Macht, Gewalt und Schmerz (Erziehung)

Viele Leute haben ein gespaltenes Verhältnis zu Gewalt. Ich auch. Macht und Gewalt, das ist letztlich das Gleiche.

Die beste Definition, die mir bisher unterkam: Macht ist die Fähigkeit, Schmerz zuzufügen. Findet sich bei Orwell im visionären Buch 1984 (was absolut alle Menschen gelesen haben sollten – denn es beschreibt exakt das, was gerade weltweit passiert). Die Definition von Macht als Fähigkeit, Schmerz zuzufügen, findet sich im Rahmen der Handlung dort, wo der Protagonist des Buches in der Folterkammer mißhandelt wird – namentlich dem Raum 101, wo alle Menschen auf das treffen, was sie am meisten fürchten.

Ziel von offener Gewalt ist es zumeist, sich überflüssig zu machen durch eine schmerzhafte Lernerfahrung. Danach hat das Gewaltopfer gelernt – ich kriege auf die Fresse, wenn ich mich nicht unterordne.

Diese Form von Gewalt – regelhaft praktiziert vom Gewaltmonopolisten – finden wir gleichzeitig schlecht und bejahen sie als Notwendigkeit.

Gewöhnlich werden wir uns der Widersprüche in uns selbst (nicht nur bezogen auf Gewalt) kaum bis gar nicht bewußt, weil unser Gehirn nach dem Prinzip arbeitet, Widersprüchlichkeit und daraus resultierende unangenehme Spannungszustände zu vermeiden und zu reduzieren. Angestrebt wird eine Balance, ein ausgeglichener Zustand, ein positives Selbstbild.

Wir wären gerne gut, und weil wir es nicht sind, schieben wir die unguten Anteile weg und verschieben sie auf andere – auf ein böses Außen, auf Fremde, auf Feinde etc.

Dieses Prinzip wurde unter vielen Namen in der Psychologie ausgeleuchtet.

Die unangenehme Spannung heißt zum Beispiel in der wissenschaftlichen Psychologie kognitive Dissonanz. Gut belegt – das Hirn will diese Dissonanz reduzieren. Wenn das gelingt, stellt sich eine Erleichterung ein, die als belohnend und angenehm erlebt wird. Deswegen ist es eine Entlastung, wenn ein Feindbild angenommen wird. Die Bösen sind die anderen.

Nun bleibt es nicht aus, dass im Leben Situationen der Konkurrenz und der Feindschaft auftreten. „Mein Schäufelchen – nein, meins!“.

Für beide Individuen ist natürlich das eigene Fühlen und Denken zugänglich, dass der anderen Person dagegen wird im Kopf simuliert auf der Basis von Vermutungen und Erwartungen. Es folgt eine Abwägung – kann ich mich hier durchsetzen? Was wird passieren? Und es passieren frühe Lernerfahrungen, die das ganze Leben prägen. Bin ich stark oder schwach? Bin ich im Recht oder im Unrecht? Bin ich geschützt – jemand hilft, wenn meine Rechte verletzt werden – oder bin ich hilflos ausgeliefert? Aus diesen Mustern, die sich in der Kindheit etablieren, kommen wir später nie wieder wirklich raus, jedenfalls nicht, was die Gefühle angeht.

Niemand ist gerne Opfer, wenn es um Gewalt geht. Macht erfolgreich ausüben – das ist schön. Aber es wird auch bestraft (sanktioniert), wenn die Gewalt gegen die Regeln ist.

Hier beginnt die Zerrissenheit. Kindern wird im Kindergarten gesagt: Du darfst nicht schlagen. Das ist eine Regel, und die wird mit Macht durchgesetzt. Bloß – was sie auch lernen MÜSSEN – wenn du dich nicht mit Gewalt behauptest, bist du verloren, denn die Erwachsenen sind nicht immer da als Schutz und Sicherheit, und andere Kinder sind zum Beispiel vom Temperament her sehr viel weniger regel-konform, nutzen Schläge also freimütig. Also wird vom kind erwartet, zu lernen, wann es mit wie viel oder wie wenig Gewalt wie gut durch kommt.

Und der Aspekt, den wir gerne nicht sehen wollen: Die Erzieherinnen verwenden andauernd Gewalt, sie strafen psychisch und physisch – was gerne abgeleugnet wird, aber mein Sohn hat es mir berichtet – zwicken, boxen, schmerzhaft fest greifen, herumziehen, einsperren, anschreien, beschämen, ausgrenzen, schikanieren, gezielt nicht helfen bei Situationen der Hilfsbedürftigkeit wie dem Klo-Gang etc. Vorschule, Schule, da ist es ähnlich.

Und natürlich verwenden Eltern viele Formen von Gewalt und Machtausübung. Erziehung ist leider nicht nur Lernen am Model (gutes Vorbild bzw. schlechtes Vorbild), sondern regelhaft ist sie gewaltförmig.

Wie sollte das auch anders sein? Einem Kind kannst du nicht argumentativ begründen, warum es besser sein soll, in die Kita zu gehen, als zuhause zu spielen. Wenn es nicht will, aber du zur Arbeit musst – dann zwingst du dein Kind, eben weil du selbst auch unter Zwang (Zeitdruck, Arbeitszwang, sogenannte Verantwortung) stehst.

Während ich das schreibe, höre ich eine Nachbarin im Treppenhaus, wie sie ihr Kind anschreit und zurechtweist. Es tut mir weh, und das Kind und die Mutter tun mir leid.

Eltern können nur sehr bedingt etwas dafür. Sie machen das ja nicht gerne. Sage ich was dazu, wenn ich so etwas sehe wie Mutter schlägt Kind, dann gibt es eine zornige aggressive Abwehr, die klar das zugrunde liegende Schuldgefühl offenbart.

Ein häufig vorgebrachtes Pseudo-Argument in diesem Zusammenhang: Ich schlage nicht. Also erziehe ich gewaltfrei. Damit fühlen sich Mittelklasse-Eltern den Proleten aus der Unterschicht moralisch überlegen. Leider stimmt das nicht.

Es ist wissenschaftlich sehr gut belegt, dass die FORM der Gewalt keine Rolle spielt für ein Gehirn. Der Schmerz – und damit die bleibende Programmierung, der psychische Schaden, das Trauma – ist genau gleich, egal ob psychisch, physisch oder beide Formen der Gewalt eingesetzt werden. Wer schreit, schimpft, psychisch Machtmittel benutzt, ist nicht gewaltfrei.

Möglicherweise – aber das wird sicher mißverstanden, trotzdem schreibe ich den Gedanken auf – ist eine Bestrafung physisch besser, denn sie ist ein körperlicher Kontakt von kurzer Dauer. Hintergrund: Strafe nutzt nur, wenn sie unmittelbar dem zu strafenden Verhalten zeitlich folgt. Sie muss eindeutig sein – weil sonst das Gehirn alle Verhaltensweisen hemmt, die rund um die Bestrafung aufgetreten sind. Strafe darf auch nur selten erfolgen, sonst passiert Gewöhnung, und die Strafe wird wirkungslos. Deswegen ist Schimpfen oft so dermaßen ohne Effekt. Auch wichtig zu wissen: Ein Teil der Menschen reagiert ÜBERHAUPT NICHT auf Bestrafung, egal wie hart. Und alle Menschen lernen nur dann wirklich etwas, wenn es Belohnung gibt – nur dadurch wird aktives Verhalten langfristig und beständig geprägt. Passivität (Angst, letztlich Depression) dagegen wird durch psychische Mißhandlungen gebahnt.

Nach diesem Ausflug in die Grundlagen der Psychologie kurz rekapituliert: Die Standardeinstellungen – was Leute sagen, dass sie für richtig halten. Es geht jeweils um Macht und Gewalt.

  1. Gewalt – definiert als verletzen, schlagen, töten – ist moralisch falsch.
  2. Kinder müssen Regeln lernen durch Erziehung. Man mus sie zwingen.
  3. Man darf und muss sich selbst behaupten. Das müssen Kinder lernen. Sie dürfen sich aber nur gegen andere auf gleicher oder niederer Hierarchie-Ebene durchsetzen – nicht etwa gegen Erwachsene.
  4. Ohne Staat und Polizei könnte eine Gesellschaft nicht existieren. Sie schützen die Institutionen Familie, Schule, Arbeitsplatz, Privateigentum etc.

Und noch mal der Hinweis – bei den meisten Konflikten geht es um wem gehört was und wer darf bestimmen.

Das ist deswegen wichtig, weil es die gesellschaftliche Dimension aufzeigt. Eigentum und Machtverhältnisse sind in unserer Gesellschaft ja weder zufällig noch durch eine gemeinsame Übereinkunft (Konsens) bestimmt. Sondern es haben welche Besitz, weil sie aus einer Familie mit Besitz kommen. Kinder haben, was Eltern ihnen geben (können). Und es haben welche Macht, weil sie in sozialen Rollen sind, die letztlich die vorher Mächtigen (der Staat und die Besitzenden) definiert und als Posten an von ihnen ausgewählte Personen vergeben haben.

Nun der Kernpunkt meiner Ausführung: Überall ist Gewalt. Die von oben nach unten wird für legitim erklärt, die von unten nach oben wird bestraft und kriminalisiert. Alle sind Opfer von Gewalt, und alle sind Täter. Was jeden Tag passiert, verletzt uns alle. Die Kinder heute tun es morgen ihren Kumpels und in der Zukunft den eigenen Kindern an. Und wir sind die Kinder von neulich, denen Gewalt angetan wurde.

Wofür das alles? Weil wir nicht frei sind, sondern arbeiten und profitabel sein müssen. Nennt sich Kapitalismus. Die Zurichtung von Menschen auf diesen Zweck bedingt die enorme verdeckte Gewalt in der Gesellschaft. Je mehr Konkurrenz, umso härter die Zurichtung. Das Spiel Alle gegen Alle ist kein Spiel, sondern es macht uns alle kaputt.

 

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Verneige dich vor deinen Eltern (als Akt der Selbstliebe)

Denn sie haben einiges dafür getan, dass du da bist und so, wie du heute bist.

Nicht meine Idee – sondern: Ich traf kurz nach 01:00 Uhr beim Heimkommen von ausgedehnter Radtour nach getaner Arbeit aus der Innenstadt daheim ein, mit lauter Taschen und Schlepperei, treffe im Hausflur meinen Vermieter, der ein schlecht verkleideter Bodhisattva ist.

Habe dem gesagt, was auch immer meine bekloppte Mutter ihm gesagt hat – sie hat alle möglichen Leute angerufen, weil sie meinte, ihre „Sorge“ berechtige sie dazu – bei mir alles ok.

Er hat sich na klar nicht beunruhigt, meinte dann, alle Eltern sind bekloppt, so ist das nun mal. Stimmt, ich bin auch Elter, und bekloppt, bloß halt anders als Mom.

Richtig ist: Sie haben einiges getan. Ist viel Arbeit, Elter zu sein. Und schwierig. Und teuer. Und trotzdem – ich könnte kotzen bei der Vorstellung, dass ich dankbar sein MUSS.

Muss einer auch erst mal einfallen, zuerst drei Wochen lang nie ans Telefon zu gehen, wenn ich anrufe, sondern meinen geistig nicht so wirklich auf diesem Planeten weilenden Vater dran zu schicken … und dann nach drei Tagen, die ich offline bin – Radtour gemacht, Handy verloren, gestern Nacht glücklicherweise wieder gefunden – sich Sorgen um mich zu machen.

Bullshit. Ich habe bloß nicht wie der dressierte Affe angerufen zum Geburtstag – that’s all. Zumal der Double-Bind – 1) ruf nicht an, aber 2) wehe du rufst nicht an – hier perfekt inszeniert ist. So ein krankes Hinkel.

Ich versuche alles, um den mörderischen Schmerz zu verarbeiten, den es gemacht hat, dass meine Ex mir meinen Sohn entzieht, speziell: Das letzte Treffen am 7. 3. 2017 kurz vorher per SMS abgesagt; ich sei ihrer Ansicht nach nicht stabil genug – da kann ich nur sagen [ … Bitte hier übelste Flüche, Beschimpfungen, Verwünschungen etc. einfügen nach Gusto, dann mal 1000 nehmen, und das ist nicht genug …]. Möglichst, ohne eine totale Krise zu kriegen und komplett vor die Hunde zu gehen. Braucht harte Maßnahmen, ich habe sehr heftig um Balance ringen dürfen.

Und Mutter? Sie schickt mir per Mail Bilder von

a) lieblichen Blumen (die es, wo ich lebe, nirgends gibt; hier ist nur Beton)

b) Bilder von meinen geliebten und schon Jahre toten Hunden (und ich kann hier keinen Hund haben, was mich ständig schmerzt)

sowie

c) Bilder von mir und meinem Sohn bei mir, wie ich ihm vorlese und wir zusammen lachen (wo klar ist – meine Ex hat einen sadistischen Spaß daran, dass es nie wieder so werden wird; das kann ich daher vergessen).

Bisher nicht ein tröstendes Wort von ihr gehört, nur Bullshit und Gejammer. Und vor so jemand soll ich … mich verneigen? Salz auf die Wunden, immer eine feine Sache. Weil, ich leide ja sonst nicht genug. Danke sehr.

Danke, dass du mich so hart gemacht hast, wie ich heute bin.

Danke, dass du mich so gemacht hast, dass ich keine Beziehungen haben kann.

Danke, dass du mich weiter mit deinem Schwachsinn traktierst, aber bisher nicht einmal auch nur ansatzweise zur Kenntnis genommen und irgendwie Verständnis für die ausführlich ausgebreitete Darlegung von was bei uns als Familie schief gelaufen ist gezeigt hast.

Durch dich habe ich gelernt: Verständnis, das ist was für Weicheier – immer Recht haben ist der Weg nach vorne.

Ich habe auch gelernt: Ich habe immer Unrecht (wenn Mutter in der Nähe ist). Und: Falsch ist richtig. Böse ist das neue Gut. Von Allem ist immer genau das Gegenteil wahr. 

So wurde ich der antagonistische Kotzbrocken, der ich heute bin, und das ist auch der Grund, weswegen ich mich und alle anderen so dermaßen liebe …

Danke auch, dass du deinen Mißbrauch so schön instrumentalisiert hast und damit mich seelisch zu einem Krüppel gemacht hast. Hätte ich ohne deine Hilfe wohl kaum so gut hin gekriegt.

Ich wußte genau, warum ich NIEMALS Kinder machen wollte – weil niemand so ein Leben verdient, und weil mir klar war, ich kriege das nicht mehr aus mir heraus.

Deswegen bin ich auch nicht Lehrer und Beamter (oder sonst irgendwas bürgerliches) geworden, weil:

Irgendwann meinte meine Freundin, ich träte ja in die Fußstapfen meiner Eltern, sie fände das gut. Und weil sie zwar nicht sonderlich helle war, aber hier in diesem Punkt emotional genau getroffen hatte, habe ich das sofort korrigiert und abgebrochen. Bin dann Punk und Hausbesetzer geworden, und seit dem gegen alles. Kann man pubertär finden; in dem Fall ist es wohl eine etwas längere Phase (nun 27 Jahre) und ich kann froh sein, dass das mit den Pickeln sich nach 21 gelegt hat 😉

Der Sohn, das ist passiert, und es war wunderschön, ich bin sehr gerne Vater (eigentlich Mutter), und wegen ihm habe ich sogar versucht, normal und Spießer zu werden (was nicht ging) und nach 6 Jahren war es auch vorbei mit 50:50, noch 3 Jahre drum gekämpft, ihn sehen und mitkriegen zu dürfen — aber heute: Kapitulation. Ich kann ihn nicht schützen vor seiner Mom, die genau so eine […] ist. Und ich nutze ihm nix. So, wie mein Vater nicht schützen konnte (tatsächlich ist er Komplize) und statt dessen halt in einer Anderwelt lebt.

History repeats itself. So ist das nun mal. Tata. Hier noch eine super tiefe Verbeugung.

 

 

 

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