Die Zerstörung des Himmels (was Verschwörungstheoretiker so erzählen – Part II)

Viel ist zu Chemtrails nicht zu sagen. Leute gucken sich den Himmel an, sehen Kondensstreifen und spinnen sich etwas zusammen.

Allerdings geht das nur, wenn im Kopf bereits eine gewisse Bereitschaft dazu vorhanden ist, sich eine Welt ganz grundlegend als riesige Verschwörung vorzustellen.

Niemand guckt an den Himmel, sieht Flugzeugstreifen und denkt „ein Angriff mit Nano-Partikeln“ – ohne den entsprechenden Kontext.

Sowas muß man sich erst mal ausdenken, und von „zweifelsfrei“ im Zusammenhang mit Wahrnehmung zu sprechen ist sicher auch generell sehr … sagen wir mal, naiv. Aber genau darum geht es – eine einfache Erklärung, die spektakulär anders ausfällt als die der Allgemeinheit. Eine aufregende Eigenwelt, in der man ein besonderes Wissen besitzt und einen besonderen Kampf kämpft – gegen den Rest der Welt. Man könnte auch sagen: Wahn.

Nicht anders als die Theorien der Flat Earth, Hohlwelt, Mondlandungsfake und ähnliches. Oder die UFO-Gläubigen. Und wie Klimawandelleugnung, Holocaustleugnung.

Ein Mensch muss schon bereit sein, die gesamte gesellschaftliche Umgebung als von einer gemeinsamen Täuschungsabsicht kontrolliert und durchdrungen sich vorzustellen. Sprich: Paranoide Persönlichkeitsstruktur. Feige, hinterhältige Manipulatoren überall.

Mit solchen Dingen wie Wissenschaft hält man sich da besser nicht auf – oder es wird das, was Wissenschaft macht, in sein komplettes Gegenteil pervertiert. Also statt viele Studien auf ihre gemeinsame Aussage hin abzuklopfen (wissenschaftliches Vorgehen, Meta-Studien) werden einzelne Ideen oder lediglich Ausdrücke aus irgendeinem Papier von irgendwem irgendwo als „Beweis“ zitiert. Wie könnte man das nennen – Anti-Wissenschaftlichkeit? Pseudowissenschaftlichkeit, sagen viele. Aber das ist nur ein Teil davon – so tun als ob. Der schlimmere Teil ist der, Wissenschaft und Glauben in eins zu setzen. Krass. Da werden subjektive Annahmen und Anekdoten mit Ergebnissen von weltweiten Studien mal eben gleich gemacht. Klimawandel? Da glaube ich nicht daran. Aber zugleich: Chemtrails dienen angeblich der Steuerung des Wetters und stammen aus der geheimen Forschung zur Bekämpfung des Klimawandels. Ähm, ja. Also, der Verschwörungstheoretiker hat seine ganz eigenen Beweise, eben die alternativen Fakten. Davon dann möglichst viele.

Kontext ist immer irgendein Szenario eines Kampfes zwischen Gut und Böse, natürlich die entscheidende Endphase (also maximale Aufmerksamkeitshascherei und maximale Anhänger-Mobilisierung, und natürlich die Legitimation aller Mittel). Milleniarismus, sagen manche dazu. Letzte Zeiten. Die kommende Apocalypse, die letzte Schlaft, etc.

Mit einer Persönlichkeit, die sich offen gegenüber alternativen Fakten (komplettem Bullshit) zeigt, sammelt man allerdings schnell eine Menge solcher Müll-Ideen an. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der oder die nur einen einzelnen Strang von Verschwörungstheorien folgte – wenn, dann ist immer eine ganze Reihe davon vorhanden. Meistens in Kombination mit missionarischem Eifer. Immer auch mit einer Art von verquerer Religiosität gekoppelt -einem Glauben, der sich letztlich kaum artikulieren kann. Etwas starkem und unbegründbarem, was den Antrieb für die oberflächlich betrachtet lächerlichen Aktivitäten bildet. Vermutlich sind das sowohl Bindungsmotive als auch narzistische Bedürfnisse, die da rein spielen (was weiß denn ich). Selbstwerterhöhung und Gruppenbildung. Was halt Menschen so antreibt.

Woran ich schier verzweifle – die Frage, wieso diese Leute sich ausgerechnet an diese Idioten-Narrative binden. Es gibt Dinge, die mir bedeutsamer erscheinen. Beispielsweise die Tatsache, dass es Hunger in der Welt gibt, obwohl technisch die Menschheit diese furchtbare Plage locker besiegen kann. Oder dass überall Autos rum fahren und die Luft mit Stickoxiden vernebeln – was keine Phantasie ist. Die Autofahrer fahren auch viele Menschen tot. Und sehr viele Menschen töten sich selbst. Auch solche Scheußlichkeiten wie Krieg und Folter, da könnte man sich dagegen engagieren. Aber nein – es werden vollkommen bescheuerte Kämpfe gegen imaginäre Katastrophen ausgefochten. Soziale Fragen, Gerechtigkeit, Entwicklung? Alles nicht interessant, nur das eigene zählt (und da zeigt sich dann der zutiefst rechte Character dieser Narrative, eben im völkischen Denken).

Und das, was daran wirklich tragisch ist – diese alternativen Fakten sind über den Schleichweg der Esoterik-Welle in die aufklärerisch orientierten Szenen eingewandert, der rechte bis rechtsextreme Bullshit hat sich als neue Spiritualität ausgegeben.

Inklusive der rechtsoffenen Konzepte, die dabei mit transportiert wurden – etwa der prinzipiellen Ungleichwertigkeit von Menschen etc. Ohne näher darauf eingehen zu wollen, auch die verbreitete (und komplett falsche) Konzeption von Karma als Prädestination und Sündenkonto mit der Schlußfolgerung, dass Solidarität Unsinn ist, weil ja jeder bekommt, was ihm zusteht und weil Kooperation mit Schwachen ein Nachteil im opportunistischen Kampf aller gegen alle ist (eine maximal rechte sozialdarwinistische Position) – diese Idioten-Narrative kommen alle aus der netten Hippie-Zeit des New Age. Da fing das an mit den alternativen Fakten. Und die linksalternativen Leute haben diese Trends befördert, vermeintlich verbunden mit der Idee von einem emanzipatorischen Wert.

Für die Chemtrails läßt sich ungefähr das Jahr 1996 als Ursprungsjahr der Verschwörungstheorie angeben – das ist also rein relativ neues und frisches Phänomen. Quellen: A brief history of „Chemtrails“. Und The origins of the chemtrail conspiracy.

Das finde ich spannend. Eine Verschwörungstheorie, die im Internetzeitalter selbst konstruiert wurde.

Also ein Fall, wo das Internet nicht eine abwegigen Idee aus alten Zeiten irgendwie wieder puscht oder dafür neu mobilisiert (so wie beispielsweise fundamentalistische Ausprägungen von traditionellen Glaubensrichtungen), sondern wo das Internet als Basis der Generierung und Verbreitung eines Memes dient. Das ist mit anderen Theorien des lunatic fringe anders.

UFO – das gibt es seit 1947. Und I want to believe ist glaube ich die beste jemals dazu abgegebene Erklärung. Das bringt es auf den Punkt. Noch so gründliche Widerlegung ändert nichts an den Überzeugungen von Gläubigen (oder weniger freundlich ausgedrückt – sektiererischen Fanatikern). Nebenbei: „UFO“ hat sich ja weiter entwickelt zu „Reptiloiden aus dem Weltraum beherrschen bereits heimlich unseren Planeten“ und dergleichen.

Mondlandung ist fake – das gibt es seit 1976. We Never Went to the Moon: America’s Thirty Billion Dollar Swindle, was self-published in 1976 by Bill Kaysing.

Die Klassiker – Flachwelttheorie (Mitte 19. Jahrhundert, Samuel Rowbotham), Hohlwelttheorie (im 17. Jarhundert eine wissenschaftliche Theorie, danach verworfen und nur noch von Verschwörungstheoretikern weiter gesponnen) bzw. genauer Innenweltkosmos (1870 von dem Amerikaner Cyrus Reed Teed (1839–1908) aufgestellt).

Antisemitismus – 1800. Illuminaten – 1776. Diese beiden Stränge sind natürlich wesentlich anders gestrickt als die bisher angesprochenen Verschwörungsnarrative.

Es geht nicht in erster Linie um eine paranoide Verarbeitung der Moderne und der Technik (heimlich, gefährlich, Regierung und Konzerne vs. der einfache Mann, wir werden belogen) – sondern um die Frage „Wer ist schuld an allem Übel?“ – bezogen auf politische und gesellschaftliche Umbrüche.

Der Nationalsozialismus hat mörderisch klar gemacht, wie Antisemitismus als Staatsziel sich auswirkt. Wobei Hitler in „Mein Kampf“ sehr deutlich den Antisemitismus als ein strategisches Mittel der Politik und Propaganda beschreibt, weniger als etwas irgendwie Faktisches (zumindest sind Fakten egal, es geht darum, alle diversen politischen Gegner propagandistisch unter einen Hut zu bringen, die Erklärung gegenüber den Massen möglichst einfach zu gestalten).

Noch mal zurück zu dem Aspekt vom Müll-Magnetismus im Zusammenhang mit Idioten-Narrativen. Wie gesagt, es finden sich selten reine Vertreter einer einzelnen Verschwörungsüberzeugung – wenn, dann sind praktisch immer viele solche Stränge vorhanden. Mich interessiert dann immer, welche Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gehen damit einher. Denn Rassismus, Sexismus, LGBT*-feindliche Einstellungen, Behindertenfeindlichkeit etc. mit den Idioten-Narrativen eng gekoppelt scheinen (meine Annahme, bisher habe ich dazu erst wenig gelesen).

Letztlich ist meine Vermutung – egal mit welchem Strang von alternativen Fakten man startet, letztlich sind das alles Einstiegspunkte in einen Sumpf voller giftiger Nebel. Man landet in einem rechtsextremen Weltbild. In der Alt-Right, würde man heute wohl sagen. Wobei ich mich frage, liegt das daran, dass diese Gruppierung ein Kulminationspunkt menschlicher Dummheit ist, oder daran, dass diese Leute sehr stark den lunatic fringe besetzt bzw. an ihre Tröge gelockt haben?

Weil ich es wissenschaftlich mag, werde ich demnächst mal Barkun lesen (habe das jedenfalls vor).

Der amerikanische Politikwissenschaftler Michael Barkun spricht von „conspiracy beliefs“ („Verschwörungsüberzeugungen“) bzw. einer „conspiracist worldview“ („konspirationistischen Weltsicht“), die durch die Annahme gekennzeichnet sei, eine Organisation agiere böswillig und im Verborgenen. Typisch für dieses Denken sei der Ausschluss von Zufällen – alles Geschehen werde auf die absichtsvollen Handlungen der Verschwörer zurückgeführt –, der Zweifel an allem Offensichtlichen – nichts sei, wie es scheine, es gelte immer, eine geheime Wahrheit zu entdecken – und die Annahme, alles sei miteinander verbunden – nur die Aufdeckung „geheimer Muster“ liefere eine Erklärung für die Geschehnisse.

Quelle: Wikipedia

Barkung stellt auch auf das paranoide Element ab: Alles ist böse Absicht verborgener Mächte. Im Kern die verweltlichte Form von Teufelsglaube (eine böse Kraft arbeitet gegen uns). Kein Wunder, das diese Idioten-Narrative für fundamentalistische „Christen“ attraktiv sind, denke ich mir gerade.

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