Wohne lieber ungewöhnlich

Irgendwann habe ich mal gedacht, wenn ich groß bin, dann lebe ich in einer Villa. Dann stellte sich heraus, not so.

Auf das Wesentliche reduzieren - ein Selbstversuch
Auf das Wesentliche reduzieren – ein Selbstversuch

Über die Jahre ist es verschiedenen Umständen geschuldet dazu gekommen, das meine Behausung immer kleiner wurde, während ich recht erfolgreich tolle Sachen gesammelt habe. Mehrere Krisen hatten damit zu tun, dass ich meinen Berg von Besitztümern nicht einfach beamen kann, mich andererseits in meiner Vorstellung erst mein Ableben legitim von meinem Eigentum trennen kann, wenn ich dem nicht zustimme. Eigentum ist ein Grundrecht, und ich bin zwanghaft materiell (im gesetzlich gestatteten Rahmen, selbstverständlich).

Literaturhinweis: Max Stirner, „Der Einzige und sein Eigentum“. Wer keiner größeren Sache dient, sei selbst ein Nichts, so wurde Stirner begegnet. Und das höre ich ebenfalls oft. Seine Entgegnung ist klar und einfach:

„Ich bin [nicht] Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem Ich selbst als Schöpfer alles schaffe.“

Er hätte auch sagen können, „Ich bin der Gott meiner eigenen Welt, und das hier ist mein Kram. Geh da dran und es gibt Ärger.“ Nicht schön vielleicht, absurd und existentialistisch alle Mal und ganz bestimmt, keine vernünftige und auf Kompromisse bedachte Haltung, und man kann das übertreiben, dann endet man als querulatorischer Reichsbürger oder dergleichen — aber so funktioniere ich eben auch ein Stück weit, ich kann das nachvollziehen, ich mache meinen Kram für mich allein – und das ist auch ganz allein meine Sache. not so. Es gibt soziale Grenzen – nicht die anderen stören und gefährden. Messies überschreiten gelegentlich die Grenze, was dann zu Kündigung führen kann – unsachgemäße Nutzung ist untersagt, genau wie natürlich entstehende bzw. gesteigerte Gefahr von Brand oder Wasserschaden durch zu-viel-Zeugs und ungenehmigte Einbauten wie Hochbetten und dergleichen. Maniker überschreiten Grenzen sowieso, im Grunde definiert genau das die Manie und die sozial unakzeptable Psychose. Das Tollhaus als frühe Form der Psychiatrie war ja dazu gedacht, die Angehörigen von Aufsicht und Pflege zu befreien gegen Geld. Damit die in Ruhe arbeiten gehen können und auch sonst ungestört leben, was ja auch fein ist. Andererseits, auch Verrückte haben ihre Nischen, wenn sie sich benehmen, auf sich gut Acht geben und nicht zu grob gegen die goldene Regel – safe, sane, consensual – verstoßen. Solche werden dann gemeinhin Künstler genannt, also die eher harmlosen Verrückten. Deren besserer Teil sogar Dinge von kulturellem Wert zu schöpfen vermag. Ich hab mich ja als Professor gewähnt, früher. Universitätskarriere aber nicht mein Ding, Karriere generell verträgt sich nicht mit meinen grundlegenden Mustern. Als Künstler würde ich mich ungern bezeichnet sehen, das machen schon mein Vater und mein Bruder. 21st century schizoid mess, na klar. Bipolar II. Früher hieß das manisch-depressiv. Also affektiv gestört, was bedeutet, dass jemand sensibel ist und heftig reagiert auf Veränderungen; das Gefühle nicht so brav und stetig sind wie bei anderen Menschen, sondern eben tiefe Verzweifelung und verrückte Höhenflüge mit funktionalen Phasen abwechseln. Irgendwie besteht das Leben dann aus einer Art von Perlenkette, und die Perlen sind die einzelnen Krisen (oder die Phasen dazwischen … und die Übergänge wären die Krisen … egal) – jedenfalls nach der Krise ist vor der Krise, was bei normalen Leuten eben so nicht läuft. Gesunde Menschen sind die, die mit dem um sich rum gut klar kommen, strukturiert leben, angemessen funktionieren und nicht weiter auffallen. Die Auffälligen sind anderes, krank. Und der Schmerz kann zu vielem werden, im günstigsten Fall zu einem sinnvollen Verarbeitungsprodukt, einem Werk. Kunst als Prozess der Verarbeitung von intensiver Erfahrung – insbesondere von Schmerz – lebt davon, dass da ein Herz und eine Seele sind, there has got to be passion. Der Gegensatz zu there is no room for ideals in this mechanical place. Was darauf hinweist, das Schmerz durch ideals (stark emotional besetzte unzutreffende Annahmen, also letztlich Irrtum wenn Erwartung enttäuscht bzw. Abweichung vom Ideal generell – etwas glauben, was sich als falsch herausstellt – und Ideologie – glauben, das man weiß, wie es sein soll) entsteht. Beides Zitate aus Anne Clarke – Our Darkness. Ich argumentiere mit Musik, weil ich diese für eine Fortschreibung der fortgesetzten Offenbarung Gottes halte, btw. In meiner Kirche sind Musikstücke Predigten, präziser formuliert Psalme. Wer es untheologischer mag, words of wisdom. So habe ich immer aufgelegt – mit Musikstücken, die sehr an ihrer Message entlang gewählt waren; quasi kulturelle Breitseite abfeuern. Fazit: Perlen vor die Säue. Will keiner haben. Anspruch nervt. Danach hab ich nur noch Metal aufgelegt. Und träume seitdem von einer eigenen Musik-Kneipe im Untergrund. So richtig frei und wild und chaotisch, und idealerweise gleichzeitig gut besucht und völlig unbekannt. In Träumen kein Problem, leider real will dieses Vorhaben nicht recht gelingen, vermutlich mangels engagierter Mitstreiter. Aber immer, wenn ich denke, es geht nicht mehr, ich mag nicht mehr, dann kommt automatisch die Idee wieder hoch. Gemäß dem Spruch: „Wer nichts wird, wird Wirt“. Wobei ich meine, es kann ein Mensch nichts besseres werden als eine Wirtin. Im Kern wohl doch ein Dyonisier. Kneipentod ist Demokratie-Sterben. Und: Eine Kneipe ohne Rausch und Rauch und Alkohol ist keine Kneipe. Gott, was ich das Domizil vermisse! Seit meine alte Stamm-Kneipe geschlossen wurde vom Ordnungsamt, bin ich heimatlos auf diesem Planeten. Kickern, saufen, tanzen, laute Musik und haufenweise Leute aus allen möglichen Schichten, kreatives Chaos bis der Arzt kommt. Kann ein mensch ohne sowas leben? Ich eher nicht, andere finden sicher ganz fein, das diese widerliche Spelunke endlich dicht ist. Mir sind seitdem die letzten Sozialkontakte spärlich und kompliziert geworden. Ich beschalle mich also selbst (in manierlicher Lautstärke) im heimatlichen Atelier.

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