Psychotherapeut sein und bleiben dürfen, wenn Krise ist (eine Skizze)

Bleiwüste. Wird noch formatiert, jetzt erstmal nur runter- und rausgeschrieben. Schreiben ist wie Sprechen auch eine den bewußten kognitiven Prozess unterstützende und die Verarbeitungstiefe steigernde, zugleich entlastende Tätigkeit. Kurz: Schreiben und reden tut gut, es strukturiert und entlastet. Natürlich verbraucht es Energie, hilft aber auch, die Kontrolle und Stabilität zu erhalten.

Den eigenen Interessen folgen, aktiv bleiben und nie dem Drängen nachgeben, es einfach hin zu schmeißen. Sich Handlungsspielräume öffnen, die Schwierigkeiten prioritisieren, Belastungen effektiv reduzieren, keine Auseinandersetzung scheuen und keine ängstliche Vermeidung sich selbst erlauben, die Emotionen benennen und zugleich sich auf eine manierliche Art verhalten, nie die Selbstkontrolle verlieren, keine Entlastung durch Alkohol oder Drogen machen, keine unnötigen Angriffe fahren, jedes Schwarz/Weiß-Denken immer wieder auflösen trotz der Aktivierung des Notfall-Überlebenssystems (Cortisol-Ebene von Stressbewältigung – das ist die zweite Stress-Ebene, die an schaltet bei Dauerstress > 14 Tage; zuvor kommt die auf kurzzeitiges Handeln in akuter Situation ausgerichtete erste Stress-Ebene mit Adrenalin/Noradrenalin), immer rekurrieren auf gemeinsame Ziele und Chancen, sich offen halten für die Wahrnehmung von günstiger Gelegenheit und angemessenen Handlungsmustern, dabei noch dysfunktionale Gewohnheiten modifizieren … und die Erwartungen der anderen passend und flexibel bedienen, dabei gesund wirken (während Körper und Seele gefressen werden im Overdrive-Modus, denn Cortisol fährt Appetit und Schlaf runter, wodurch man verhungert und innerhalb von Tagen reichlich wahnsinnig wird, aber eben auch durch eine Wüste Tag und Nacht marschieren oder durch eine Meerenge tagelang schwimmen kann), immer die Geduld haben, sich trotz selbst kaum noch zu verstehender psychischer Prozesse – die Mauer zum Unbewußten stürzt ein, es fluten einen an sich verdrängte und abgespaltene Anteile und Impulse, Wahrnehmung wird durch massive Übertragungsphänomene sehr schwierig – gegenüber anderen, die berechtigt Fragen haben, verständlich zu erklären, zugleich zu Überwachen, was wo wie passiert und wie es läuft, zwischendurch natürlich die Arbeit – wo ich sowas als Dienstleister mit anderen zusammen mit deren Schwierigkeiten mache, und darauf achten muss, dazu Distanz zu halten, zugleich aber so nahe zu bleiben, dass Verständnis und Vertrauen möglich sind, … der Beruf der Psychotherapeuten ist eine komplexe und schwierige Sache, gerade wenn man selbst im Burnout sich bewegt. Ich habe von vielen Seiten Anforderungen und Druck, und ich mache es mir vielleicht noch selbst schwer, alles wahr. Lerne natürlich dadurch auch massiv was dazu, und es sind viele Techniken ja bereits gut eingeübt, um mit dieser Herausforderung umzugehen. Ohne Hilfe wird es dennoch nicht gehen, und die zu organisieren ist für mich als One Man Army nicht einfach, denn ich bin gewohnt, das mir sowieso – außer finanziell – niemand hilft und helfen kann. Dann noch ein alberner, aber nicht abstellbarer Stolz, und eine in solchen Situationen eher als Fluch erscheinende Sensibilität, und die Kombination mit narzisstischen Kränkungen und deren Folgen – dem Hass und dem Rachebedürfnis – damit gescheit umzugehen. Puh. Mein Sohn hat mich immer geschimpft, wenn ich bei PC-Spielen sofort die härteste mögliche Stufe wähle, egal ob es dann klappt oder nicht – und ist dann deutlich mutiger geworden, während ich sehr viel vorsichtiger geworden bin und meine Liste an Handlungsmustern, die ich NICHT wählen darf wegen typischen dabei auftretenden Folgeschäden … nach den letzen 6 Jahren, in denen es immer schwierig war, ist wohl mein Gehirn praktisch komplett umgebaut, weil es ja seinen Aufgaben nach wächst. Fähigkeiten erhalten und ausbauen, weil sie Ressourcen sind – also auch noch üben und ausprobieren und machen, und sich zugleich bedacht verhalten, dass nicht der Anschein entsteht, man tue nur sinnfreies Zeugs … finde es gut, was ich schaffe, und jeden Tag benennenswerte Fortschitte erzielen, die dann auch wieder zu kommunizieren sind. Ich bin stolz auf mich. Und müde, auch. Mit der Ausbildungsleitung lange telefoniert, Wege ausloten, wie es anders besser gehen könnte, die kriegerische Grundstimmung meinerseits abrüsten und die andere Seite, die mit Recht verstört ist, wieder in ein gemeinsames Unterfangen zurück zu holen, Wege zu Vertrauen und Entspannung bahnen, nicht der dem Zeitdruck geschuldeten Versuchung zu übergroßer Eile zu verfallen … habe glaube ich etwas verbessert gerade, immer schwer es abzuschätzen, was wirklich was bringt und wie die Dinge im System eigentlich interagieren, welche Stellen wann was machen und wie ich die zu bedienen habe. Sehnsucht nach einem einfachen, zurück gezogenen Leben. Kloster oder so. Oder einem Urlaub, das wäre auch angesagt, ist aber nicht drin.

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