Lebenswege (wie ein Mensch wird was er oder sie ist)

Was ich meine, wie die Welt ist, ist zwangsläufig das Ergebnis der eigenen Erfahrung. Kombiniert mit dem, was ich selbst-gesteuert dazu gelernt habe, seit ich Erwachsen bin.

Ich habe Psychologie studiert, lange und erfolgreich (was das Herausfinden von Dingen angeht), war danach Jahre lang weiter in Bildungsprozessen (Uni, Psychotherapeuten-Ausbildung, politische Arbeit) und bin ein eifriger Leser und Angelegenheiten-Recherchierer. Einfach, weil ich es wirklich wirklich wissen will. Das ist meine Passion. Wäre gerne ein Professor geworden.

Hier eine open source Zusammenfassung wesentlicher Erkenntnisse, hoffentlich nutzbar für andere und einigermaßen verständlich.

Es gibt keine Wahrnehmung von Dingen an sich, sondern unser Körper und insbesondere unsere Sinnes-Systeme machen aus einer Flut von Reizen in einem massiv parallelen Verarbeitungsprozess Muster höherer Ordnung – Abstraktionen.

Aus potentiell unendlich vielen Reizen filtern wir einen winzigen Teil heraus, der für uns Bedeutung trägt, weil er mit unseren Bedürfnissen zu tun hat. Das ist Lernen.

Diese bio-psycho-soziale Tatsache ist wesentlich, um zu verstehen, was Menschen sind. Durch Wissenschaft haben wir etwas darüber herausgefunden, wie wie Organismen funktionieren.

Wir wissen, dass das so und nicht anders ist, weil wir die Experimente, die es belegen, beliebig oft durchführen können – und immer kommt das gleiche dabei heraus. Was wissenschaftlich als Replizierbarkeit bezeichnet wird.

Natürlich sind alle menschlichen Tätigkeiten und Ergebnisse von Tätigkeiten, genau genommen alle Zustände – nicht mit Gewissheit dingfest zu machen, weil sie sich mir ja auch nur über die Sinneseindrücke vermitteln.

Mit diesen Fragen hat sich die Philosophie und die Psychologie auseinander gesetzt, solange es Menschen gibt. Bevor die wissenschaftliche Methode entwickelt wurde, war das das Feld der Religionen. Und natürlich sind alle menschlichen Dinge umkämpft, denn was für wahr oder für falsch zu halten ist, wird auf dem Feld bestimmt, was wir Gesellschaft und insbesondere auch Politik nennen.

Sehen ist eine durch Lernen aufgebaute Fähigkeit. Hören ist eine durch Lernen aufgebaute Fähigkeit. Sich bewegen, etwas tun, Sprechen, Denken, Lesen, Schreiben, soziale Interaktion – all das sind Fähigkeiten, die durch Lernen erst möglich sind. Und jedes Lernen setzt soziale Interaktion voraus. Es muss zwangsläufig ein Gegenüber da sein, damit Lernen passiert. Eine Situation, die eine Rückmeldung enthält.

Wir wissen dies, weil es bedauernswerte Fälle gab, wo Menschen depriviert wurden – eben kaum bis keine soziale Interaktion da war. Dann verzögert sich Entwicklung, oder sie findet nicht statt. Im Extremfall sterben Menschen, wenn sie keinen menschlichen Kontakt haben (Säuglinge, Babys, Kleinkinder).

Lernen ist im Kern folgendes: Auf einen wahrnehmbaren Reiz, der an und in unser System gelangt, folgt eine Zustandsänderung unseres Systems. Diese wird durch unser angeborenes Bewertungssystem – emotional und vegetativ – als positiv (Bedürfnisbefriedigung), neutral (macht weder etwas gutes noch etwas unangenehmes, daher irrelevant) oder schädigend (Schmerz, Hunger, Mangel, Not, unbefriedigtes Bedürfnis) eingestuft.

So lernen wir, was wir aufsuchen und was wir vermeiden. Quellen von Schädigung werden im Gedächtnis abgelegt, um diesen Schaden nicht noch einmal zu erleiden – begleitet von Angst, wenn etwas ähnliches uns wieder auf den Radar gerät. Quellen von Befriedigung werden gespeichert, damit wir sie aufsuchen und nutzen, falls sie in der Nähe sind. Interessant und bedeutsam sind natürlich auch Begleitumstände – wann, wo, wie riecht es, wie sieht es aus, wie hört es sich an, wie fühlt es sich an etc.

Wenn sich über viele Wiederholungen ein Muster einstellt – erst x, dann recht wahrscheinlich y – legen wir eine Verknüpfung an, eine Assoziation, eine Verbindung. Das passiert im Gehirn auf der Basis von Nervenzellen. Es ist ein psycho-biologischer Vorgang.

Während der frühen Kindheit ist alles verbunden. Da passiert zunächst mal folgendes: Verbindungen werden gestärkt, wo Muster gefunden werden, und sie werden abgebaut, wenn die Verbindungen keine Verstärkung bekommen. Ein Kinder-Gehirn hat das Potential, alles zu lernen – und reduziert das dann auf die Verbindungen, die benutzt werden. Sparsamkeit. Weil das so ist, gibt es Phasen, in denen Menschen sehr stark geprägt werden können. Daraus resultiert auch die enorme Empfindlichkeit und Verletzlichkeit von Kinder-Seelen und Kinder-Gehirnen, während später die Jugendlichen und Erwachsenen sehr viel weniger beeinflussbar sind.

Entwicklungspsychologie ist der Zweig der Psychologie, der sich mit den Fragen rund um die Ausformung der Psyche im Kindes- und Jugendalter beschäftigt. Da gibt es den Befund: Zu gewissen Zeiten werden bestimmte Aspekte der individuellen Persönlichkeit entwickelt in Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umgebung.

Dabei bauen Fähigkeiten und Entwicklungen aufeinander auf, so wie ein Tech Tree (Technik-Baum) in einem Computerspiel. Eines ist darin Voraussetzung für weiteres. Weil das so ist, dass Entwicklungen auf vorhergehenden Entwicklungen aufbauen, kann bei einer frühkindlichen Störung sehr viel von dem, was eigentlich folgen würde, nicht passieren – so entstehen massive psychische Störungen.

Grundlegend ist Bindung, gefolgt von Konflikten über Bindung vs. Autonomie. Sichere oder unsicher Bindung, das ist die erste und wichtigste Prägung im Leben. Werde ich geliebt, versorgt, beschützt? Was darf und muss ich für die Zukunft diesbezüglich erwarten?

Und dann: Darf ich ein eigenes Ich sein, darf ich etwas tun oder nicht, und was, und in welchen Grenzen? Wofür werde ich verstärkt (belohnt), wofür bestraft? Wann fällt etwas unangenehmes weg, wenn ich etwas bestimmtes tue (negative Verstärkung = Belohnung)? Die negative Verstärkung ist der wichtigste Mechanismus überhaupt.

Wenn alles ok ist, brauche ich gar nichts zu tun und bin zufrieden. Sobald Zeit vergeht, stellen sich Bedürfnisse ein. Es kommt Hunger und Durst, es kommt Kälte oder Hitze, es kommt Schmerz, es kommt Ausscheidungsbedürfnis. Dann wird es unangenehm, und ich bin veranlasst, etwas zu tun, was diesen unguten Zustand bessert, der als leidvoll empfunden wird. Wenn ich etwas tue und danach ist es besser, dann bekommt genau dieses Tun die Eigenschaft gut, bedeutsam, richtig. Es wird negativ verstärkt, verhaltenswissenschaftlich ausgedrückt. Nicht mit Bestrafung verwechseln – negative Verstärkung ist der Wegfall von etwas Unangenehmem.

Hunger/Durst, Kälte/Hitze, Schmerz – werde ich versorgt (gefüttert, gewärmt/gekühlt), wird Schmerz gelindert, werde ich getröstet? Bekommt überhaupt jemand mit, wie es mir hilflosem kleinen Wesen geht – und interessiert es jemanden? Das ist enorm wichtig, und hier werden Muster angelegt, die das ganze restliche Leben prägen.

Die Reinlichkeitserziehung macht ebenfalls einen starken und sehr unterschiedlichen Abdruck in der Psyche von Menschen, je nachdem, wie es diesem Menschen ergeht. Hier wird ein wesentlicher Parameter eingestellt – wie stark kontrolliert muss ich sein, wie sehr muss ich Bedürfnisse zurück halten. Was passiert, wenn ich das nicht schaffe, wenn ich schwach werde, laufen lasse, wenn Scheiße passiert? Kommt dann Hilfe, Strafe, gar nichts? Werde ich zart oder hart behandelt? Wie sauber muss ich sein, und wann muss ich das können? Kriege ich es hin – oder bin ich überfordert und offenbar ein Menschenkind, was es nie richtig macht? Auch hier werden grundsätzliche Erwartungsmuster geprägt, die lebenslang wirken.

Mit 2-4 Jahren sind diese Basis-Geschichten (laufen und Sprache verstehen und reden als Basis für soziale Interaktionen) zumeist gelernt. Dann kommt das Soziale – der Umgang mit anderen, die nicht die Eltern sind. Gleichaltrige, insbesondere. Und Tiere. Alles wird erkundet, und es wird nach Sprache verlangt. Auf alles wird gezeigt – wie heißt das, was ist das? Alles wird ausprobiert.

Bereits jetzt ist Geschlecht und Gender programmiert. Kinder erfahren, für was sie angesehen werden, was sie zu sein haben und wie. Ein Junge weint nicht. Ein Mädchen macht sowas nicht. Je nach biologischem Geschlecht werden Kinder komplett verschieden behandelt, angezogen, angeregt, ermutigt oder entmutigt, mit verschiedenen Erwartungen konfrontiert, denen sie entsprechen müssen. Weil Bindung überlebensnotwendig für Kinder ist, tun Kinder alles, was sie näher an ihre Eltern bringen kann – und vermeiden alles, was sie einem Liebesentzug aussetzt. Kinder geben sich große Mühe, zu gefallen. Wie leicht oder schwer das gelingt (wenn überhaupt) – auch das prägt unser Leben.

Dann kommt in unserer Gesellschaft die faktische Trennung von den Eltern. Das ist ein großer Schritt – in eine Bezugsgruppe zu wechseln, die für lange Zeit (oft die meiste wache Zeit des Tages) um dich herum ist. Kindergarten, das bedeutet: Auf sich allein gestellt. Nirgends die – mehr oder weniger – vertrauten Personen. Neue Vertrauenspersonen müssen mental angelegt werden, mit denen umzugehen ist. Neue Regeln, neue Muster, neue Lernerfahrungen. Was mehr oder minder gut gelingt. Unsicher gebundene Kinder und Kinder, die eigentlich noch nicht reif und bereit dazu sind, empfinden enorme Angst unter diesen Bedingungen. Was weitere Entwicklung massiv behindert. Angst ist schlecht für Lernen. Sie macht das System zu.

Manche finden Anschluß, manche sind isoliert. Ablehnung passiert – Kinder sind nicht gehemmt darin, aus Unterschieden Gründe für Anfeindung zu machen (eine soziale Fertigkeit). Und Kinder sind erst dabei, Empathie zu lernen (ein mentales Modell davon, wie sich etwas bei einem anderen anfühlt).

Generell ist die Fähigkeit zu sozialer Interaktion etwas Gelerntes und sich kontinuierlich Entwickelndes – sie benötigt Mentalisierungsfähigkeiten, also das Aufbauen eines Bildes oder Modells oder einer Simulation davon, wie andere sind, was sie denken, fühlen, wollen, wie sie sich vermutlich verhalten).

Diese Tatsachen stecken hinter Kinder sagen die Wahrheit (sie wissen nichts über soziale Konventionen) und Kinder sind grausam (sie können noch nicht gut empathisch reagieren).

Soziale Lernerfahrungen in der Zeit zwischen 3 und 6 prägen wesentlich unseren Selbstwert – eine Eigenschaft, die den Status in sozialen Gruppen beschreibt. Beliebt, unbeliebt. Schön, häßlich. Stark, schwach. Überlegen, unterlegen. Was wir in dieser Zeit an Rückmeldungen bekommen, prägt ebenfalls lebenslang. Und es liegt überwiegend in der Hand von Kindergärtnerinnen. Danach – in der Grundschule – von Lehrerinnen. Und in der Dynamik, die aus der sozialen Gruppe resultiert, aus deren Zusammensetzung und Kultur. Welche Verhaltensweisen werden belohnt – Zusammenarbeit, Konkurrenz, laut sein, brav sein?

Mit sechs Jahren sind Kinder oft recht rigide, was Regeln angeht. Was sie als Gesetz erkannt haben, das sollen alle genau so machen. So wird das gemacht, und nicht anders. Abweichungstoleranz eher so null, und sie ärgern sich, weil sie merken, dass sich doch sehr viele an gar nichts halten (auch die Erwachsenen nicht).

Am Ende der Grundschulzeit sind Menschen charakterlich bereits weitgehend geprägt, und die Bildung von Interessen ist ebenfalls mit 12 Jahren abgeschlossen. Was nicht angeregt wurde, kommt auch nicht mehr (mit hoher Wahrscheinlichkeit – ausgeschlossen ist es nie, dass neue Wege gesucht und beschritten werden).

Es folgt die soziale Selektion. Welche Schule wird nun besucht? Leistung ist ein Kriterium. Selbststeuerungsfähigkeit (soziale Anpassung) ist ein weiteres Kriterium. Beide Variablen stehen in engstem Zusammenhang mit dem sozialen Status, den die Herkunftsfamilie hat – Bildung, Einkommen und Besitz.

Wie gut die Mutter die Landessprache spricht, ist entscheidend für die Sprechfertigkeit des Kindes. Wie viel Geld in der Familie ist, bestimmt die Qualität der folgenden Ausbildung. Wichtig ist auch, wie viel Zeit die Mutter (oder die Eltern, wenn auch ein Vater da ist) mit dem Kind bzw. den kindern verbracht hat, und mit welcher Beziehungsqualität und Anregungsdichte diese Zeit gestaltet wurde.

Nach der Grundschule ist für die allermeisten der Lebensweg entschieden. Die absolut überwiegende Mehrheit bleibt in der Klasse und Schicht, in der sie geboren wurde. Entgegen den wohlfeilen Sprüchen von der Durchlässigkeit der Gesellschaft leben wir tatsächlich in einem Kasten-System. Wer das bezweifelt, möge sich soziologische Studien dazu zu Rate ziehen.

Und es kommt die Pubertät – die Geschlechtsreife zieht herauf, alles ändert sich durch die hormonelle Umstellung im Körper. In dieser Phase können junge Menschen eigentlich nicht beschult werden, weil ihr gesamtes System umgestellt wird. Trotzdem – und in direktem Widerspruch zu allen pädagogischen und psychologischen Erkenntnissen über diese Vorgänge – werden genau zu diesem Zeitpunkt die Leistungsanforderungen erhöht. Der resultierende Stress macht die jungen Menschen natürlich wütend, zugleich werden sie mit ihrer totalen Machtlosigkeit konfrontiert. Man zeigt ihnen, wo der Hammer hängt. Disziplin, Ordnung, Pünktlichkeit. Eine Zwangsjacke.

Die von Haus aus gehemmten Menschen kommen später als andere in die Pubertät – auch das ein interessantes Phänomen. Und insgesamt verlängert sich die Phase der Abhängigkeit und Nicht-Autonomie in westlichen Ländern – das ist ein weltweiter Trend. Längeres lernen, weil komplexere Fähigkeiten in der Arbeitswelt gebraucht werden.

Für einfache, ausgeprägt männliche Männer wird es nun sehr schwer.

Die Tätigkeiten, die vor allem auf Körperkraft und Fitness aufbauen, sind durch Maschinen weitgehend ersetzt – wo es LKW gibt, braucht es keine Träger. Wo es Kräne gibt, braucht es sehr viel weniger Bauarbeiter. Strom und Benzin haben die Muskelkraft entwertet. Und – wo es Staat und Staatengemeinschaft gibt, wo der Krieg eingehegt wurde – und damit innerer und äußerer Frieden herrscht, so wie in Europa seit dem Ende des zweiten Weltkrieges – da braucht es auch den Mann als Krieger nicht. Eher füllen die starken Männer mit dem hohen Testosteron-Spiegel die Gefängnisse, weil sie soziale Regeln schlechter lernen (eine Funktion des Geschlechtshormons!) und weil sie die Regeln häufiger brechen (95% der Gefängnis-Population sind Männer).

Für Frauen wird es ebenfalls sehr schwer. Einerseits ist biologisch die richtige Zeit, Kinder zu bekommen, zwischen 14 und 21 (ich bin nicht für Sex mit Kindern oder minderjährige Schwangerschaften!). Andererseits ist gesellschaftlich die Kindheit und die Jugend verlängert, es gibt mehr und länger zu lernen, und zudem eine Erwartung an die Frauen, dass sie sich selbst durch Lohnarbeit erhalten, statt dass die frühere Arbeitsteilung – sie kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, er um die Lohnarbeit – oder die noch frühere gemeinsame Feld- und Hausarbeit mehrerer Generationen auf gepachtetem oder eigenem Land noch möglich wäre.

Also verschieben Frauen, die aus der Mittel- oder Oberschicht stammen, das Kinderkriegen bis an oder über die Grenze von 30 Jahren. Biologisch ist das Bockmist, denn das erste Kind bekommen sollte vor 30 erfolgen, weil danach die Fertilität (wenn noch keines geboren wurde) steil abnimmt.

Unterschicht- und untere Mittelschicht-Frauen machen Kinder, aber haben dafür in der Regel einen Partner aus der gleichen Schicht, was bedeutet: Geringe Chance, ein gutes Einkommen zu erzielen, auch wenn beide Partner arbeiten. Dafür wird mit hoher Wahrscheinlichkeit der Mann diese Konstellation verlassen – wie generell die Ehe durch eine Überlastung mit Anforderungen heute praktisch nicht mehr machbar ist. So kommen diese vielen, vielen allein erziehenden armen Frauen zustande. Die das biologisch richtige tun – und dafür gesellschaftlich abgestraft werden. Was dann die Kinder ausbaden dürfen.

Hier liegt der Grund, wieso sehr viele ganz normale Männer und Frauen heute arg unzufrieden sind – sie arbeiten sich den Arsch ab, erreichen dabei nichts, besitzen nichts und leben mit dem Gefühl, dass die Gesellschaft auf sie rein gar nichts gibt.

Betrachten wir die Einkommens- und Vermögensverteilung, dann liegen die Gründe dafür auf der Hand. Ich bin kein Soziologe, aber ich kann mit Lego-Steinen was basteln. und genau das habe ich getan.

Es gibt Statistiken, wer wie viel besitzt, und wie hoch das netto-Einkommen für bestimmte Bevölkerungssegmente ist. Diese Statistiken sind frei zugänglich. Sie tauchen in der einen oder anderen Form immer mal in der Zeitung oder im TV (was ich praktisch nicht nutze, lieber lese ich oder sitze am PC) auf, und das statistische Bundesamt macht es möglich, sich vieles anhand der offiziellen Zahlen anzusehen.

Interessant an den Statistiken ist vor allem eines: Sie werden immer komplett unanschaulich präsentiert. Das wollte ich für mich selbst ändern – daher das Experiment, die Gesellschaft bezogen auf Einkommen mal nach zu bauen – als Lego-Modell. Hier das Ergebnis:

Brutal vereinfacht: 80% Sklaven, 10% Lakeien, 10% Kapitalisten. Wem gehört Deutschland?

Die mittlere Säule – das sind Menschen. Wie viele in welcher Höhe Einkommen erzielen, ist durch das Volumen der Säule und die jeweilige Höhe angenähert. Es geht immer um das Einkommen einzelner Personen. Unter 1420€ netto liegen braun (Einkommen knapp über Harz 4) und schwarz (Harz 4). Das ist ein Drittel der Bevölkerung. Darüber die Mittelschicht (rot) mit einem Einkommen von 1420€ bis 2660€ netto. Das ist die Hälfte der Bevölkerung. Hier werden die Wahlen entschieden. Zusammen machen diese Schichten 80% der Bevölkerung aus.

Neben der zentralen Säule sind die Vermögen abgebildet. Ich habe leider gerade die Prozentwerte nicht mehr parat – es gibt aber einen separaten Blog-Eintrag (nämlich, als ich das Ding gebastelt habe), wo es genau drin steht, was wie wieso warum wie viel.

Hier nur der Hinweis: Die Schwarzen besitzen ein Legosteinchen, die Braunen 2. Erst ab der Mittelschicht (rot) gibt es was zu verlieren – sie haben etwa 16%. Besitz – wie Häuser oder Fabriken – findet sich dagegen zumeist bei den Top-20% der Bevölkerung, die 80% des Vermögens besitzen.

Das sind die Leute aus der oberen Mittelschicht (grün, Bildungsbürgertum – die Leute, die es gut meinen und die nicht wissen, wie gut und privilegiert sie es eigentlich haben) und aus der Oberschicht (gelb, hellgrün – die Liberalen-Wähler, Leistungsträger etc.).

Hier wird die Gesellschaft zum Turm – tatsächlich ist er sehr viel höher und spitzer, nur ist das mit Lego nicht machbar gewesen. Die Millionäre sind hier viel mehr (ihre Anzahl ist kleiner als ein Klötzchen) und viel näher am Rest dran, als es tatsächlich der Fall wäre bei einem besseren (genaueren) Modell.

Ich vereinfache mal brutal: 80% Sklaven, 10% Lakeien, 10% Kapitalisten, darunter 1% Weltbesitzer.

Und gerade wurde in NRW wieder mal die Reaktion (CDU/FDP) gewählt – da wird Sozialabbau und Privatisierung und Studiengebühren gemacht, wodurch die Geschichte sicher weiter schlimmer werden wird.

 

 

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Macht, Gewalt und Schmerz (Erziehung)

Viele Leute haben ein gespaltenes Verhältnis zu Gewalt. Ich auch. Macht und Gewalt, das ist letztlich das Gleiche.

Die beste Definition, die mir bisher unterkam: Macht ist die Fähigkeit, Schmerz zuzufügen. Findet sich bei Orwell im visionären Buch 1984 (was absolut alle Menschen gelesen haben sollten – denn es beschreibt exakt das, was gerade weltweit passiert). Die Definition von Macht als Fähigkeit, Schmerz zuzufügen, findet sich im Rahmen der Handlung dort, wo der Protagonist des Buches in der Folterkammer mißhandelt wird – namentlich dem Raum 101, wo alle Menschen auf das treffen, was sie am meisten fürchten.

Ziel von offener Gewalt ist es zumeist, sich überflüssig zu machen durch eine schmerzhafte Lernerfahrung. Danach hat das Gewaltopfer gelernt – ich kriege auf die Fresse, wenn ich mich nicht unterordne.

Diese Form von Gewalt – regelhaft praktiziert vom Gewaltmonopolisten – finden wir gleichzeitig schlecht und bejahen sie als Notwendigkeit.

Gewöhnlich werden wir uns der Widersprüche in uns selbst (nicht nur bezogen auf Gewalt) kaum bis gar nicht bewußt, weil unser Gehirn nach dem Prinzip arbeitet, Widersprüchlichkeit und daraus resultierende unangenehme Spannungszustände zu vermeiden und zu reduzieren. Angestrebt wird eine Balance, ein ausgeglichener Zustand, ein positives Selbstbild.

Wir wären gerne gut, und weil wir es nicht sind, schieben wir die unguten Anteile weg und verschieben sie auf andere – auf ein böses Außen, auf Fremde, auf Feinde etc.

Dieses Prinzip wurde unter vielen Namen in der Psychologie ausgeleuchtet.

Die unangenehme Spannung heißt zum Beispiel in der wissenschaftlichen Psychologie kognitive Dissonanz. Gut belegt – das Hirn will diese Dissonanz reduzieren. Wenn das gelingt, stellt sich eine Erleichterung ein, die als belohnend und angenehm erlebt wird. Deswegen ist es eine Entlastung, wenn ein Feindbild angenommen wird. Die Bösen sind die anderen.

Nun bleibt es nicht aus, dass im Leben Situationen der Konkurrenz und der Feindschaft auftreten. „Mein Schäufelchen – nein, meins!“.

Für beide Individuen ist natürlich das eigene Fühlen und Denken zugänglich, dass der anderen Person dagegen wird im Kopf simuliert auf der Basis von Vermutungen und Erwartungen. Es folgt eine Abwägung – kann ich mich hier durchsetzen? Was wird passieren? Und es passieren frühe Lernerfahrungen, die das ganze Leben prägen. Bin ich stark oder schwach? Bin ich im Recht oder im Unrecht? Bin ich geschützt – jemand hilft, wenn meine Rechte verletzt werden – oder bin ich hilflos ausgeliefert? Aus diesen Mustern, die sich in der Kindheit etablieren, kommen wir später nie wieder wirklich raus, jedenfalls nicht, was die Gefühle angeht.

Niemand ist gerne Opfer, wenn es um Gewalt geht. Macht erfolgreich ausüben – das ist schön. Aber es wird auch bestraft (sanktioniert), wenn die Gewalt gegen die Regeln ist.

Hier beginnt die Zerrissenheit. Kindern wird im Kindergarten gesagt: Du darfst nicht schlagen. Das ist eine Regel, und die wird mit Macht durchgesetzt. Bloß – was sie auch lernen MÜSSEN – wenn du dich nicht mit Gewalt behauptest, bist du verloren, denn die Erwachsenen sind nicht immer da als Schutz und Sicherheit, und andere Kinder sind zum Beispiel vom Temperament her sehr viel weniger regel-konform, nutzen Schläge also freimütig. Also wird vom kind erwartet, zu lernen, wann es mit wie viel oder wie wenig Gewalt wie gut durch kommt.

Und der Aspekt, den wir gerne nicht sehen wollen: Die Erzieherinnen verwenden andauernd Gewalt, sie strafen psychisch und physisch – was gerne abgeleugnet wird, aber mein Sohn hat es mir berichtet – zwicken, boxen, schmerzhaft fest greifen, herumziehen, einsperren, anschreien, beschämen, ausgrenzen, schikanieren, gezielt nicht helfen bei Situationen der Hilfsbedürftigkeit wie dem Klo-Gang etc. Vorschule, Schule, da ist es ähnlich.

Und natürlich verwenden Eltern viele Formen von Gewalt und Machtausübung. Erziehung ist leider nicht nur Lernen am Model (gutes Vorbild bzw. schlechtes Vorbild), sondern regelhaft ist sie gewaltförmig.

Wie sollte das auch anders sein? Einem Kind kannst du nicht argumentativ begründen, warum es besser sein soll, in die Kita zu gehen, als zuhause zu spielen. Wenn es nicht will, aber du zur Arbeit musst – dann zwingst du dein Kind, eben weil du selbst auch unter Zwang (Zeitdruck, Arbeitszwang, sogenannte Verantwortung) stehst.

Während ich das schreibe, höre ich eine Nachbarin im Treppenhaus, wie sie ihr Kind anschreit und zurechtweist. Es tut mir weh, und das Kind und die Mutter tun mir leid.

Eltern können nur sehr bedingt etwas dafür. Sie machen das ja nicht gerne. Sage ich was dazu, wenn ich so etwas sehe wie Mutter schlägt Kind, dann gibt es eine zornige aggressive Abwehr, die klar das zugrunde liegende Schuldgefühl offenbart.

Ein häufig vorgebrachtes Pseudo-Argument in diesem Zusammenhang: Ich schlage nicht. Also erziehe ich gewaltfrei. Damit fühlen sich Mittelklasse-Eltern den Proleten aus der Unterschicht moralisch überlegen. Leider stimmt das nicht.

Es ist wissenschaftlich sehr gut belegt, dass die FORM der Gewalt keine Rolle spielt für ein Gehirn. Der Schmerz – und damit die bleibende Programmierung, der psychische Schaden, das Trauma – ist genau gleich, egal ob psychisch, physisch oder beide Formen der Gewalt eingesetzt werden. Wer schreit, schimpft, psychisch Machtmittel benutzt, ist nicht gewaltfrei.

Möglicherweise – aber das wird sicher mißverstanden, trotzdem schreibe ich den Gedanken auf – ist eine Bestrafung physisch besser, denn sie ist ein körperlicher Kontakt von kurzer Dauer. Hintergrund: Strafe nutzt nur, wenn sie unmittelbar dem zu strafenden Verhalten zeitlich folgt. Sie muss eindeutig sein – weil sonst das Gehirn alle Verhaltensweisen hemmt, die rund um die Bestrafung aufgetreten sind. Strafe darf auch nur selten erfolgen, sonst passiert Gewöhnung, und die Strafe wird wirkungslos. Deswegen ist Schimpfen oft so dermaßen ohne Effekt. Auch wichtig zu wissen: Ein Teil der Menschen reagiert ÜBERHAUPT NICHT auf Bestrafung, egal wie hart. Und alle Menschen lernen nur dann wirklich etwas, wenn es Belohnung gibt – nur dadurch wird aktives Verhalten langfristig und beständig geprägt. Passivität (Angst, letztlich Depression) dagegen wird durch psychische Mißhandlungen gebahnt.

Nach diesem Ausflug in die Grundlagen der Psychologie kurz rekapituliert: Die Standardeinstellungen – was Leute sagen, dass sie für richtig halten. Es geht jeweils um Macht und Gewalt.

  1. Gewalt – definiert als verletzen, schlagen, töten – ist moralisch falsch.
  2. Kinder müssen Regeln lernen durch Erziehung. Man mus sie zwingen.
  3. Man darf und muss sich selbst behaupten. Das müssen Kinder lernen. Sie dürfen sich aber nur gegen andere auf gleicher oder niederer Hierarchie-Ebene durchsetzen – nicht etwa gegen Erwachsene.
  4. Ohne Staat und Polizei könnte eine Gesellschaft nicht existieren. Sie schützen die Institutionen Familie, Schule, Arbeitsplatz, Privateigentum etc.

Und noch mal der Hinweis – bei den meisten Konflikten geht es um wem gehört was und wer darf bestimmen.

Das ist deswegen wichtig, weil es die gesellschaftliche Dimension aufzeigt. Eigentum und Machtverhältnisse sind in unserer Gesellschaft ja weder zufällig noch durch eine gemeinsame Übereinkunft (Konsens) bestimmt. Sondern es haben welche Besitz, weil sie aus einer Familie mit Besitz kommen. Kinder haben, was Eltern ihnen geben (können). Und es haben welche Macht, weil sie in sozialen Rollen sind, die letztlich die vorher Mächtigen (der Staat und die Besitzenden) definiert und als Posten an von ihnen ausgewählte Personen vergeben haben.

Nun der Kernpunkt meiner Ausführung: Überall ist Gewalt. Die von oben nach unten wird für legitim erklärt, die von unten nach oben wird bestraft und kriminalisiert. Alle sind Opfer von Gewalt, und alle sind Täter. Was jeden Tag passiert, verletzt uns alle. Die Kinder heute tun es morgen ihren Kumpels und in der Zukunft den eigenen Kindern an. Und wir sind die Kinder von neulich, denen Gewalt angetan wurde.

Wofür das alles? Weil wir nicht frei sind, sondern arbeiten und profitabel sein müssen. Nennt sich Kapitalismus. Die Zurichtung von Menschen auf diesen Zweck bedingt die enorme verdeckte Gewalt in der Gesellschaft. Je mehr Konkurrenz, umso härter die Zurichtung. Das Spiel Alle gegen Alle ist kein Spiel, sondern es macht uns alle kaputt.

 

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Ein krankes System macht Menschen krank

Interessanter Artikel in der ZEIT: http://www.zeit.de/2016/30/gesundheit-medizin-patienten-zuwendung/komplettansicht

Wenn je etwas zum Guten sich wandelt im System, dann ist das, weil persönliche Betroffenheit von mächtigen Menschen passiert. So war es bei der Psychiatrie-Reform, und hier ist wieder so ein Fall.

Nun könnte eine denken, die ZEIT wäre progressiv, oder dieser Artikel ein Fortschritt, oder da gäbe es ein wahres Leben im Falschen. Not so.

Ich zitiere einen Absatz, der die Blindheit gegen die Problematik gut verdeutlicht:

In früheren Zeiten, erklärt Gray, standen die Ärzte ihren Patienten als Heiler und väterlicher Freund zur Seite. Dann sei das Zeitalter des Arztes als Wissenschaftler angebrochen. „Jetzt muss die nächste Phase folgen“, fordert Muir Gray, „der Arzt als Coach.“ Ein Begleiter, der zuhört, gründlich informiert und nach Lösungen sucht – am besten gemeinsam mit dem Patienten.

Das ist sehr viel mehr als nur falsch, in vielerlei Hinsicht. Diese Geschichte ist eine reine Propaganda, sie schreibt Geschichte um, und konstruiert etwas, was so nie war.

Alle Lügen, die heute die Menschen leiden lassen und ihnen zugleich die Sicht auf das, was passiert, verstellen, sind hier konzentriert enthalten.

  1. Die Heilkunst hat sich rund um den wichtigsten Vorgang auf der Welt herum entwickelt – die Geburt. Und sie war eine reine Frauen-Sache. Weise Frauen haben als Hebammen die Kinder entbunden. Männer hatten da nichts zu suchen.
  2. Durch millionenfachen Massenmord und systematische Verfolgung der Frauen als Hexen sind erst die Männer in diese Domäne hinein gekommen.
  3. Männer sind nicht die Urheber der Heilkunst, Ärzte sind keine Heiler, Zuhören ist keine männliche Eigenschaft, Gemeinsamkeit ist nie Ziel in einer Hierarchie.
  4. Die Wissenschaft hat sich aus der alchemistischen Suche nach philosophischer Wahrheit durch Experimente entwickelt. Wissenschaft war mal eins, alle heutigen Wissenschaften sind Ableger dieser einen Suche nach dem EINEN.
  5. Selbstverständlich waren Wissenschaftler immer illegal, denn sie wollten etwas tun, was durch die Kirche verboten war: Erkenntnis gewinnen, die es angeblich nicht geben konnte und durfte. Sie hatten ein Ziel, was nur gegen die Gesellschaft erreichbar war, nämlich die Integration von Körper, Geist, Seele und Welt im Rahmen von magisch-mystischen Experimenten. Darin lag und liegt das Heil, nicht in abgetrennten und toten Stoffen.
  6. Ärzte haben noch nie als Freund agiert, und sie waren auch keine Heiler. Sondern der Ärzte-Beruf stammt aus dem Militär, wo es darum ging, die Soldaten zu flicken. Weil ein Feldzug massenhaft Opfer forderte, und viele eben erst durch Wundfieber starben, war da aus der Sicht der Körper-Besitzer – der Herren – ein Potential für Verbesserungen. Auf dem Schlachtfeld wurden krasse Schäden angerichtet, und die Idee war, den Tod abzuwenden durch Ausbrennen von Wunden, Amputation und dergleichen.
  7. ‚Evidenzbasierte Medizin‘, das klingt gut, ist aber komplett falsch und irreführend. Was eigentlich Evidenz sein soll, weiß schon praktisch keine. Es klingt danach, dass etwas gesichert wäre durch Wissenschaft, und genau das meint es aber nicht. Sondern – es scheint klar, was Sache ist, durch die einzige stastistische Prozedur, die mehr als nur ein paar Menschen hinkriegen, das sogenannte Eye-Balling, also kurz drauf schauen. Evidenz, das ist das Offensichtliche. Was alle einsehen, weil: Sieht man ja, wie es ist. Das ist natürlich stets falsch. Nichts, rein gar nichts, können wir einfach sehen. Sondern: Alle Wahrnehmung ist gelernt, ist eine reine Konstruktion. Bis heute geht es um Macht und Geld, es haben sich niemals die Herrschenden für Beweise oder Wahrheit interessiert — höchstens mal privat, wenn es niemand mitkriegt — oder wären ihr gar gefolgt, sondern im Gegenteil ist diese Wissenschaftlichkeit nur der Nachfolger der Gottesstellvertreterschaft mit anderem Namen. Hoc est Corpus Christi, Hokuspokus, ein fauler Zauber, um Menschen zu blenden, in etwa so wahr wie die offensichtliche Tatsache, das die Sonne sich um die Erde dreht, die Erde eine Scheibe ist und die Sterne am Firmament kleben.
  8. Weswegen ich diesen Beitrag schreibe – es ist zum Kotzen, wie verdreht die Dinge dargestellt werden: Der Arzt als Wissenschaftler. NEIN. Ärzte experimentieren mit Patienten, wenn sie dürfen – so wie es Dr. Josef Mengele tat: Wann erfrieren Menschen, wie viel und welche Folter überleben sie wie lange, das wäre Arzt als Wissenschaftler.
  9. Wissenschaft ist systematisches Experiment. Aus ethischen Gründen ist das mit Patienten (denen, die ohnehin bereits leiden) verboten. Eine solche Phase gab es nie, nicht wirklich, jedenfalls nicht so, wie es hier an die Wand gemalt ist. Die Menschenversuche finden statt, nämlich in den versklavten Ländern Afrikas. In China. Und massenhaft.
  10. Wissenschaft liefert keine Beweise, weil: Beweis unmöglich. Falsifizierung ist das Prinzip. Ausprobieren, scheitern, dadurch begreifen, dass es so nicht geht. Falsche Annahmen beseitigen, bis etwas übrig bleibt, was meistens ganz gut klappt. Das ist Wissenschaft. Wer es nicht glaubt, lese mal Kant und Popper. Und Mary Daly, für eine Darstellung der tatsächlichen Arbeitsweisen des Gehirns.
  11. Der letzte Satz – ‚Ein Begleiter, der zuhört, gründlich informiert und nach Lösungen sucht – am besten gemeinsam mit dem Patienten.‚ – ist so dumm und voller Logik-Fehler, dass es zum monatelang laut Schreien ist. Ich weiß kaum, wo ich damit anfangen soll, das zu dekonstruieren, weil es dermaßen BULLSHIT ist. Andererseits eine echte Perle – alles Verkehrte in einem Satz, und vordergründig so gut und vernünftig.
  12. Vielleicht mit ‚am Besten‘ beginnen: Am Besten, also idealerweise. So würde MANN es tun, wenn die Zeit dafür wäre – es geht aber auch anders. Weil, praktische Arbeit, da kann nicht immer alles so gemacht werden, wie es eigentlich gemacht werden sollte. Muss man ja pragmatisch sein, ökonomisch usw. usf.
  13. Begleiten ohne Patienten, wie geht das? Nach Aktenlage, was bearbeitet wird, sind Papiere anderer Leute. ‚Wir begleiten diesen Menschen‘, das ist ein Euphemismus für: Wir verwalten diesen Menschen bürokratisch.
  14. Zuhören ohne Patienten, wie geht das? Dazu kann ich nach 18 Monaten unbezahlter Arbeit in der LVR-Klinik Köln folgendes sagen: Es ist FAKT, dass Ärzte praktisch keine Zeit MIT Patienten verbringen. Dazu haben sie zu viel zu tun. Sondern, sie hören sich gegenseitig zu und vor allem: Sich selbst reden. Je höher in der Hierarchie, umso geringer der Kontakt zu Patienten, das ist sehr gut wissenschaftlich belegt. Weil ich als Psychologe gearbeitet habe, und weil Psychologen in der Psychiatrie nicht vorgesehen sind, hatte ich die Freiheit, mit Patienten zu reden, wie es mir beliebte und angemessen schien. Ich bin mit den Menschen also spazieren gegangen, raus aus dem Haus, was Kranke macht. Und habe sie reden lassen, mich dafür interessiert, sparsam nachgefragt. Immer wieder wurde mir bestätigt, was ich vermutet hatte – das das normalerweise nie passiert. Nie hört jemand wirklich zu. Für das Team war ich dann auch DIE Quelle, wenn es darum ging, schwierige Patienten zu konstruieren. Die Routine ist, dass nach einem starren Schema gearbeitet wird, in der Regel eskalativ: Wenn es nicht hilft, ist die Dosis zu gering, dann wird mehr Gewalt angewendet.
  15. So funktioniert Psychiatrie: Ziel ist es, Ruhe und Ordnung und vor allem Unterwerfung herzustellen, wobei Patienten idealerweise nicht innerhalb des Hauses versterben. Bzw. wenn das passiert, sollte es nicht öffentlich werden. Weil, sieht nicht gut aus. Pharmaka töten, direkt und indirekt, jedes Jahr sterben hunderte allein in Deutschland. Und das System fordert Opfer, die alle als ‚individuelle Einzelfälle‘ gelten.
  16. Lösungen suchen ohne Patienten, wie geht das? In einer psychiatrischen Visite – wo der Patient gesehen wird – sitzen bisweilen 12 bis 16 Personen verschiedener Fachgruppen, die den oder die ‚Irre‘ mustern. Alle reden, die Redebeiträge gestaffelt nach Position in der Hierarchie, je mehr eine weiß, umso weniger darf sie reden, und die unwissenste Person – die Chefärztin – gibt dann die Entscheidung über den einzuschlagenden Weg bekannt. Erst wenn alles beredet ist, die Arbeitsaufteilung geklärt, dann MUSS der leidende Mensch sich kaputt gucken lassen von dieser Horde. Blicke, die krank machen und letztlich töten.
  17. Wenn die Entscheidung vom Chef oder der Chefin komplett falsch ist, widerspricht niemand. Ich habe es getan, und wurde zurecht gewiesen. Daraufhin habe ich gnadenlos auch noch die Dummheit dieser Person bloß gestellt, auf das fachlich völlig Unzutreffende ihrer Replik mir gegenüber sowie die absehbar destruktiven Folgen der Chef-Entscheidung für die Patientin und ihre drei Kinder hingewiesen. Folge war eine geschockte Belegschaft, und Spätfolge war, dass ich in diesem Hause keine Anstellung bekam. Der Patientin hat es freilich nicht genutzt, wie auch. Eine Korrektur von Fehlern ist nicht vorgesehen. 
  18. Also: Prinzipiell wird alles entschieden ohne die Patienten zu fragen, was sie brauchen und wollen, auch wenn so getan wird, gelegentlich.
  19. Wehrt sich eine Patientin oder ein Patient, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, das die ‚Krankheit‚ schlimmer ist als gedacht. Womit die Parallele zur Hexenverfolgung klar sein dürfte – verstockte Sünderinnen bedürfen zur seelischen Reinigung einer noch grausameren Folter, und das ist stets zu ihrem eigenen Besten. Wobei psychische Krankheiten und Sünden halt ausgedachte Konzepte sind, die sich nirgends messen lassen in der Biologie.
  20. Arzt als Coach. Ein komplett abwegiges Bild. Ein Coach, das kommt aus dem Sport. Wenn gute Sportler alt werden, werden sie Trainer oder Coach. Sie wissen und können und haben etwas praktiziert, und dann geben sie dieses Wissen begleitend weiter. Ärzte sind Menschen, die keine Ahnung haben. Liegt an der Ausbildung, die sie zu Göttern in Weiß qualifiziert. Fachlich wenig dahinter, und je weniger körperlich das Leiden, umso ahnungsloser sind sie. Reine Hybris.
  21. Ein guter Arzt kennt seine Medizin. Frag mal den Psychiater, welche Mittel sie bereits selbst genommen und erforscht hat, wenn du mir nicht glaubst. Ich habe viele Ärzte kennen gelernt, auch persönlich, und mit Medizinstudenten gewohnt, also wehe es widerspricht mir jemand, der das ohne Erfahrung glaubt, tun zu können. Da werde ich sicher sehr ätzend.
  22. Ärzte sind selbst die Berufsgruppe mit den meisten Suiziden, auch Drogenprobleme sind extrem häufig dank der Griffnähesie würden sich aber niemals in den Kliniken behandeln lassen, wo sie arbeiten.
  23. Weil ich Psychologe bin, erzählen mir Leute automatisch ihre Probleme. Über mir leuchtet das unsichtbare Schild, da steht drauf: Erzähl es mir. Immer passiert das. Ich habe in Not auch Psychiaterinnen aufgesucht, und begutachtet wurde ich auch mal, auf Anordnung eines Gerichtes. Immer war das so, dass nach kurzem Abhaken meiner Anliegen – in der Regel Verschreibung von Gift bzw. beim Gutachter die Feststellung meiner psychischen Gesundheit – diese kaputten Menschen und ihre Probleme Thema waren. Und immer ist da was: Depression, Spielsucht, Alkoholismus, Familienprobleme, sexuelle Probleme. Alle sind sie leidend und krank, und verzweifelt. Gesunde habe ich nie getroffen.
  24. Wie kann ein Mensch, der sich selbst nicht helfen kann, gegenüber anderen als Experte auftreten? Wie kann ein Mensch behaupten, sie wisse etwas, wo nichts klar ist? Wieso sieht anscheinend niemand, das des Kaisers neue Kleider gar nicht da sind, dass dieser Pfau nackt ist? Wie kann das sein, das diese Menschen Autorität ausüben, die praktisch unangefochten bleibt? Die Antwort: Soziale Konditionierung. 
  25. Was die Wirkung von Habitus und Autorität generell erklärt, sind zwei Dinge: Soziale Konditionierung – es wurde gelernt, was zu sehen und zu hören und zu denken ist, und zwar in der Familie und der Schule und der Uni und auf der Straße. Danach wird der Mensch versiegelt und immunisiert gegen die Lebenserfahrung, so gut es geht. So funktioniert diese Gesellschaft von egomanen Robotern. Und die Wirkung von allem basiert auf der bloßen Behauptung, der Suggestion, ist also ein magischer Transfer von Zuständen durch Sprache und Leiblichkeit entlang der Linien der Macht.

 

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