Sich nehmen dürfen, was man braucht

Kardinal Frings und seine Silvester-Worte 1946, als Kohle klauen in Deutschland notwendig war, um zu überleben:

Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann.

Christliche Soziallehre, ein Thema für sich. Wann war das je anders, wann war der Selbsterhalt je Sünde — „Stehlen“, das ist ja ein soziales Urteil darüber, wer was wie benutzen darf. Christlich gedacht: Alles gehört Gott, die Menschen sind Nutznießer und Gestalter dieser Welt, aber sie sind niemals auf Dauer die Eigentümer, auch wenn dem Kaiser zu geben ist, was des Kaisers ist, wie Jesus das formuliert. „In den Häusern der Reichen liegt das geraubte Gut der Armen“ (Jesaja), diese Kritik ist direkt von Gott durch die Propheten formuliert worden. Die Umverteilung von der Allmende (alles gehört allen zur gemeinsamen Nutzung) hin zu dem Zustand von „1% besitzen praktisch alle Eigentumsrechte“ – das System startet mit Privatisierung – die sogenannte „ursprüngliche Akkumulation“ als Grundlage für Besitz, Eigentum und erbliche Macht ist nichts anderes als Diebstahl an der Allgemeinheit, und der Prozess der Verwandlung von ALLEM in Ware macht vor nichts und niemandem halt. Ein Mensch, das ist in absehbarer Zukunft ein zahlender Nutzer der Systemleistung „Atemluft“ des privatisierten Bio-Systems Wald – wer nicht zahlt, soll auch nicht atmen – schöne, neue Welt. Privatisierung ist Diebstahl an der Allgemeinheit, allgemeiner formuliert: Eigentum ist Diebstahl. Schön am Imperialismus bzw. Kapitalismus, raubtierhafte mörderische Gewalt bei der Aneignung von Allgemeingut – Öl, Gas, Bodenschätze, Natur, Land – und Sklaverei in der Produktion – es wird zwangsläufig da produziert, wo die jeweilige Arbeitsleistung am Billigsten gekauft werden kann – sowie die Kriege, um Kontrolle über die Politik (und damit die Beuteverteilung) zu erhalten … all das ist durch die Kette von mit Geldtransfers verknüpften Interaktionen schön sauber getrennt vom Verbraucher, das liegt nicht in unserer Verantwortung (gemeint ist: Dafür zieht uns niemand juristisch erfolgreich zur Verantwortung, wir dürfen das). Niemand ist je verantwortlich für die Greul, die das Wachstum erforderlich macht. Und niemand will zugeben, dass es eigentlich absurd ist, wie wir mit dem Planeten umgehen, ein Paradies könnte das sein, und wir machen die Hölle daraus. Ob es legitim ist, zum Überleben auch Dinge zu nehmen, die einem nicht gehören — wenn es anders nicht geht, stellt sich die Frage nicht. So wie Flucht – es ist legitim, das eigene Leben durch Bewegung weg von Krieg und Not zu sichern — und nicht illegal in einem Staat, der die Menschenrechte anerkennt. Praktisch ist da vieles im Argen, weil das Eigentum nicht gut geregelt ist (gut im Sinne von ‚wirkt sich positiv aus auf das planetare Gemeinwohl‘). Ich bin gespannt, ob eines Tages da mal global bessere Regeln installiert werden. Und von wem. Na, lassen wir das. Es geht mir gerade um Politik auf der Basis von Werten (Religion).

Gefordert gehört: Alles für Alle, und zwar sofort! Jeder andere Zustand ist ungleich, diskriminierend, verletzt die Menschenwürde: Ich darf das, du nicht, weil. Und wieso nicht, das ist ganz willkürlich. Weil schwarz, Frau, Untermensch. Genauer hin geschaut, die letztliche Begründung von Macht ist stets physische Gewalt, das Recht des Stärkeren. Wenn du nicht folgst, dann passiert was. Perfide am System, wie es heute daher kommt: Die Identifikation mit dem Aggressor ist weit voran geschritten, jeder ein Unternehmer, alle Interaktionen hierarchisch strukturiert, die Strukturen der Ungerechtigkeit sind selbstverständlich und unhinterfragbar.

Natürlich gibt es Reiche und Arme, das war schon immer so. Natürlich werden Menschen eingesperrt. Natürlich geht es nicht gerecht zu in der Welt. Kind, gewöhn‘ dich daran. Nichts daran ist natürlich, nur so nebenbei.

Wie extrem es ist, wissen die Menschen nicht, und wollen es auch nicht sehen. Sie wollen – wenn die ersten Hürden auf dem Weg zu moralischer Flexibilität gemeistert wurden, was ich nicht so recht gepackt zu haben scheine – lieber selbst reich werden, die Seiten tauschen (falls es ihnen dämmert, dass es da Seiten gibt), einmal am längeren Hebel sein. Sowieso erstmal durch kommen. Erst das Fressen, dann die Moral. Stimmt. Bloß, auch dann ist Moral was für die anderen. Der Ehrliche ist der Dumme. Drum ist niemand ehrlich. Sich nicht mehr zu nehmen, als einer auch braucht, und damit verantwortlich umzugehen – das ist für mich moralisch angemessenes Handeln. Karma-technisch gar nicht dumm.

Eigentum verpflichtet, wenn man das Ernst nimmt, ich meine es kommt dabei vielleicht und idealerweise eine Art Indianer-Kommunismus-Hippie-Anarchie raus:

  1. es wird der Einzelne in Zukunft ausnahmslos nicht mehr als das nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig braucht und was er gerade benutzt, um seine Arbeit auszuführen – jedem nach seinen Bedürfnissen
  2. es wird der Einzelne in Zukunft das tun dürfen, was er kann – jeder nach seinen Fähigkeiten – und aus sich heraus notwendig tun muss – jeder nach seiner Eigenart
  3. es wird sich alles danach richten, wie Leben in Liebe und Frieden gelingen kann

Soweit meine Predigt für heute 😉

Vielleicht noch, wieso „Liebe“ und „Frieden“? Wenn Verteilungskämpfe zwecklos sind, weil alles perfekt und dynamisch verteilt ist und alle mehr als genug haben, stellt sich Zufriedenheit ein, theoretisch. Krieg lohnt sich dann nicht. Muss mensch also mit Frieden klar kommen. Ob das angenehm ist, sei dahin gestellt. Da kommt Liebe, also das gemeinsame Projekt, die Verbindung zu allem anderen, ins Spiel. Das Leben ist schön durch Glück, und Glück ist ein soziales Erlebnis. Die Frage nach dem Brutto-Sozial-Glück dreht sich um Wohlstand, Liebe, Frieden und Selbstverwirklichung.

Alle anderen Fragen sind technisch lösbar – nicht aber die Sinnfrage. Da ist logischerweise das Gefühl gefragt, um eine befriedigende Antwort zu gestalten. Objektiv ist da nichts festgelegt, wie Dinge zu tun sind, wohl aber, was zu suchen wäre. Die Bedürfnis-Pyramide, Motivation, Wille.

Download PDF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.