf dem Heumarkt waren dann Bühnen, Buden und es gab viel Papier.

Praktisch alle Stände waren von politischen Gruppierungen mit dem üblichen, immer gleichen Marketing-Zeugs – also Papiere, Bücher, Aufkleber, Feuerzeuge, Luftballons.

Es gab auch einen Stand, der kommerziell orientiert die gesamte Palette von üblichen linken Buttons, Aufklebern und T-Shirts verkauft hat.

Buy your Rebellion here 😉 Die Punk Shops waren ja bekanntermaßen das Ende der Punk-Bewegung als echter Subkultur. Alles endet immer in Kommerzialisierung. Gut beschrieben auf der „Ungovernable Force“-LP von CONFLICT 1986 im Lied A Piss in the Ocean.

Dieser Stand fiel mir daher auf, weil er eben alles angeboten hat. Wie auf dem Bild gut zu sehen sein dürfte. Roter Stern, schwarzer Stern, schwarzroter Stern, grüner Stern, grün-schwarzer Stern, AFA mit rot-schwarz oder schwarz-rot etc. Die ganze Palette. Und weil er lauter raubkopierte Motive hatte – natürlich auf Billig-Shirts. Besonders blöd fand ich das Shirt mit Terror-Ernie und Bomben-Bert, wo mal wieder eine Gleichsetzung von Anarchismus und mörderischem Terror gemacht wurde.

Blöd. Sesamstraße als Terror-Crew. Soll wohl lustig sein, ist es aber nicht. Neulich habe ich auch gelernt, dass der von vielen sogenannten Linken hoch verehrte Ché sehr gerne Leute persönlich erschossen hat. Was neben dem anderen Ding – dass er Schwule regelmäßig hat erschießen lassen – bei mir dafür sorgt, dass ich diesen Typen letztlich für ausgesprochen widerwärtig halte. Emanzipatorische Menschen sollten sich davon weitest möglich distanzieren.

Außerdem ist die Sesamstraße Kult und hat eine Aussage für sich, die nicht besser wird durch solche Ripp-Offs. Ich meine damit: Ernie ist eindeutig ein Kind gebliebener Anarchist, Bert dagegen ein ewig vernünftiger langweiliger Erwachsener, der garantiert nie irgendwas Verbotenes tun würde. Und natürlich lautet bei allen Besetzungen der Standard-Spruch garantiert nicht Blablabla besetzt – sondern Blablabla bleibt! Also auch noch schlecht kopiert. Poser-Wear. Der Versuchung, mir einen netten neuen Aufkleber für mein Rad zu erwerben, habe ich also widerstanden. Niemals Geld geben an Leute, deren Handlungen ich vom Prinzip her völlig Scheisse finde. Jedenfalls nicht, wenn es vermeidbar ist.

Einen Stand von vernünftigen Anarchist*innen – vermutlich bzw. ziemlich sicher FAU – habe ich auch beim Durchfahren gesehen – und mal freundlich gewunken. Anarcho-Syndikalisten mag ich. Wieso? Natürlich von der Geschichte her, Spanien. Aber auch konkret haben uns diese Leute geholfen: Die FAU hat uns unterstützt in unserer Arbeit, als wir als junge Leute in Frankfurt Besetzungen gemacht und schließlich für 18 Monate ein Haus in der Bockenheimer Falkstraße als Jugendwohnprojekt mit Café bewohnt und bewirtschaftet haben. Obwohl wir die Freiheitliche Arbeiter*innen-Union (FAU) nicht sonderlich gut fanden seinerzeit – es waren halt linke Sozialarbeiter*innen. Viel verkopftes Zeugs. Und wir sehr viel linker und militanter. Aber sie hatten einen Raum und einen Laser-Drucker, was sehr nützlich war. Dafür noch mal danke!

Nebenbei bemerkt: Die Grünen (Tom Königs als Chef der Grüngürtel-Verwaltung – der, der dem Vietcong seinerzeit angeblich ein Millionen-Erbe gespendet hatte) hatten uns aus dem Frankfurter Günthersburg-Park, den wir zuerst mit Zelten und Plakaten – In Frankfurt wohnt nicht nur das Geld – besiedelt hatten, ordnungspolizeilich geräumt – und hatten dann eine Stadtteil-Büro-Besetzung im Nordend am Hals. Letztlich waren die Grünen auch 1990 schon völlig stinknormal, etabliert und staatstragend.

Was hat der erste Mai eigentlich mit Anarchismus zu tun? Antwort: Sehr viel. Es ging um den Kampf für den 8-Stunden-Arbeitstag.

Geschichte. Woher kommt der 1. Mai?
Der Kampf um den 8-Stunden-Arbeitstag
und die anarchistischen Gewerkschaftler.
 
In 1887 four Chicago anarchists were executed.
A fifth killed himself in prison. Three more were to spend 6 years in prison.
 
The anarchists were trade union organisers and May Day became an international workers day to remember their sacrifice. They were framed on false charges of throwing a bomb at police breaking up a demonstration in Chicago. This was part of a strike demanding an 8 hour day involving 400,000 workers in Chicago that started May 1st 1886 .
 

http://www.wsm.ie/c/origins-mayday

http://www.wsm.ie/attachments/apr2008/maydayleaflet.pdf

Zurück zum Kölner Heumarkt 2017.

PapyRossa waren mit Bücherstand da, und bei denen habe ich ein Buch erworben von Patrick Schreiner: „Warum Menschen sowas mitmachen. Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neokapitalismus“. Natürlich habe ich nach einer Harz 4-Ermäßigung gefragt. Der Demo-Regenwetter-Nice-Price war dann 10€ statt 13,90€. Nett mit dem Typen geredet, und sie haben ein recht interessantes Bücher-Programm.

Sehr gruselig war der Stand der Iraner*innen, wo sehr schockierende Bilder vom operativen Entfernen der Augen – einer dort wohl üblichen Strafe gegen Oppositionelle – für einen harten Kontrast zu dem eher lahmen Zeugs rundherum sorgten.

Geredet hat ein DGB-Chef, vermutlich war das Andreas Kossiski, Vorsitzender des DGB Köln. Oder es war Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender DGB Bezirk NRW. Hab den namen nicht mitgekriegt. Inhaltlich mit dem üblichen Gewäsch von Deutschland läuft doch ganz gut, es wird hier nicht gehungert und man darf seine Meinung sagen. Immerhin: Klare Kante und auch eine gute Begründung dazu gegen die AfD – und eine Absage an Studiengebühren. Gewerkschaftler machen keine Unterschiede nach Herkunft oder Geschlecht, sondern Tarifverträge. Leider ist das eher Theorie – unter den Wähler*innen der AfD sind durchaus viele Gewerkschaftler*innen, und wohl kaum nur von der Polizeigewerkschaft.

Vorne Ministerpräsidentin Kraft, hinten OB Reker. Leider habe ich kein besseres Bild bekommen. Der Kamera-Typ stand danach ziemlich penetrant in meiner Sicht – und ich habe eine Weile mit einem KVB-Busfahrer aus Kalk geredet, der den ebenfalls anwesenden SPD-Mann Jochen Ott (den ich verabscheue für seine Rolle bei der Schließung des AZ in Köln-Kalk) sympathisch findet, und „die Polizei sollte mehr vor den Ultras geschützt werden“, und er habe „selbst nur 50€ mehr als Harz 4 (nach Abzug des Kindesunterhaltes allerdings), stehe dafür aber nachts um 3 Uhr auf“, blablabla. Als er noch einen auf Opfer gemacht hat wegen einer Frau, die 2 Meter weiter (!) sich eine Kippe angesteckt hatte, war der Kerl bei mir endgültig unten durch.

Danach kam Ministerpräsidentin Hannelore Kraft – die irgendwie gespuckt aussieht wie Petra Roth, oder kommt nur mir das so vor? – mit einer längeren Wahlkampf-Rede – auch ich will keine Burka kam drin vor – mit dem Tenor „Wir sind NRW“ und Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die sehr kurz sprach, mehr so ein „Hallo“, zwei drei Sätze.

Alle diese Leute verdienen sehr gut und stellen sich aber auf eine Bühne, um über mehr soziale Gerechtigkeit zu schwafeln und – im Falle des DGB-Obermackers – sich über „die Reichen im Lande“ zu beschweren. Köstlich, wie wenig peinlich einem selbst die pure Heuchelei sein kann. Irgendwann kam dann zum Abschluß der Reden noch unser Lied – die Internationale – mit blutroten Fahnen und heiliger letzter Schlacht. Aber bitte schön gewaltfrei demonstrieren.

Hier noch eine seltsame Sache, Herrenmode vom Herrenausstatter Georg Strathmann.

Kostet viel, sieht dabei aber extrem billig aus. Und irgendwie ist es wohl cool, beliebige Subkultur abzukupfern. Soll wohl sowas wie Black Metal sein, aber mit Totenköpfen mit Straßsteinchen-Augen und im Anzug, und irgendwie paßt da auch nichts zusammen. Ist das eine Art Selbstironie der Reichen, ist es der Versuch, wenigstens ein wenig wild rüber zu kommen, ist es Koketterie mit verlorener Jugendlichkeit? Oder bloß eine weitere Geschmacksverirrung, etwas modisch noch nicht ganz so abgenutztes? Sehr merkwürdig.

 

Dann kam das Kulturprogramm: Es startete mit dem Kabarettisten Wilfried Schmickler – der war der erste, der irgendwas wirklich sinnvolles gesagt hat.

Wilfried Schmickler, 2016

Schmickler war richtig gut und im krassen Gegensatz zum vorher verbalisierten Wischiwaschi auf der DGB-Bühne sehr scharf und klar und eindeutig: Deutliche Kritik an den selbstverliebten, angeblich so toleranten und weltoffenen Kölner*innen, bei denen Rassismus sehr wohl überall unangenehm stark vertreten ist – beispielsweise in Politik, Medien, bei der Polizei und im Karneval.

Das hier sind NICHT die im Text beschriebenen Polizisten, die den Redebeitrag blöd fanden, sondern andere. Gab viele dort.

Sehr schön und spaßig ist gewesen, sich die Gesichter zweier schwer bewaffneter Polizisten, die zwischenzeitlich mal neben mir standen, anzusehen, während es um die Polizei und ihre Panikmache beim AfD-Parteitag sowie um racial profiling und Shisha-Verbot am Rheinufer ging. War gut sichtbar absolut nicht ihre Meinung – sondern sie haben ziemlich gelitten dabei, dass sie sowas wie diese öffentliche Schmähung ihrer großen Verdienste – so hatte sich Hannelore Kraft zuvor geäußert – nicht sofort gewaltsam unterbinden durften. Und überhaupt, alles voller Kommunist*innen und linksgrünversifften Volksverrätern. Muss psychisch schlimm gewesen sein für die Herren Polizisten.

Ich hätte gerne länger zugehört, aber es regnete ziemlich übel – und mein Rad hat auf einmal einen Platten gehabt. Ich aber keine Pumpe. So ein Mist!

Nach kurzem Aufpumpen mit einer geliehenen Pumpe – Danke, Piraten! – bin ich flott heim geradelt und musste zum Glück nur ein relativ kurzes Stück schieben ab der Messe.

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