Privatsphäre – und der Faschismus der Zukunft

In diesem Text geht es um die totale Überwachung – etwas, was bereits vom Potential her hier ist und sich machen läßt, weswegen ich glaube, so wird es kommen: Es gibt keine Privatsphäre mehr. Nur unausgewertete Daten. Wann ich wo bin und was ich tue – es läßt sich rekonstruieren. Nicht von jedem Menschen, aber prinzipiell. Nicht lückenlos, aber das ist eine Frage der Zeit und der technischen Entwicklung. Logischerweise wird die Zukunft die totale Überwachung in Echtzeit bringen. Das wird uns dann als Schutz verkauft oder durch erweiterte Möglichkeiten und Bequemlichkeit schmackhaft gemacht oder auch gesetzlich vorgeschrieben, und sozialer Gruppendruck erledigt den Rest. Bereits jetzt bin ich dauernd überwacht. Sitze ich am PC, dann ist, was ich tue, sekundengenau aufgezeichnet. Über die Hardware hat niemand mehr Kontrolle – ob es werkseitig eingebaute Backdoors gibt, die Zugriff auf den PC ermöglichen und beispielsweise Verschlüsselung aushebeln – man weiß es nicht und vor allem kann man es nicht mehr wissen. Aber auch ohne einen PC im Haus hängt ja alles, was mit der Außenwelt zu tun hat, an Computern. Beispiel Energie: Mein Stromverbrauch variiert, je nachdem, was ich in der Wohnung tue – Musik hören, ein Bad nehmen (Warmwasser), Aufladung des Mobiltelefons, Haare föhnen etc. Der Dienstleister, der mir den Strom abrechnet, kann meine Verbrauchsmuster aufzeichnen und auswerten. Werde ich nie wissen. Auch nicht, wer sich das noch anschaut. Wurde aber bereits durch Polizei gemacht, um beispielsweise heraus zu finden, ob Leute illegale Ganja-Plantagen betreiben. Bin ich daheim oder nicht – es ist durch das Mobiltelefon feststellbar, wo ich bin. Da greift der soziale Gruppendruck – es ist privat und auf Arbeit unakzeptabel geworden, wenn du nicht erreichbar bist. Nur ein Festnetz-Telefon zu haben oder gar überhaupt kein Telefon – das geht nicht mehr durch. Also kommt man nicht drum herum. Natürlich zeichnet das Telefon alles auf – Gespräch und Hintergrundgeräusche, Ort, Zeit, Verbindungsdaten. Und darauf haben die Sicherheitsorgane vollen Zugriff. Wie auch auf Transaktionen: Was mein Konto macht, das wird für alle Transaktionen aufgezeichnet, und diese Daten sind durch Geheimdienste, aber auch durch das Jobcenter einsehbar. Ich kaufe etwas mit EC-Karte – da ist feststellbar, wann und wo. Bargeld wollen sie ja abschaffen. Aber auch mit Bargeld bin ich trotzdem auf den Video-Überwachungssystemen. Noch können die Video-Überwachungen nicht viel, aber bald werden sie nicht nur jeden Menschen identifizieren, sondern können durch Gesicht und Bewegungsweise auch auslesen, wie es mir geht. Und es wird Austausch darüber geben, welche Kamera wen wann wo gesehen hat. Denkbar ist auch, das zu verknüpfen. Ist jemand außerhalb seiner Homezone unterwegs – dann fällt das auf. Was macht der Mensch an dem Ort – da gehört er doch nicht hin. Denkbar wäre auch, Leute auf Bereiche zu beschränken, also eine elektronische Fußfessel, nur unhintergehbar. Es ist aber nicht nur die Kontrolle des Körpers im Raum, sondern auch der Äußerungen: Die Applikationen, die ständig lauschen (weil sie Sprachsteuerung haben), nehmen dauernd zu. Natürlich nehmen die alles auf, und wie es ausgewertet wird, kann ich nie wissen. Noch ist das freiwillig, nur – auch das eine Frage der Zeit, bis es eben keine anderen Geräte mehr gibt. Spannend die Geräte, wo – wie neulich bei IP-over-Powerline-Adaptern – ein Mikrophon eingebaut ist, von dem man als Käufer nichts weiß; praktisch eine Wanze. Diese Funktion sei werkseitig deaktiviert, hieß es dann. Ob sie über das Internet heimlich aktiviert werden kann, dazu war nichts zu erfahren. Vermutlich wird es zum Standard werden, dass immer überall Geräte mithören, bei jedem Gespräch. Und es wird auffällig sein, wenn jemand oder mehrere Menschen irgendwo ohne Telefone (oder wie der Kommunikator dann heißen wird) unterwegs sind – sicherlich wird das kommen, dass alle getrackt werden, und es eine Art Triangulation gibt, sprich es werden mehrere Datenquellen verknüpft, um jeden Menschen immer eindeutig zu identifizieren. Ein unidentifizierter Mensch, das wird illegal sein (und automatisch zu Maßnahmen führen, um Sicherheit zu gewährleisten). Durch Drohnen ist es möglich, die Lücken in der Kamera-Überwachung zu schließen – bei Tag und bei Nacht. Fernmobilität (Autos, LKWs) wird sicher getrackt, was fährt wo und wann und wie schnell – ein Auto ist ein Computer, das ist ja bereits heute so. Welche Daten ausgetauscht werden, ist durch den Nutzer nicht zu kontrollieren. Und generell unüberwachte Mobilität – allein im Wald spazieren gehen – ist dann nicht mehr drin. Das war die Art, wie in der DDR die Dissidenten sich getroffen haben abseits der Stasi-Überwachung. Zufällig im Wald getroffen. Stasi ist ein gutes Stichwort für den nächsten Aspekt – wer über wen welche anderen informiert. Falls es Leuten gelänge, sich dem zu entziehen, würde durch ihre Kontakte – so wie Facebook es bereits macht – dennoch der Nicht-mitmachende Mensch identifiziert und komplett ausgeforscht werden können – soziales Netz, etc. Bei Leuten, von denen es Sicherheitsorgane besonders interessiert, werden natürlich wie eh und je menschliche Informanten angedockt werden, die bezahlt für Aufklärung und Verhaltenssteuerung der Zielperson sorgen. Und zwar parallel zu den indirekten Aufklärungsmethoden, die bereits angesprochen wurden. Wer ist in diesem Überwachungssystem Zielperson? Daran wird in Russland und China gearbeitet, und anderswo sicher auch: Der Bürger-Score. Also ein Punktwert, den du als Person hat, und der deine Systemtreue und Systemrelevanz abbildet. Was gut, richtig und wertvoll ist (und was nicht), das kann natürlich programmiert werden. Es könnten aber auch statistisch aus den Daten – also von unten nach oben – solche Kriterien gebildet werden – daran arbeiten Amazon und Konsorten. Wer wird ein profitabler Kunde, wer ein guter Mitarbeiter? Die negative Seite – wer wird ein Verbrechen begehen – auch daran wird gearbeitet, Stichwort predictive profiling. Einer Technokratie der Zukunft werden die Mittel zur Verfügung stehen, die Gesellschaft total zu steuern. Inklusive natürlich der Macht über Leben und Tod. Es wäre ein Leichtes, einen Mechanismus einzubauen, der deine Körperwerte analysiert – da ist dann klar, wann du dich freust oder wütend bist, wann du schläfst oder wach bist, wie gesund du bist … lauter so Sachen. Ein eingebauter Killswitch würde es ermöglichen, dich per Internet abzuschalten – dann stirbst du, oder wirst ohnmächtig (und sie können dich einsammeln). Allein diese Drohung würde alle gefügig machen. Es würde dann die Einladung zu einer Maßnahme nicht mehr durch äußere Sanktionen (Strafe), sondern durch innere Sanktionen (Belohnung, Schmerz) begleitet. Das Netz wäre dann natürlich der Gott der Welt, an den zu glauben alle gezwungen wären. Apostasie ist der Tod. Und es wäre sicher möglich, dieses System zum besten und einzig möglichen System zu stilisieren. Ganz unvernünftig, da nicht mit zu machen. Das ist der Faschismus der Zukunft.

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Polizei vor dem Haus die ganze Nacht

Übel. Wegen der Hausbesetzung gestern sind heute Nacht ständig Polizisten mit Taschenlampen zugange, alle paar Stunden. Das macht mich nervös, weil ich es via CCTV sehe (ich achte auf mein Fahrrad – wenn sich da was bewegt, zeigt mir das eine Kamera auf meinem TV). Die lösen bei mir dauernd Alarm aus. Nervt. Genau wie diese Verwarnung gestern morgen. Andererseits war mein Fahrrad vermutlich noch nie so sicher wie in dieser Nacht 🙂
Beobachtung – Georg Kreisler – Kreislers Purzelbäume
Der Chef gab mir vertraulich die Adresse
Ich solle mich gleich an die Arbeit machen
Es sei des Staates höchstes Interesse
Den Mann dort Tag und Nacht zu überwachen
Ich folgte diesem Mann auf allen Wegen
Ich stand vier Nächte lang vor seinem Haus –
Verlor ihn selbst beim Pimpern
Nicht einmal aus den Wimpern
Und dabei was seltsames heraus:

Er beobachtet mich
Ganz genau wie ich ihn
Wo ich bin ist auch er
Geh‘ ich grad, steht er quer
Und blickt wachsam zu mir hin
Erst verfolge ich ihn
Und dann geh‘ ich ein Stück voran –
Bis man zwischen uns keinen Unterschied merken kann

Ein Wissenschaftler, dem ich dieses sagte
Erzählte mir darauf bei ein paar Bieren:
„Der Virus den ich kürzlich erst erjagte
Der benimmt sich auch nicht so wie and’re Viren
Ich hab‘ ihn unter meinem Mikroskope
Mit Müh‘ und Sorgfalt endlich isoliert
Und hab‘ zu meinem Schrecken
Statt Neues zu entdecken
Bei diesem Virus deutlich konstatiert:

Er beobachtet mich
Ganz genau wie ich ihn
Schau ich durch, schaut er fort
Schau ich fort, ist er dort
Und blickt wachsam zu mir hin
Er ist sehr int’ressant
Und doch was fang‘ ich mit ihm an –
Wenn man zwischen uns keinen Unterschied merken kann?“

Ich glaub‘ wo immer Menschen sich bewegen
Entdecken wir die gleichen Komponenten
Bei Liebessachen, sowie bei Kollegen
Bei Mitarbeitern wie bei Konkurrenten –
Wir halten uns für praktisch und vernünftig
Für ehrlich und vor allem objektiv
Doch weil ja etwas schief ist
Wenn jeder objektiv ist
Bleibt zuverlässig jeder aggressiv

Sie beobachten mich
Ganz genau wie ich sie
Und sie denken sich still:
„Er singt nicht, was ich will
Und zur falschen Melodie!“
Alle Schuldigen schau’n
Alle Unschuldigen an –
Bis man zwischen beiden keinen Unterschied merken kann

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