10. Januar 1970 10:32 Frankfurt am Main

Da kam ich auf diese Welt, soweit dem Geburtsprotokoll zu vertrauen ist. Eben dachte ich mir, ich wollte doch schon lange mal mein Horoskop selbst am PC angucken. Weil meine ‚irrationale Eso-Seite‘ solche Dinge interessant findet. Astrologisch ein Steinbock mit Ascendent Fisch – eine bescheuerte Kombination. Mein Horoskop ziert laut meinem Gedächtnis (kürzlich im Sommer bekam ich pasenderweise 23 Jahre nach meinem 23. Geburtstag noch mal mein Horoskop erklärt) ein fettes Quadrat, mit Kräften, die sich – so habe ich mir erklären lassen – gegenseitig in Schach halten und im Zusammenspiel dafür sorgen, dass ich schillernd-vielversprechend erscheine, aber nicht wirklich was gebacken kriege. Knapp daneben, auch vorbei. Was so etwa meinen Lebenserfahrungen entspricht … insofern nicht abwegig. Vorhin traf ich eine Kommilitonin aus meiner Studienzeit in Gießen – 20 Jahre her, ich war damals schwer verliebt, hab ich ihr auch direkt gesagt, darauf sie, dass sie sich daran nicht erinnert. Hm. War ich direkt grausam, nach Kindern gefragt – erwartungsgemäß keine, schmerzender Punkt getroffen, und ich noch hinterher, mit mir wäre das anders gelaufen. Hab aber auch gelitten damals, da ist so was wohltuend. Die fiese Spitze eingebettet in einem sehr netten Gespräch, mir ist es dann eher danach klar gewesen, und auch wie und wieso. Hatte direkt Lust, mich mit ihr zu treffen, mal reden. Heute ist mir scheinbar so egal, was vor 20 Jahren riesige Kummerberge zu sein schienen. Ich bin so gewachsen, es erscheint mir völlig lächerlich, wie ich mich angestellt habe. Und immer noch ein Idiot. Jetzt halt mit dem aktuellen Kummer (der in ein paar Jahren genau so lächerlich und albern erscheinen wird, aber sag dem das mal, das juckt den einfach nicht). Mag ich eine Frau tatsächlich wieder treffen, die ich vor Jahren mal heiß begehrt habe? Klar. Bloß, früher hatte ich Träume. Heute bin ich lediglich bekloppt, aber ansonsten ziemlich bodenständig. Große Dinge erwarte ich mir von nichts und niemand, mich selbst eingeschlossen. Gegen kleine Dinge allerdings nichts einzuwenden, egal welcher Natur sie sein mögen. Allein aus Gründen der Neugier. Mein Bruder sagte mir neulich mal wieder, er sei ja immer der Papst gewesen, und ich ein schlimmer Finger. So war das wohl. Finde allerdings bisher alles ganz ok, was meine Finger gemacht haben – ich meine, niemanden erschossen oder so. Gewalt, Prügeln, das habe ich in meinem Leben vielleicht fünf Mal erlebt, wobei ich drei Mal Opfer und zwei Mal Täter war. Übergriffig, belästigend, Grenzen verletzend, so dass sich eine Frau über mich beschwert oder mich wegen meiner Reden scheisse findet – das gab es, beschämende Sachen, wenn Alkohol den eingesperrten Affen raus gelassen hat. Schlimm, finde ich. Während den Finger rein stecken, wenn und wo es gefällt, da habe ich kein Problem damit, egal was irgendwelche Leute sagen. Sex ist was Tolles, und nicht schlimm oder schmutzig oder so was. Und Sünde schon gar nicht. Scheiß auf alle Päpste, die es jemals gab und geben wird. Zurück zum Horoskop – zwischen folgenden Polen spannt sich mein Leben auf – da ist ein intelligentes, klares Ding, was sprachlich und verstehend arbeitet. Da ist ein dunkles Ding, was Irrationalität einbringt, Chaos, Anarchie. Lilith. Saeva, wenn ich mich damit identifiziere. Und da ist eine Sexualität, die unterdrückt ist. Was mir schwer fällt – mich sexuell locker machen. Da steht der Saturn. Beides gehört zusammen. Nun fehlt noch ein Pol – den habe ich vergessen. Dank open source Software kein Problem, das sich nicht flott lösen ließe. Hinaus aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, oder so. „Zodiac“. Kostet nichts, ist leicht zu verwenden. Hat mich jetzt 5 Minuten gekostet, das hier zu zaubern:

Jeder Mensch, der zu dieser Zeit auf die Welt kam - das sind sicher einige - teilt nach Ansicht der Astrologen ein Schicksal. Und eine Aufgabe.
Jeder Mensch, der zu dieser Zeit auf die Welt kam – das sind sicher einige – teilt nach Ansicht der Astrologen ein Schicksal. Und eine Aufgabe.

Erster Erkenntnisgewinn – hier ist das Quadrat gar keins, auch Saturn steht anders – möglich, ich hab‘ es direkt falsch gemacht. Wäre mir zuzutrauen. Auch komisch – bis eben dachte ich, ich sei an einem Sonntag geboren. So erzählt das Mutter, und die hat immer recht. Andererseits sagt der Computer, es war ein Samstag. Nu‘, wen soll das stören? Auf der Welt bin ich nun mal, wann und wie, Samstag oder Sonntag, egal. Der ‚vergessene‘ Gegenpol liegt im Äußeren, im Skorpion. Die beiden Menschen, von denen ich die schwierigsten Lektionen bekommen habe, sind mein Bruder und mein Sohn. Um das mal so auszudrücken – es gibt Situationen, wo wir emotional ziemlich aneinander geraten. „Weil du deinen Schatten nicht siehst“, sagt meine Eso-Freundin. Hat sie recht – wie derbe egozentrisch ich bin, fällt mir erst auf, wenn es jemand hart kontert und ich dann unangemessen reagiere. Und wie verletzlich ich bin, fällt mir auf, wenn jemand meine Schwächen mit sichtlichem Lustgewinn ausnutzt. Ein gutes Maß für Härte und Barmherzigkeit, sicher wäre das genial. Ich bin entweder sehr hart (selten) oder sehr weich, und wechsele abrupt, wenn es nicht paßt. So ein Verhalten sei mit Kindern nicht gut, weil sie geduldig und konsequent Grenzen aufgezeigt bekommen wollen würden, sagt die Lehrmeinung der Mütter. Und es stimmt. Mein Sohn testet Grenzen. Es braucht Geduld, damit umzugehen. Vor allem ’sinnlose‘ Regeln sind meiner Meinung nach schlicht nicht aufrecht zu erhalten – und das sind die meisten. Dominanz und Unterordnung, was als Erziehung verkauft wird. Etwas Sadistisches. Völlig anders sehe ich die Geschichte mit den Konsequenzen – die soll es geben, klare und deutliche Reaktionen auf klar markierte Verhaltensweisen, damit Zusammenhänge lernbar sind. Was ich gut finde, was ich unakzeptabel finde, das sind Dinge, die mein Kind wissen will – ich muss ihn nicht zwingen. Er erkundigt sich von selbst. Anders mit Verhalten, was er ausführen soll, aber nicht mag – da sind Eltern angeblich ständig in der Pflicht, das Kind zu scheuchen – anziehen, Bahn kriegen, Ranzen packen — aber auch da finde ich, es ist bloß unsere Aufgabe, anzuleiten und Erwartungen zu äußern (wenn wir welche haben). Befehl und Gehorsam sind Strukturen für Soldaten, nicht für kleine Menschen. Andererseits mein Schatten – ich setze Zeit meines Lebens große Hoffnung auf gewinnbringende Partnerschaften, aber meine – mutmaßlich guten – Ideen beißen sich mit meiner asozialen Egozentrik und meinen dunklen Strebungen, was diese Unternehmung immer wieder wenig vorhersagbar torpediert. Andere Leute reagieren auf meine schrägen Seiten mit Ärger oder Rückzug, oder ich verliere plötzlich den Kontakt mit der Wirklichkeit anderer Leute. Ich mache letztlich dann kaputt, was mir am Herzen liegt, und werfe das den anderen vor. Ergebnis: Ein einsames Hundeleben, traurig bisweilen. Selbst dran schuld. Lerne ich halt, es besser zu machen. Offen damit umgehen. Schuld, Scham, Sünde. Ein Komplex. mea culpa, mea maxima culpa. Kann wirklich jemand die Menschen lieben? Früher hätte ich gesagt, nein, nur wer dumm ist und blind, kriegt das vielleicht hin. Heute finde ich es schwer, mir vorzustellen, wie wie jemand die Menschen nicht lieben kann. Klar, manche sind manchmal scheußlich, und ich mache auch mal Kurz-Urlaub in den Misanthropen, wenn mir danach ist – aber insgesamt sind Menschen toll, wie sie aus allem irgendwie was machen. Wie sie sich alle mühen und sorgen und machen und tun, und um ihre existentielle Not drum rum leben. Auch irgendwie drollig. Was nicht ausschließt, das die gleichen Leute brandgefährlich sein können, es sind ja Menschen, und das bedeutet – auch, nicht nur – gefährlichstes Raubtier des Planeten. Jeder von uns hat durch sein Gehirn alle Möglichkeiten, und diese Freiheit macht Menschen so besonders gegenüber den anderen Tieren. Das Hirn wirft aber auch diese Fragen auf, die Tiere möglicherweise so nicht stellen – wozu, weshalb, warum? Und auf dem Weg zur Klärung müssen Fehler gemacht werden. Das Scheitern gehört absolut dazu.

Wissenschaft. Mond im Wassermann. Dinge sind nicht sicher, eher im Gegenteil ist einzig sicher, dass sie vorläufig sind. Wir wissen nichts, wir arbeiten dran und haben Hypothesen dazu, aus denen wir Theorien bauen, und wenn die gut sind, funktionieren ihre Anwendungen tatsächlich. Ist aber auch möglich, dass wir in einem Elfenbeinturm die dunklen Jahrhunderte überwintern wollen würden, ließe man uns denn. Und meine bewußteste ‚unbewußte‘ Strebung ist die meiner Seele nach der großen Verbindung. Mars in den Fischen, ein Pazifist. Das beißt sich mit meiner Überzeugung, dass ein Kampf nötig ist, um die Welt gerecht zu machen – seit ich denken kann, war ich dafür, dass es weniger militärische Gewalt in der Welt geben sollte (keinesfalls mehr). Und das Menschen töten falsch ist. Heute denke ich, es ist noch mal anders. Der andere bist du, daher ist ihn töten sicher für beide Seiten ein Verlust und völlig sinnlos. Ficken sehr viel besser, oder Faustkampf.

Es folgt eine Abschweifung. Diese ganze Geschichte mit den Fernwaffen ist doch ehrlos, zudem. Aber halt teuflisch wirksam. Wie widerlich überhaupt das ganze Spektakel rund um das Blutvergießen von Männern ist. Aber eben auch archaisch-attraktiv. Die Lobhudelei, die Verklärung, die mit den erfolgreichen Mördern früherer Zeit betrieben wird – Könige, Fürsten, Päpste – alles nette Leute, war da was? Auch das scheußlich geschichtsvergessen. Identifikation mit dem Aggressor, so wie die Nationalisten – schreien „wir sind das Volk“ und wollen „im Namen des Volkes“ die Todesstrafe wieder haben. „Gegen Kinderschänder und Drogendealer“. Die Obernazis dann selbst vermutlich mißbrauchte Kinder und auch selbst „Kinderficker“ und vorbestrafte Koks-Dealer, und auch sonst zumeist genau das, was sie angeblich ablehnen. „Volksverräter“ rufen und V-Mann sein. Überhaupt, die Probleme mit dem Mann-Sein, das wäre wohl ein eigenes Thema wert. Ende der Abschweifung.

Wer bis hierher gelesen hat und mir zu dem Horoskop was sagen kann, möge gerne einen Kommentar hinterlassen oder mich per facebook kontaktieren.

Steinböcke werden oft Politiker, zum Beispiel Peer Steinbrück hat am gleichen Tag (aber anderes Jahr) Geburtstag wie ich. Und andere Leute auch, darunter (Auflistung einer Chronik-Website):

POLITIKER (67), FUSSBALLSPIELER (57), SCHAUSPIELER (35), SCHRIFTSTELLER (13), EISHOCKEYSPIELER (10), MALER (9), SÄNGER (9), PHYSIKER (9), RADRENNFAHRER (7), KOMPONIST (6), LEICHTATHLET (6), JOURNALIST (6), FILMREGISSEUR (6), MUSIKER (5), REGISSEUR (5), AUTOR (5), DREHBUCHAUTOR (5), MATHEMATIKER (4), UNTERNEHMER (4), ARCHITEKT (3), ERFINDER (3), PRÄSIDENT (2), KÜNSTLER (1),KÖNIG (0), DIKTATOR (0), KRIEGSVERBRECHER (0)

Auch eine schöne Art, das aufzufächern. Gegen Könige, Diktatoren und Kriegsverbrecher hab‘ ich was. Sport nicht meins wegen Brille, eher Sprachen als Mathe. Statistik liebe ich, aber das ist nicht das Gleiche wie dieses Algebra-Zeugs, was ich nie kapiert habe. Angeblich hat Isaak Newton die Statistik betrieben, um damit die Astrologie zu überprüfen (so habe ich das mal gelesen). Ansonsten die Berufsliste, alle für mich Sachen, die mir gefallen. Ich würde gerne schauen, ob es eine gute Korrelation gibt zwischen dem, was Horoskope angeblich sagen, und solchen Daten über Leute und Berufe. Vermutlich landet eine solche Korrelation bei Zufallsniveau. Wieso prüft das nicht mal jemand – heutzutage mit big data wäre das doch easy zu machen, aber die Hautanwendung – das matching von Paaren, da beißt sich die entsprechende Dienstleistungsindustrie an passenden Algorithmen die Zähne aus. Wäre doch toll, wenn Astrologie stimmen täte. Dann könnte ein Programm geeignete Partner sofort identifizieren. Oder dir eben sagen: Du bist nicht der Typ für Partnerschaften. Nun. Heute eine Abhandlung von Futuristen gelesen, da ging es drum, wie Beziehungen gestaltet werden in einer fluiden Welt ohne die Zumutung von Bindungserwartungen, wie sie die Stammesgeschichte evolutionär angelegt hat (die transhumanistischen Futuristen sehen das als eine zu überwindende Barriere auf dem Weg zu einem anderen Leben). Und dachte sofort, na Alter, läuft nicht bei dir. Schön, wenn es anderen schlecht geht, und sie daraus etwas so Wunderbares erschaffen wie eine vorgestellte paradisische Zukunft. Da geht es mir doch gleich besser. Und ich sollte die Studienkollegin wirklich mal kontaktieren. Bei Gelegenheit. Seit der Lerngruppe fürs Vordiplom ist ja doch ein wenig Zeit vergangen. Wie einfach das war, sie anzusprechen, und wie schüchtern ich mal gewesen bin. Witzig.

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