Beyond the lunatic fringe

Bekanntermaßen leben wir in konstruktivistischen Zeiten – wer es wissen will, dem ist bekannt, dass der Mensch ein Wesen ist, was sich Mythen zusammen baut, sich darin gemütlich einspinnt, eben so, wie eine Winkelspinne sich mit Netzen umgibt. Und genau wie die Winkelspinne ihre kleine Ecke über alles liebt und dem Rest des Terrariums keinerlei Interesse zukommen läßt, so sind auch Menschen eher nicht die großen Wanderer im mythologischen Weltenraum. Mythos, das ist allumfassende und endgültige Welterklärung, eine ersponnene Geschichte, die alle Wahrnehmungen letztlich zusammen fügt und trägt. Nationen, Religionen, Traditionen, Institutionen, die Beziehungsdyade – alle diese transpersonalen Systeme sind letztlich auf diese Weise gebaut – sie existieren als ein Netz von Verknüpfungen körperlich in der Person, die sie trägt (letztlich als kognitiv-emotionale Muster auf neuronaler Ebene). Möglich geworden sind diese Systeme evolutionär durch Sprache, und auf ihnen baut die gesamte Zivilisationsgeschichte auf. Buchempfehlung: Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit. Das Netzwerk im Kopf korrespondiert mit den Netzwerken in anderen Köpfen und dem Netzwerk, was wir heute als Internet kennen und betreiben (von dem haben die Pioniere immer gedacht, dass es eine Art globales bzw. planetares Gehirn werden würde). Konstruktion von Weltanschauung(en) ist für mich als Psychologen eine spannende Sache, und ich habe eine Schwäche für die Untersuchung von abseitigen Phänomenen. Das ist Teils schlicht meiner Neugier geschuldet – normal ist stets langweilig, genau genommen ist ja die Definition von normal genau das: Verursacht keinerlei Aufregung. Was normal ist, entspricht dem Bild, was allgemein geteilt wird. Da die Welt etwas gemachtes ist – nicht die Wirklichkeit, sondern unser davon komplett unabhängiges System der Anschauung der Wirklichkeit – sind normale Weltbilder natürlich Ergebnis einer dauernden Propagierung von offizieller Wahrheit. Die Hegemonie der dominanten kulturellen Interpretation von Wirklichkeit, inklusive der darin enthaltenen Verhaltensnormen. Ohne diesen Mechanismus zerfällt jedes größere System sofort in seine Einzelteile. Daher hat dieser Mechanismus enorme politische und soziale Bedeutung und auch Brisanz. Wie immer habe ich weit ausgeholt, eigentlich wollte ich kurz und knapp etwas dazu schreiben, womit ich mich eben beschäftigt habe: Nämlich dem lunatic fringe, der völlig verrückten Außengrenzen des Ideen-Raumes. Ähnlich, wie die Neuro-Anatomie sehr viel gelernt hat von Fällen, wo Menschen schwere Schädelverletzungen hatten und große Teile des Gehirns kaputt waren – wenn das so ist, fallen manche Sub-Systeme des zentralen Nervensystems (ZNS) aus, woran sich erkennen ließ, dass es in der Tat funktionelle Einheiten im ZNS gibt und so ungefähre Ideen davon, welche und wo – kann ein konstruktivistisch denkender Wissenschaftler sehr viel lernen über die Psychologie der Mythenkonstruktion durch das Studium von Leuten, die sich ausgesprochen un- oder anti-normale Weltanschauungen gebastelt haben. Jedenfalls ist das mein Ansatz, und ich finde den sowohl unterhaltsam als auch fruchtbar. Das Internet macht vieles erforschbar, was zuvor soziologischen, politologischen und psychologischen Studien nicht zugänglich war. Menschen geben von sich aus sehr viel über sich und ihre Ideen, Gefühle, Ansichten, Vorlieben, Abneigungen und generell ihr Verhalten öffentlich preis. Neoliberalismus erfordert ständige Selbstvermarktung (die wirtschaftspolitische Dimension). Die bindungssuchenden Primaten, die wir biologisch zugleich nach wie vor sind, konkurieren zugleich um Streicheleinheiten in From von Aufmerksamkeit und Anerkennung. Beides zusammen bildet – neben vielen anderen Faktoren – die Grundlage für die Entstehung eines enormen Datensatzes – jede Stunde erweitert sich durch individuelle und institutionelle Beiträge das Internet mit wahnsinnig vielen Informationsmolekülen, neuen Fäden und Geschichten. Der multimediale Hypertext wächst andauernd, und ist natürlich zugleich Material für verschiedenste Versuche der Erforschung. Data mining war mal eine Metapher für diese Versuche, automatisiert Zusammenhänge in diesem Datenwust zu finden. Keine Ahnung, wie die aktuellen buzzwords lauten, das ist mir egal – die Idee, mit sehr sehr sehr großen Stichproben (idealerweise einer Komplett-Erfassung in Echtzeit) zu arbeiten, hat mir früher (~1996) schon als ein absolut geniales Instrument der Wahrheitssuche (im Sinne einer Konstruktion eines Modelles, was auf alle Daten maximal gut paßt) eingeleuchtet und mich enorm begeistert. Wer das nicht kennt – psychologische Forschung hat in der Vergangenheit sehr oft mit scheußlich kleinen Stichproben gearbeitet, und als Statistiker hat es mir vor den daraus extrahierten Gesetzmäßigkeiten (die dann auf die Menschheit verallgemeinert werden) immer gegruselt. Vieles davon hat empirisch praktisch keine Basis, was Kolleg*innen nicht gerne hören. Beispiel: Das Yerkes-Dodson-Gesetz. Es besagt: Umgekehrt U-förmiger Zusammenhang von Aktivierung und Lerneffizienz. Zu wenig oder zu viel Erregung sind dem Lernen abträglich, eine mittlere Aktivierung ist optimal. Klingt wie eine Binsenweisheit, und vermutlich ist es das auch. Nur – das wurde wissenschaftlich, also systematisch und experimentell – untersucht und belegt. Wer wie ich ein wenig weiter schaut, sich die Original-Arbeit ansieht, erlebt allerdings eine ernüchternde Überraschung. Untersucht wurden Wachteln, die auf die Unterscheidung von Farben konditioniert wurden. Und daraus wurde dann ein Gesetz abgeleitet, was für irgendwie alles gelten soll. In vielen anderen Bereichen sind es auch tierexperimentelle Studien, die auf Menschen verallgemeinert wurden. Oder eben die Studien, wo ein N (Stichprobenumfang) so klein gewählt wurde, dass Statistik an und unter ihre minimalen Anforderungen gerät. Auch der umgekehrte Fall – sehr große Stichproben – führt zu lustigen Pseudo-Ergebnissen – wenn N sehr groß ist, werden sehr kleine Mittelwertsunterschiede hoch signifikant. Ok. Weil das nur Erinnerungen sind an alte Gedanken, gleich wieder raus aus der Abschweifung. Vielleicht zur Erklärung, wieso dieser Text nicht mal minimal stringent daher kommt – es war ein heißer Tag, und nachts elend schwül. Deswegen habe ich mich mit Kaffee und Kippen am PC unterhalten mit eher sinnfreiem Zeugs, und irgendwann mal drauf los geschrieben. Liest sowieso keine Sau – wozu sich also die Mühe einer Didaktik machen. Jedenfalls habe ich mich Zeit meines Lebens immer für Außenseiter interessiert, die eigene und andere Weltanschauungskonstruktionen mit sich herum tragen. So einer bin ich ja auch immer gewesen, und habe das entsprechend ausgebaut. Durch den Anderen erkenne ich mich selbst im Außen, durch mich selbst erkenne ich den Anderen im Inneren. Beides korrespondiert und steht in einem Resonanz-Verhältnis. Um kurz einen Abriss zu geben, was mich interessiert hat: Als junger Mensch fand ich Politik, Sexualität und Drogen spannend. Dann logischerweise Magie, Astrologie, Esoterik, Hippies, Psychedelik und solche Geschichten, und entsprechend auch freie Geister aller Art … darunter fiel für mich jeder, der sich von der Idee der geteilten Weltsicht und von gedanklichen Konformismus hinreichend verabschiedet hatte, um sowas wie eigene Positionen zu formulieren oder auszudrücken. Nach mehreren gesellschaftspolitischen Experimenten – die wunderbar lebendig und utopistisch waren und ökonomisch sowie bio-psycho-sozial jeweils krachend gescheitert sind – kam ich auf die Idee, den Gründen für dieses Scheitern auf den Grund gehen zu wollen. Daher eine radikale wissenschaftliche Wende gemacht, alles auf den Prüfstand gestellt, Psychologie studiert. Promoviert über Mediennutzungsforschung von Heranwachsenden, bzw. daran gescheitert, diese Arbeit auch fertig zu stellen. Wollte ein Professor werden – heute bin ich einer, nur eben nicht offiziell, mehr so mad professor. Was mir aber auch besser gefällt, bis auf die Komponente fehlende gesellschaftliche Anerkennung. Wäre schon schön, ich könnte was beitragen in den Diskursen der sogenannten wichtigen Menschen (derer mit Macht und Geld). Und hätte weniger prekäre Verhältnisse. Aber scheiß drauf, so ist meine Unabhängigkeit von diesen Systemen bzw. ein Nicht-Eingebunden-Sein in den Apparat immerhin dafür gut, dass ich nicht korrumpiert bin durch eine Interaktion mit den System-Leuten. Allerdings auch abgeschnitten davon, was die sehr schlauen Leute so zusammen basteln – früher habe ich nächtelang mit Leuten diskutiert und mich ausgetauscht, heute lese ich deren Ergebnisse (den veröffentlichten Teil) und denke mir den Rest dazu. Sehe aber auch – viele der high IQs sind in totaler Sinnlosigkeit eingebunden, geben einem System ihre Energie und ihre Kreativität, was daraus wieder neue sinnlose Plastik-Müll-Geschichten macht. Reproduktion von destruktiver Scheiße, darin hat mein Interesse nie bestanden. Daher auch irgendwie erfreulich, dass mir das erspart geblieben ist. Jedenfalls – nachdem eine Karriere als Psychologe trotz scheußlich gutem Diplom gefloppt war, habe ich mich als Psychotherapeut weiter gebildet. Und mit Menschen gearbeitet, die für psychisch krank erklärt und mit Drogen voll gepumpt werden. Interessiert haben mich da vor allem die F20 (paranoid-halluzinatorische Schizophrenie) und natürlich die bipolare Störung (Depression, Manisch-Depressive Störung). Beide Kategorien überlappen – es steckt viel Leid darin, wie die Gesellschaft mit solchen als krank gelabelten Menschen umgeht, weswegen die glücklichen Verrückten sehr selten sind. Wenig überraschend ist es mir gelungen, auch in diesem Karriere-Pfad an meiner antagonistischen Haltung zu fachlich nicht gerechtfertigter Autorität zu scheitern – ich würde sagen, alles andere wäre wirklich eine erstaunliche Sache gewesen. Bisher war das immer so – weil der Herr Wild sein Maul nicht halten kann, wenn er was für extrem daneben hält, fliegt er überall raus. L’eclat, c’est moi. Damit habe ich mich ein Stück weit arrangiert, vermutlich vor allem deswegen, weil ich dieses Muster nicht überwinden kann. Versucht habe ich es mehrfach, vor allem um anderen sozial zu gefallen und nützlich zu sein – und weil ein Teil von mir sich so sehr wünscht, endlich mal irgendwo dazu zu gehören. Liebe und Anerkennung zu erfahren, Familie zu sein – solche Sachen. Heute weiß ich natürlich, soziale Beziehungen sind eine aufwändige Sache – da ist sehr viel zu tun und zu lassen, damit das gut funktioniert mit anderen Menschen. Wäre das mein Ding, ich hätte nie die Zeit gehabt, mich zu dem zu entwickeln, was ich heute bin. Wie der schöne Spruch es stark verkürzt formuliert: Glück – das ist dumm sein und Arbeit haben. Was ich mache, macht nicht glücklich – weder mich noch andere, und darum geht es mir auch nicht. Klar, ich mag gerne glücklich und zufrieden sein (bin das auch oft) – nur stellt sich das eher über Umwege ein, als das ich dafür irgendwas täte. Sondern ich folge sehr klar meinem Willen (konzipiert als einer Art von innerem Antrieb, einem folgerichtigen nächsten Schritt, oder auch der einzigen Wahrheit, die ich jemals erleben werde). Nebenbei bemerkt, Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung. Völlig unterschätzt, großartige Bücher. Alles andere als einfach zu lesen, weil eigenwillig geschrieben. Aber sehr gehaltvoll, und inhaltlich unglaublich modern. Man merkt ihm die Beschäftigung mit den Veden an. Und erneut ein Ende der Abschweifung. Hier wieder der rote Faden – die sehr lehrreiche Beschäftigung mit den Mechanismen der Weltanschauungskonstruktion am Beispiel von völligst verrückten Menschen. Damit hatte ich mich zuvor beschäftigt. Wer meinen Blog kennte, wüßte um meinen Ärger mit den Verschwörungstheoretikern aller Art, die mich bisweilen an meinen Fähigkeiten zweifeln und verzweifeln ließen. Es gibt ja eine schwer überschaubare Anzahl von Bausteinen, woraus sich alternative Weltmodelle basteln lassen. Wie eine Studie zu Verschwörungstheorie (VT) zeigt, die ich kürzlich las und gut fand, sind die Websites, die solche Weltanschauungen vermarkten, alle miteinander verbunden und bilden – wie im eingangs beschriebenen Bild von der Winkelspinne – ein dichtes klebriges Netz miteinander. Egal, mit welchem Teil davon man beginnt, es werden häppchenweise immer neue und tiefere „Wahrheiten“ angeboten. Also die Frage, wie würde wohl eine der Spinnen bzw. ein solcher Spinner aussehen, die/den man findet, wenn man den Fäden nach geht? So kam ich auf Herrn Stoll und seine Tiraden über Arier vom Aldebaran. Wer den nicht kennt – der Mann ist bereits verstorben, war zu Lebzeiten nach der DDR als Staubsauger-Vertreter unterwegs und selbst dem Kopp-Verlag zu irre. Dagegen sind Ken Jebsen und Jürgen Elsässer vergleichsweise fast schon langweilig. Wobei langweilig = normal hier auch gefährlicher im Sinne von Anschlußfähigkeit bedeutet. Was für mich aus der Entfernung betrachtet irgendwie lustig ist – sich in überwertige Ideen völlig hinein steigern – ist zugleich im realen Leben enorm gefährlich, denn wir haben durch verschiedene unerfreuliche Ereignisse des 20. Jahrhunderts gelernt, dass es durchaus nicht reicht, wenn die Welt einen Irren als irre erkennt, um dessen Einfluss auf eine große Gruppe von Menschen ausreichend einzuhegen, damit kein größerer Schaden entsteht. Ohne ins Detail zu gehen – wie viele erkennbar nicht geistig gesunde Personen heute in der Welt über Macht und Einfluß verfügen und was das mit der Menschheit anstellen kann, dürfte vielen bereits bekannt sein. You can’t grab science by the pussy – but you can bunga bunga the biosphere. Um das mal kurz und klar auszudrücken. Also, Herr Stoll. Kein besonderer Fall, an und für sich. Der grundlegende Mechanismus ist trivial. Jemand, der ein trostloses Leben führt, phantasiert sich eine Welt, in der er wichtig ist und etwas weiß. Genau das mache ich auch, und eigentlich macht das jeder Mensch. Nennt sich Ego. Solange es in vernünftigen Grenzen bleibt, ist das eine ganz und gar gesunde Sache und darüber hinaus überlebensnotwendig. Pathologisch sind die extremen Fälle. Nämlich die, wo außer Ego nichts mehr da ist, und dann aus dem Bedürfnis nach Kontakt mit etwas anderem ein Angriff erfolgt. Solche Leute detonieren sich selbst und töten Menschen, beispielsweise. Was ja auch nur eine andere Art ist, auszudrücken I was here. Allerdings eine, die alle anderen total abfuckt. Scheußlich. Frage daher, wieso reicht es denen nicht, einen tag irgendwo hin zu sprühen oder sowas. Wie groß muss dieser innere Antrieb sein, um so etwas fieses und brutales zu tun – und vor allem, woraus besteht dieser Antrieb und welche kognitiv-emotionalen Komponenten führen zu diesen speziellen Ausprägungen von antisozialem Verhalten? Ein Brevik kommt ja nicht aus dem Nichts, sondern: Da ist viel Zeit und Arbeit investiert worden. Die islamistischen Attentäter, die kommen schon eher aus dem Nichts, weil sie halt eher unintellektuell an die Kombination aus Selbstwert-Demonstration und Selbstauslöschung ran gehen, in der sie die Lösung ihrer Problematik finden. Das sind Leute, die – wie jedes menschliche Wesen in der Moderne – die eigene Nichtigkeit spüren und mangels Bildung und Erkenntnis recht leicht auf ein preiswertes Täuschungsmanöver aus dem letzten Jahrtausend rein fallen (Versprechungen von Belohnungen im Jenseits). Sprengstoff umgeschnallt, fertig ist der Selbstmord-Depp. Der Herr Stoll dagegen liest sich eifrig die diversen Bücher durch, die es über Verschwörungstheorien gibt, und wird so zur Wandelnden Bibliothek des Schwachsinns. Und das reicht dann, um sich zu stabilisieren und eine Art von Gemeinde zu haben, also soziale Anerkennung und auch kleine finanzielle Zuwendungen. Dazu ein passender Habitus (Hitler-Imitation kommt immer gut, weil recht bekannt) – und fertig ist die Laube. Darin ist Herr Stoll ein Muster für den Einzelunternehmer in Sachen Selbstvermarktung – freilich einer, der halt mit Nazi-Flugscheiben und dergleichen ein eher randständiges Publikum bedient. Wieder eine Abschweifung: Um 1920 herum gab es zahlreiche sogenannte Inflations-Propheten (bzw. Heilige). Das waren Irre, die unterschiedliche Ende-Der-Welt-Theorien mit einer Art von messianischem Auftreten verbanden. Etwa so wie in Life of Brian. Vermutlich gibt es solche Leute immer, wenn eine Krise da ist – macht ja Sinn, dass dann der Suchraum für mögliche gesellschaftliche Veränderungen vergrößert wird, wenn es so aussieht, als ginge es so nicht mehr weiter. Heute – durch die Vernetzung bzw. das Internet – sind natürlich die Reichweiten der Irren stark vergrößert. Wer früher garantiert keine Jünger gefunden hat (weil zu abgedreht), kann heute unter Millionen sicher irgend wen finden, der/die genau diese Art von Abgedrehtheit auch gut findet. Wenn das einige tun, entsteht eine Subkultur – und damit ein Soziotop, indem sich irres Zeugs zu einer stabilen und geschlossenen Weltanschauung mausern kann. An solchen Subkulturen kann ich nun wieder studieren, wie sich solche Formationen bilden und verändern, und auch, wie sie auf die umgebenden Systeme und letztlich die Mehrheitsgesellschaft ausstrahlen. Weil – kleine Gruppen mit extremen Ansichten und Handlungen bewegen ganze Gesellschaften, indem sie Bezugspunkte verschieben. Dazu braucht es nicht viel und nicht viele. Die viel zitierten 68er waren nicht wirklich viele, und der Kern der aktuellen rechtsesoterischen Szene ist auch nicht sonderlich groß. Dennoch beeinflussen solche Ideenverbreiter viele Menschen. Im Sinne von Aufklärung ist es daher ganz gut und sinnvoll, mal das Vollbild dieser Verschwörungsschwurbelei vor Augen zu haben. Hier siehst du, wie er vor Publikum die Nazi-Rampensau gibt. Und genau dafür ist Herrn Stoll zu danken – er hat das perfekt verkörpert. Nun ist es allerdings nicht so, dass wirre Thesen von solchen Menschen einfach so angenommen werden – im Gegenteil. Es ist sicher so, dass die Aufbauarbeit, die geleistet wird, an einem Punkt beginnt, der sehr persönlichkeitsnah und lebensgeschichtlich bedeutsam ist. Bei Stoll der Vater. Dessen Arier-Nachweis, beispielsweise. Bekannt ist, dass Stoll Frauen und Kinder nicht leiden konnte, und vermutlich auch sonst niemanden. Logischerweise will er aber sich selbst irgendwie mögen und psychisch stützen, also volle Identifizierung mit dem Vater. Und mit irgendwas – es muss aber stark und möglichst entfernt von denen sein, die er verabscheut (die ihm weh getan haben). Der Nazi-Link war da, also wieso nicht ein Weltraum voller Nazis? Und selbst auch ein Außerirdischer sein – nicht von dieser Welt. Das findet sich immer wieder bei verrückten Menschen, dass sie sagen, ich bin nicht von diesem Planeten. Mache ich auch so, es ist mir eine tröstliche Vorstellung, hier nicht dazu zu gehören und nur scheinbar da zu sein. Eine logische Folge von emotionaler Abgrenzung, wenn sie separatistisch wird. Das ist, denke ich, die Hauptfunktion von abseitigen Glaubenssystemen – eine Eingemeindung des Selbst in etwas anderes, gegengesetztes, eigenes. Im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie gibt es Forschung zum Phänomen der inneren Kündigung – ein Prozess, wo der Mitarbeiter die Identifikation mit dem Unternehmen aufgibt, nur noch Dienst nach Vorschrift macht, komplett demotiviert ist und tendenziell ausschließlich eigene Ziele verfolgt. Dort wird es als mit dem Gefühl des Getäuscht- bzw. Betrogen-worden-seins, also mehr als nur mangelnder Anerkennung, assoziiert. Gut verständlich, und der grundlegende Mechanismus folgt der Individuation, also wenn sich Ego aus dem Familensystem emanzipiert und sich ein eigenständiges Selbst bildet. Das Selbst würde in einem günstigen Verlauf auch Schemata für die Beziehungen zwischen Ego und Gruppe beinhalten, die diese Spannung von Nicht-Identität und Nicht-Getrenntheit (Abhängigkeit) als ein dynamisches Ungleichgewicht lebbar machen. Es ist ja völlig normal, dass es zwischen den Bedürfnissen nach Autonomie und nach Bindung zu Konflikten kommt und das Nähe-Distanz-Verhältnis immer wieder neu justiert wird – passend zu den Anforderungen und Möglichkeiten. Bei der inneren Kündigung passiert genau das nicht mehr – der Mitarbeiter ist faktisch weg und nur noch scheinbar dabei. Nicht zufällig habe ich dieses Beispiel gewählt. Sondern, es schließt sich ein Kreis – abseitige Nazi-Flugscheiben, Hohlwelt etc. – und ein anderer öffnet sich – namentlich die Reichsbürger. Bekanntermaßen ist das die deutsche Entsprechung eines Phänomens, was aus USA kommt (dort früher schon beschrieben wurde) und dort in verschiedensten Ausprägungen existiert – Menschen akzeptieren nicht mehr die Eingebundenheit in einen Staat und dessen Legitimität, und schaffen eigene Staaten-Ideen. Dann legen sie sich bürokratisch oder auch gewaltsam mit dem faktisch weiter vorhandenen Staatssystem an, schreiben kilometerlange Schreiben an Behörden und ähnliches (sogenannter paper terrorism). Die angemaßte Eigenstaatlichkeit endet in der Regel mit der Niederlage der Person(en), die sie behaupten – und die oft letztlich nieder geschossen und eingesperrt wurden und werden. Das war wohl schon immer so, siehe die Geschichte um Massada (Römer gegen jüdische Sekte). Wenn du das vergleichst mit Waco oder den Vorgängen um den Eigenstaat Ur (Adrian Ursache), dann sind Größenunterschiede da, aber sonst viele Parallelen erkennbar. Reichsbürger, wer das nicht kennt – die behaupten, es gibt die BRD nicht, sie sei nur eine Firma, tatsächlich existiere das deutsche Reich weiter. Gut erkennbar sind sie daran, dass sie eine para-logische Argumentation betreiben – scheinbar klingen Dinge logisch und es wird etwas wie eine argumentative Strategie und ein Diskurs verfolgt, tatsächlich aber wird mit beliebigen Versatzstücken geworfen. So, wie Affen ihren Platz in der Hierarchie des Affenfelsens verteidigen, indem sie mit Kot werfen. Spannend an den Reichsbürgern ist für mich – sie wollen das System nicht, und sind zugleich im Denken komplett davon eingenommen. Ein Staat muß sein – aus dieser Prämisse kommen rechts-orientierte Menschen nicht heraus. Also – wenn du zugleich den Staat, der aktuell da ist, total ablehnst – wieso nicht einen eigenen Staat begründen? Eine Variante, die natürlich gefährlich ist, weil damit Gewalt als Mittel einher geht. Herr Ursache sagt denn auch (und handelt so) – wer in meinen Staat hinein geht ohne Erlaubnis, der wird sterben. Sprich, wie staatliche Logik ja immer läuft – am Ende der Beweiskette kommt die Gewalt als letztes begründendes Mittel. Nun ist es ja, so, dass diese Strategie schon von sehr viel gewichtigeren und – was Gewalt und Eigengesetzlichkeit angeht – sehr viel fähigeren Leuten versucht wurde – namentlich von Rocker-Gruppen. Wenn deren Club-Heime – die ja genau das sind, was die Eigenstaaten gerne wären, nämlich in gewisser Weise exterritoriale Gebiete mit eigenen Gesetzen – von Verboten oder Razzien betroffen sind, kommt der Staat halt mit Spezial-Einheiten und macht beliebigen Widerstand platt. Politisch haben es andere Gruppen – die Black Panthers, oder Move in Philadelphia – auch schon versucht, eine Sezession durch zu ziehen. Und die Erfahrung wurde gemacht, dass ein Staat auch im inneren auf Armee und Bombardierung zurück greift, um solche Gruppen auszuschalten. Ähnliches gilt für die Gruppen, die sich als Form bewaffneten Widerstandes im Untergrund verstanden haben, wie raf oder ETA, IRA, etc. Und natürlich wird es der aktuellen islamistischen Version von Eigenstaatlichkeit, die wir als „islamischer Staat“ kennen, auch so gehen. Wer noch einen sehr viel größeren Denkschritt machen mag – die UdSSR als eine im Welt-Kapitalismus unpassende und irgendwie extrem abweichende Erscheinung – auch da wurde durch den kalten Krieg letztlich die Abweichung beseitigt. Um nicht mißverstanden zu werden – diese großen und kleinen Konstruktionen von mytischem Sinnzusammenhang und wirtschaftlich-politischen funktionalen Systemen sind nicht alle irgendwie das Gleiche, so ist es nicht gemeinst. Sondern – sie folgen gleichen Systemgesetzen, weil sie den Baustein Individuum teilen, und weil halt Menschen auf eine bestimmte Weise funktionieren, die wir beschreiben können. Ein US-Präsident oder sonst ein Herrscher, das ist ebenfalls ein solcher Mensch, und genau wie Herr Stoll hat auch der Herr Trump eine Art, sich ein Weltmodell zu bauen und daraus den Sinn und den nächsten logischen Schritt abzuleiten. Worin sich diese Herren wesentlich unterscheiden und wo sie sich gleichen? Die ihnen funktional zur Verfügung stehende Macht. Jeder Mensch ist gefährlich. Übrigens sind als verrückt gelabelte Leute statistisch harmloser als sogenannte normale Leute – aber das nur nebenbei, und es könnte sich aus der Tatsache her ableiten, dass sie in unseren sozialen Systemen wenig funktionale Macht haben (arm und marginalisiert sind). Hm. An dem Punkt komme ich nicht drum herum – alle Reiche der Welt, egal wie groß oder klein, wurden irgendwann durch neue Machtkonstellationen aufgerollt und abgelöst. In der neuen Phase – dem neuen Regime – war dann die alte Welt und alles in dieser unverrückbar für sicher und feststehend geglaubte nur noch abwegiges Zeugs ohne Wert. Der alte Glaube (egal welchen Inhalts) hat im neuen Regime keinen Wert oder Sinn mehr. Regelhaft sammelt sich um alte und überholte Glaubenssysteme ein Widerstand gegen neue staatliche und gesellschaftliche Normen. Der Widerstand, das Festhalten an alten Werten, wird dann vom Regime bekämpft und verfolgt, weil er ein Hindernis auf dem Weg in die neue Zeit darstellt. Jedes neue sozio-ökonomische System hat in der Phase seiner Begründung ein sogenanntes Gründungsverbrechen – namentlich die Zerstörung der Lebensgrundlagen der alten Systeme und ihrer Angehörigen, so dass Überlebende gezwungen sind, sich zu assimilieren. Wer moralisierend daher kommt und meint, solche Dinge wie gewaltsame Veränderungen dürfe es nicht geben, der/die verkennt, wie Geschichte läuft. Ideen wie Demokratie, Aufklärung und Menschenrechte beispielsweise sind nicht das Ergebnis einer Einsicht auf Seiten der Adligen und Könige gewesen. Auch der Nationalsozialismus war nicht Ergebnis einer Einigung der Deutschen darauf, dass sie nun alle einen Führerstaat wollen – sondern wurde gewaltsam durchgesetzt. UdSSR, wurde bereits erwähnt. USA, Israel, das römische Reich, China … es lohnt, sich mal genauer anzusehen, wie sich solche sozioökonomischen Einheiten etablieren und entwickeln. Gleiches gilt für die Entstehung der Weltreligionen. Ich will das nicht zu sehr ausführen, weil stets die Befürworter einer solchen Einheit die eigene Gruppe gegen den Vorwurf verteidigen werden, sich von den anderen bezüglich der eingesetzten Mittel nicht zu unterscheiden. Lieber verweise ich auf das Ingroup-Outgroup-Paradigma und sozialpsychologische Grundlagenforschung. Eigene Gruppe, das sind definitionsgemäß die Guten, die sich nur gegen die anderen (die Bösen) verteidigen. Und falls es nirgends Gute gibt, bin ich halt der einzige Gute (und tue mein eigenes Böses aus mir heraus, indem ich mich zum Opfer der Anderen stilisiere). So funktioniert das ZNS, und natürlich sind das (formal betrachtet) Denkfehler und systemisch betrachtet Mechanismen, die uns als individuelle Wesen stabilisieren (was eine überlebenswichtige Funktion ist, denn wo es mißlingt, folgt Suizid oder dergleichen). So weit, so gut. Vermutlich habe ich nun alle Bögen gespannt und nach Ansicht mancher möglicher Kritiker auch überspannt. Also eine sanfte Landung anstreben, bevor sich jemand weh tut mit umher fliegenden Pfeilen. Wir Menschen, wir sind halt so, und wir können nicht anders sein. Was uns Frieden und Kooperation ermöglicht, ist nicht das Auffinden von Wahrheit, sondern unsere enormen Fähigkeiten, sich völlig widersprechende Dinge gleichzeitig zu glauben und kontextsensitiv anzuwenden in einer From, die sozial passend ist. Der Schlüssel dazu, sich passend zu verhalten, sind unsere Spiegel-Neurone – die uns ermöglichen, den emotionalen Zustand der anderen in uns zu modellieren, also Gefühle nach zu fühlen und daraus Vorhersagen zu generieren. In dem Moment, wo wir eine liebevolle Haltung einnehmen, können wir mit jedem anderen Wesen in eine un-kriegerische Situation gehen, was nicht gerade extrem hungrig ist (erst das Fressen, dann die Moral – daher ist hippiemäßiges Vibrieren kein Schutz vor hungrigen Bären). Auf individueller Ebene ist daher Frieden immer möglich. Was Gruppenprozesse mit großen Zahlen von involvierten menschen angeht, wird dieser Mechanismus vermutlich systematisch überfordert – und genau da bestehen die Herausforderungen hinsichtlich einer globalen Friedensordnung.

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