Beyond the lunatic fringe

Bekanntermaßen leben wir in konstruktivistischen Zeiten – wer es wissen will, dem ist bekannt, dass der Mensch ein Wesen ist, was sich Mythen zusammen baut, sich darin gemütlich einspinnt, eben so, wie eine Winkelspinne sich mit Netzen umgibt. Und genau wie die Winkelspinne ihre kleine Ecke über alles liebt und dem Rest des Terrariums keinerlei Interesse zukommen läßt, so sind auch Menschen eher nicht die großen Wanderer im mythologischen Weltenraum. Mythos, das ist allumfassende und endgültige Welterklärung, eine ersponnene Geschichte, die alle Wahrnehmungen letztlich zusammen fügt und trägt. Nationen, Religionen, Traditionen, Institutionen, die Beziehungsdyade – alle diese transpersonalen Systeme sind letztlich auf diese Weise gebaut – sie existieren als ein Netz von Verknüpfungen körperlich in der Person, die sie trägt (letztlich als kognitiv-emotionale Muster auf neuronaler Ebene). Möglich geworden sind diese Systeme evolutionär durch Sprache, und auf ihnen baut die gesamte Zivilisationsgeschichte auf. Buchempfehlung: Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit. Das Netzwerk im Kopf korrespondiert mit den Netzwerken in anderen Köpfen und dem Netzwerk, was wir heute als Internet kennen und betreiben (von dem haben die Pioniere immer gedacht, dass es eine Art globales bzw. planetares Gehirn werden würde). Konstruktion von Weltanschauung(en) ist für mich als Psychologen eine spannende Sache, und ich habe eine Schwäche für die Untersuchung von abseitigen Phänomenen. Das ist Teils schlicht meiner Neugier geschuldet – normal ist stets langweilig, genau genommen ist ja die Definition von normal genau das: Verursacht keinerlei Aufregung. Was normal ist, entspricht dem Bild, was allgemein geteilt wird. Da die Welt etwas gemachtes ist – nicht die Wirklichkeit, sondern unser davon komplett unabhängiges System der Anschauung der Wirklichkeit – sind normale Weltbilder natürlich Ergebnis einer dauernden Propagierung von offizieller Wahrheit. Die Hegemonie der dominanten kulturellen Interpretation von Wirklichkeit, inklusive der darin enthaltenen Verhaltensnormen. Ohne diesen Mechanismus zerfällt jedes größere System sofort in seine Einzelteile. Daher hat dieser Mechanismus enorme politische und soziale Bedeutung und auch Brisanz. Wie immer habe ich weit ausgeholt, eigentlich wollte ich kurz und knapp etwas dazu schreiben, womit ich mich eben beschäftigt habe: Nämlich dem lunatic fringe, der völlig verrückten Außengrenzen des Ideen-Raumes. Ähnlich, wie die Neuro-Anatomie sehr viel gelernt hat von Fällen, wo Menschen schwere Schädelverletzungen hatten und große Teile des Gehirns kaputt waren – wenn das so ist, fallen manche Sub-Systeme des zentralen Nervensystems (ZNS) aus, woran sich erkennen ließ, dass es in der Tat funktionelle Einheiten im ZNS gibt und so ungefähre Ideen davon, welche und wo – kann ein konstruktivistisch denkender Wissenschaftler sehr viel lernen über die Psychologie der Mythenkonstruktion durch das Studium von Leuten, die sich ausgesprochen un- oder anti-normale Weltanschauungen gebastelt haben. Jedenfalls ist das mein Ansatz, und ich finde den sowohl unterhaltsam als auch fruchtbar. Das Internet macht vieles erforschbar, was zuvor soziologischen, politologischen und psychologischen Studien nicht zugänglich war. Menschen geben von sich aus sehr viel über sich und ihre Ideen, Gefühle, Ansichten, Vorlieben, Abneigungen und generell ihr Verhalten öffentlich preis. Neoliberalismus erfordert ständige Selbstvermarktung (die wirtschaftspolitische Dimension). Die bindungssuchenden Primaten, die wir biologisch zugleich nach wie vor sind, konkurieren zugleich um Streicheleinheiten in From von Aufmerksamkeit und Anerkennung. Beides zusammen bildet – neben vielen anderen Faktoren – die Grundlage für die Entstehung eines enormen Datensatzes – jede Stunde erweitert sich durch individuelle und institutionelle Beiträge das Internet mit wahnsinnig vielen Informationsmolekülen, neuen Fäden und Geschichten. Der multimediale Hypertext wächst andauernd, und ist natürlich zugleich Material für verschiedenste Versuche der Erforschung. Data mining war mal eine Metapher für diese Versuche, automatisiert Zusammenhänge in diesem Datenwust zu finden. Keine Ahnung, wie die aktuellen buzzwords lauten, das ist mir egal – die Idee, mit sehr sehr sehr großen Stichproben (idealerweise einer Komplett-Erfassung in Echtzeit) zu arbeiten, hat mir früher (~1996) schon als ein absolut geniales Instrument der Wahrheitssuche (im Sinne einer Konstruktion eines Modelles, was auf alle Daten maximal gut paßt) eingeleuchtet und mich enorm begeistert. Wer das nicht kennt – psychologische Forschung hat in der Vergangenheit sehr oft mit scheußlich kleinen Stichproben gearbeitet, und als Statistiker hat es mir vor den daraus extrahierten Gesetzmäßigkeiten (die dann auf die Menschheit verallgemeinert werden) immer gegruselt. Vieles davon hat empirisch praktisch keine Basis, was Kolleg*innen nicht gerne hören. Beispiel: Das Yerkes-Dodson-Gesetz. Es besagt: Umgekehrt U-förmiger Zusammenhang von Aktivierung und Lerneffizienz. Zu wenig oder zu viel Erregung sind dem Lernen abträglich, eine mittlere Aktivierung ist optimal. Klingt wie eine Binsenweisheit, und vermutlich ist es das auch. Nur – das wurde wissenschaftlich, also systematisch und experimentell – untersucht und belegt. Wer wie ich ein wenig weiter schaut, sich die Original-Arbeit ansieht, erlebt allerdings eine ernüchternde Überraschung. Untersucht wurden Wachteln, die auf die Unterscheidung von Farben konditioniert wurden. Und daraus wurde dann ein Gesetz abgeleitet, was für irgendwie alles gelten soll. In vielen anderen Bereichen sind es auch tierexperimentelle Studien, die auf Menschen verallgemeinert wurden. Oder eben die Studien, wo ein N (Stichprobenumfang) so klein gewählt wurde, dass Statistik an und unter ihre minimalen Anforderungen gerät. Auch der umgekehrte Fall – sehr große Stichproben – führt zu lustigen Pseudo-Ergebnissen – wenn N sehr groß ist, werden sehr kleine Mittelwertsunterschiede hoch signifikant. Ok. Weil das nur Erinnerungen sind an alte Gedanken, gleich wieder raus aus der Abschweifung. Vielleicht zur Erklärung, wieso dieser Text nicht mal minimal stringent daher kommt – es war ein heißer Tag, und nachts elend schwül. Deswegen habe ich mich mit Kaffee und Kippen am PC unterhalten mit eher sinnfreiem Zeugs, und irgendwann mal drauf los geschrieben. Liest sowieso keine Sau – wozu sich also die Mühe einer Didaktik machen. Jedenfalls habe ich mich Zeit meines Lebens immer für Außenseiter interessiert, die eigene und andere Weltanschauungskonstruktionen mit sich herum tragen. So einer bin ich ja auch immer gewesen, und habe das entsprechend ausgebaut. Durch den Anderen erkenne ich mich selbst im Außen, durch mich selbst erkenne ich den Anderen im Inneren. Beides korrespondiert und steht in einem Resonanz-Verhältnis. Um kurz einen Abriss zu geben, was mich interessiert hat: Als junger Mensch fand ich Politik, Sexualität und Drogen spannend. Dann logischerweise Magie, Astrologie, Esoterik, Hippies, Psychedelik und solche Geschichten, und entsprechend auch freie Geister aller Art … darunter fiel für mich jeder, der sich von der Idee der geteilten Weltsicht und von gedanklichen Konformismus hinreichend verabschiedet hatte, um sowas wie eigene Positionen zu formulieren oder auszudrücken. Nach mehreren gesellschaftspolitischen Experimenten – die wunderbar lebendig und utopistisch waren und ökonomisch sowie bio-psycho-sozial jeweils krachend gescheitert sind – kam ich auf die Idee, den Gründen für dieses Scheitern auf den Grund gehen zu wollen. Daher eine radikale wissenschaftliche Wende gemacht, alles auf den Prüfstand gestellt, Psychologie studiert. Promoviert über Mediennutzungsforschung von Heranwachsenden, bzw. daran gescheitert, diese Arbeit auch fertig zu stellen. Wollte ein Professor werden – heute bin ich einer, nur eben nicht offiziell, mehr so mad professor. Was mir aber auch besser gefällt, bis auf die Komponente fehlende gesellschaftliche Anerkennung. Wäre schon schön, ich könnte was beitragen in den Diskursen der sogenannten wichtigen Menschen (derer mit Macht und Geld). Und hätte weniger prekäre Verhältnisse. Aber scheiß drauf, so ist meine Unabhängigkeit von diesen Systemen bzw. ein Nicht-Eingebunden-Sein in den Apparat immerhin dafür gut, dass ich nicht korrumpiert bin durch eine Interaktion mit den System-Leuten. Allerdings auch abgeschnitten davon, was die sehr schlauen Leute so zusammen basteln – früher habe ich nächtelang mit Leuten diskutiert und mich ausgetauscht, heute lese ich deren Ergebnisse (den veröffentlichten Teil) und denke mir den Rest dazu. Sehe aber auch – viele der high IQs sind in totaler Sinnlosigkeit eingebunden, geben einem System ihre Energie und ihre Kreativität, was daraus wieder neue sinnlose Plastik-Müll-Geschichten macht. Reproduktion von destruktiver Scheiße, darin hat mein Interesse nie bestanden. Daher auch irgendwie erfreulich, dass mir das erspart geblieben ist. Jedenfalls – nachdem eine Karriere als Psychologe trotz scheußlich gutem Diplom gefloppt war, habe ich mich als Psychotherapeut weiter gebildet. Und mit Menschen gearbeitet, die für psychisch krank erklärt und mit Drogen voll gepumpt werden. Interessiert haben mich da vor allem die F20 (paranoid-halluzinatorische Schizophrenie) und natürlich die bipolare Störung (Depression, Manisch-Depressive Störung). Beide Kategorien überlappen – es steckt viel Leid darin, wie die Gesellschaft mit solchen als krank gelabelten Menschen umgeht, weswegen die glücklichen Verrückten sehr selten sind. Wenig überraschend ist es mir gelungen, auch in diesem Karriere-Pfad an meiner antagonistischen Haltung zu fachlich nicht gerechtfertigter Autorität zu scheitern – ich würde sagen, alles andere wäre wirklich eine erstaunliche Sache gewesen. Bisher war das immer so – weil der Herr Wild sein Maul nicht halten kann, wenn er was für extrem daneben hält, fliegt er überall raus. L’eclat, c’est moi. Damit habe ich mich ein Stück weit arrangiert, vermutlich vor allem deswegen, weil ich dieses Muster nicht überwinden kann. Versucht habe ich es mehrfach, vor allem um anderen sozial zu gefallen und nützlich zu sein – und weil ein Teil von mir sich so sehr wünscht, endlich mal irgendwo dazu zu gehören. Liebe und Anerkennung zu erfahren, Familie zu sein – solche Sachen. Heute weiß ich natürlich, soziale Beziehungen sind eine aufwändige Sache – da ist sehr viel zu tun und zu lassen, damit das gut funktioniert mit anderen Menschen. Wäre das mein Ding, ich hätte nie die Zeit gehabt, mich zu dem zu entwickeln, was ich heute bin. Wie der schöne Spruch es stark verkürzt formuliert: Glück – das ist dumm sein und Arbeit haben. Was ich mache, macht nicht glücklich – weder mich noch andere, und darum geht es mir auch nicht. Klar, ich mag gerne glücklich und zufrieden sein (bin das auch oft) – nur stellt sich das eher über Umwege ein, als das ich dafür irgendwas täte. Sondern ich folge sehr klar meinem Willen (konzipiert als einer Art von innerem Antrieb, einem folgerichtigen nächsten Schritt, oder auch der einzigen Wahrheit, die ich jemals erleben werde). Nebenbei bemerkt, Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung. Völlig unterschätzt, großartige Bücher. Alles andere als einfach zu lesen, weil eigenwillig geschrieben. Aber sehr gehaltvoll, und inhaltlich unglaublich modern. Man merkt ihm die Beschäftigung mit den Veden an. Und erneut ein Ende der Abschweifung. Hier wieder der rote Faden – die sehr lehrreiche Beschäftigung mit den Mechanismen der Weltanschauungskonstruktion am Beispiel von völligst verrückten Menschen. Damit hatte ich mich zuvor beschäftigt. Wer meinen Blog kennte, wüßte um meinen Ärger mit den Verschwörungstheoretikern aller Art, die mich bisweilen an meinen Fähigkeiten zweifeln und verzweifeln ließen. Es gibt ja eine schwer überschaubare Anzahl von Bausteinen, woraus sich alternative Weltmodelle basteln lassen. Wie eine Studie zu Verschwörungstheorie (VT) zeigt, die ich kürzlich las und gut fand, sind die Websites, die solche Weltanschauungen vermarkten, alle miteinander verbunden und bilden – wie im eingangs beschriebenen Bild von der Winkelspinne – ein dichtes klebriges Netz miteinander. Egal, mit welchem Teil davon man beginnt, es werden häppchenweise immer neue und tiefere „Wahrheiten“ angeboten. Also die Frage, wie würde wohl eine der Spinnen bzw. ein solcher Spinner aussehen, die/den man findet, wenn man den Fäden nach geht? So kam ich auf Herrn Stoll und seine Tiraden über Arier vom Aldebaran. Wer den nicht kennt – der Mann ist bereits verstorben, war zu Lebzeiten nach der DDR als Staubsauger-Vertreter unterwegs und selbst dem Kopp-Verlag zu irre. Dagegen sind Ken Jebsen und Jürgen Elsässer vergleichsweise fast schon langweilig. Wobei langweilig = normal hier auch gefährlicher im Sinne von Anschlußfähigkeit bedeutet. Was für mich aus der Entfernung betrachtet irgendwie lustig ist – sich in überwertige Ideen völlig hinein steigern – ist zugleich im realen Leben enorm gefährlich, denn wir haben durch verschiedene unerfreuliche Ereignisse des 20. Jahrhunderts gelernt, dass es durchaus nicht reicht, wenn die Welt einen Irren als irre erkennt, um dessen Einfluss auf eine große Gruppe von Menschen ausreichend einzuhegen, damit kein größerer Schaden entsteht. Ohne ins Detail zu gehen – wie viele erkennbar nicht geistig gesunde Personen heute in der Welt über Macht und Einfluß verfügen und was das mit der Menschheit anstellen kann, dürfte vielen bereits bekannt sein. You can’t grab science by the pussy – but you can bunga bunga the biosphere. Um das mal kurz und klar auszudrücken. Also, Herr Stoll. Kein besonderer Fall, an und für sich. Der grundlegende Mechanismus ist trivial. Jemand, der ein trostloses Leben führt, phantasiert sich eine Welt, in der er wichtig ist und etwas weiß. Genau das mache ich auch, und eigentlich macht das jeder Mensch. Nennt sich Ego. Solange es in vernünftigen Grenzen bleibt, ist das eine ganz und gar gesunde Sache und darüber hinaus überlebensnotwendig. Pathologisch sind die extremen Fälle. Nämlich die, wo außer Ego nichts mehr da ist, und dann aus dem Bedürfnis nach Kontakt mit etwas anderem ein Angriff erfolgt. Solche Leute detonieren sich selbst und töten Menschen, beispielsweise. Was ja auch nur eine andere Art ist, auszudrücken I was here. Allerdings eine, die alle anderen total abfuckt. Scheußlich. Frage daher, wieso reicht es denen nicht, einen tag irgendwo hin zu sprühen oder sowas. Wie groß muss dieser innere Antrieb sein, um so etwas fieses und brutales zu tun – und vor allem, woraus besteht dieser Antrieb und welche kognitiv-emotionalen Komponenten führen zu diesen speziellen Ausprägungen von antisozialem Verhalten? Ein Brevik kommt ja nicht aus dem Nichts, sondern: Da ist viel Zeit und Arbeit investiert worden. Die islamistischen Attentäter, die kommen schon eher aus dem Nichts, weil sie halt eher unintellektuell an die Kombination aus Selbstwert-Demonstration und Selbstauslöschung ran gehen, in der sie die Lösung ihrer Problematik finden. Das sind Leute, die – wie jedes menschliche Wesen in der Moderne – die eigene Nichtigkeit spüren und mangels Bildung und Erkenntnis recht leicht auf ein preiswertes Täuschungsmanöver aus dem letzten Jahrtausend rein fallen (Versprechungen von Belohnungen im Jenseits). Sprengstoff umgeschnallt, fertig ist der Selbstmord-Depp. Der Herr Stoll dagegen liest sich eifrig die diversen Bücher durch, die es über Verschwörungstheorien gibt, und wird so zur Wandelnden Bibliothek des Schwachsinns. Und das reicht dann, um sich zu stabilisieren und eine Art von Gemeinde zu haben, also soziale Anerkennung und auch kleine finanzielle Zuwendungen. Dazu ein passender Habitus (Hitler-Imitation kommt immer gut, weil recht bekannt) – und fertig ist die Laube. Darin ist Herr Stoll ein Muster für den Einzelunternehmer in Sachen Selbstvermarktung – freilich einer, der halt mit Nazi-Flugscheiben und dergleichen ein eher randständiges Publikum bedient. Wieder eine Abschweifung: Um 1920 herum gab es zahlreiche sogenannte Inflations-Propheten (bzw. Heilige). Das waren Irre, die unterschiedliche Ende-Der-Welt-Theorien mit einer Art von messianischem Auftreten verbanden. Etwa so wie in Life of Brian. Vermutlich gibt es solche Leute immer, wenn eine Krise da ist – macht ja Sinn, dass dann der Suchraum für mögliche gesellschaftliche Veränderungen vergrößert wird, wenn es so aussieht, als ginge es so nicht mehr weiter. Heute – durch die Vernetzung bzw. das Internet – sind natürlich die Reichweiten der Irren stark vergrößert. Wer früher garantiert keine Jünger gefunden hat (weil zu abgedreht), kann heute unter Millionen sicher irgend wen finden, der/die genau diese Art von Abgedrehtheit auch gut findet. Wenn das einige tun, entsteht eine Subkultur – und damit ein Soziotop, indem sich irres Zeugs zu einer stabilen und geschlossenen Weltanschauung mausern kann. An solchen Subkulturen kann ich nun wieder studieren, wie sich solche Formationen bilden und verändern, und auch, wie sie auf die umgebenden Systeme und letztlich die Mehrheitsgesellschaft ausstrahlen. Weil – kleine Gruppen mit extremen Ansichten und Handlungen bewegen ganze Gesellschaften, indem sie Bezugspunkte verschieben. Dazu braucht es nicht viel und nicht viele. Die viel zitierten 68er waren nicht wirklich viele, und der Kern der aktuellen rechtsesoterischen Szene ist auch nicht sonderlich groß. Dennoch beeinflussen solche Ideenverbreiter viele Menschen. Im Sinne von Aufklärung ist es daher ganz gut und sinnvoll, mal das Vollbild dieser Verschwörungsschwurbelei vor Augen zu haben. Hier siehst du, wie er vor Publikum die Nazi-Rampensau gibt. Und genau dafür ist Herrn Stoll zu danken – er hat das perfekt verkörpert. Nun ist es allerdings nicht so, dass wirre Thesen von solchen Menschen einfach so angenommen werden – im Gegenteil. Es ist sicher so, dass die Aufbauarbeit, die geleistet wird, an einem Punkt beginnt, der sehr persönlichkeitsnah und lebensgeschichtlich bedeutsam ist. Bei Stoll der Vater. Dessen Arier-Nachweis, beispielsweise. Bekannt ist, dass Stoll Frauen und Kinder nicht leiden konnte, und vermutlich auch sonst niemanden. Logischerweise will er aber sich selbst irgendwie mögen und psychisch stützen, also volle Identifizierung mit dem Vater. Und mit irgendwas – es muss aber stark und möglichst entfernt von denen sein, die er verabscheut (die ihm weh getan haben). Der Nazi-Link war da, also wieso nicht ein Weltraum voller Nazis? Und selbst auch ein Außerirdischer sein – nicht von dieser Welt. Das findet sich immer wieder bei verrückten Menschen, dass sie sagen, ich bin nicht von diesem Planeten. Mache ich auch so, es ist mir eine tröstliche Vorstellung, hier nicht dazu zu gehören und nur scheinbar da zu sein. Eine logische Folge von emotionaler Abgrenzung, wenn sie separatistisch wird. Das ist, denke ich, die Hauptfunktion von abseitigen Glaubenssystemen – eine Eingemeindung des Selbst in etwas anderes, gegengesetztes, eigenes. Im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie gibt es Forschung zum Phänomen der inneren Kündigung – ein Prozess, wo der Mitarbeiter die Identifikation mit dem Unternehmen aufgibt, nur noch Dienst nach Vorschrift macht, komplett demotiviert ist und tendenziell ausschließlich eigene Ziele verfolgt. Dort wird es als mit dem Gefühl des Getäuscht- bzw. Betrogen-worden-seins, also mehr als nur mangelnder Anerkennung, assoziiert. Gut verständlich, und der grundlegende Mechanismus folgt der Individuation, also wenn sich Ego aus dem Familensystem emanzipiert und sich ein eigenständiges Selbst bildet. Das Selbst würde in einem günstigen Verlauf auch Schemata für die Beziehungen zwischen Ego und Gruppe beinhalten, die diese Spannung von Nicht-Identität und Nicht-Getrenntheit (Abhängigkeit) als ein dynamisches Ungleichgewicht lebbar machen. Es ist ja völlig normal, dass es zwischen den Bedürfnissen nach Autonomie und nach Bindung zu Konflikten kommt und das Nähe-Distanz-Verhältnis immer wieder neu justiert wird – passend zu den Anforderungen und Möglichkeiten. Bei der inneren Kündigung passiert genau das nicht mehr – der Mitarbeiter ist faktisch weg und nur noch scheinbar dabei. Nicht zufällig habe ich dieses Beispiel gewählt. Sondern, es schließt sich ein Kreis – abseitige Nazi-Flugscheiben, Hohlwelt etc. – und ein anderer öffnet sich – namentlich die Reichsbürger. Bekanntermaßen ist das die deutsche Entsprechung eines Phänomens, was aus USA kommt (dort früher schon beschrieben wurde) und dort in verschiedensten Ausprägungen existiert – Menschen akzeptieren nicht mehr die Eingebundenheit in einen Staat und dessen Legitimität, und schaffen eigene Staaten-Ideen. Dann legen sie sich bürokratisch oder auch gewaltsam mit dem faktisch weiter vorhandenen Staatssystem an, schreiben kilometerlange Schreiben an Behörden und ähnliches (sogenannter paper terrorism). Die angemaßte Eigenstaatlichkeit endet in der Regel mit der Niederlage der Person(en), die sie behaupten – und die oft letztlich nieder geschossen und eingesperrt wurden und werden. Das war wohl schon immer so, siehe die Geschichte um Massada (Römer gegen jüdische Sekte). Wenn du das vergleichst mit Waco oder den Vorgängen um den Eigenstaat Ur (Adrian Ursache), dann sind Größenunterschiede da, aber sonst viele Parallelen erkennbar. Reichsbürger, wer das nicht kennt – die behaupten, es gibt die BRD nicht, sie sei nur eine Firma, tatsächlich existiere das deutsche Reich weiter. Gut erkennbar sind sie daran, dass sie eine para-logische Argumentation betreiben – scheinbar klingen Dinge logisch und es wird etwas wie eine argumentative Strategie und ein Diskurs verfolgt, tatsächlich aber wird mit beliebigen Versatzstücken geworfen. So, wie Affen ihren Platz in der Hierarchie des Affenfelsens verteidigen, indem sie mit Kot werfen. Spannend an den Reichsbürgern ist für mich – sie wollen das System nicht, und sind zugleich im Denken komplett davon eingenommen. Ein Staat muß sein – aus dieser Prämisse kommen rechts-orientierte Menschen nicht heraus. Also – wenn du zugleich den Staat, der aktuell da ist, total ablehnst – wieso nicht einen eigenen Staat begründen? Eine Variante, die natürlich gefährlich ist, weil damit Gewalt als Mittel einher geht. Herr Ursache sagt denn auch (und handelt so) – wer in meinen Staat hinein geht ohne Erlaubnis, der wird sterben. Sprich, wie staatliche Logik ja immer läuft – am Ende der Beweiskette kommt die Gewalt als letztes begründendes Mittel. Nun ist es ja, so, dass diese Strategie schon von sehr viel gewichtigeren und – was Gewalt und Eigengesetzlichkeit angeht – sehr viel fähigeren Leuten versucht wurde – namentlich von Rocker-Gruppen. Wenn deren Club-Heime – die ja genau das sind, was die Eigenstaaten gerne wären, nämlich in gewisser Weise exterritoriale Gebiete mit eigenen Gesetzen – von Verboten oder Razzien betroffen sind, kommt der Staat halt mit Spezial-Einheiten und macht beliebigen Widerstand platt. Politisch haben es andere Gruppen – die Black Panthers, oder Move in Philadelphia – auch schon versucht, eine Sezession durch zu ziehen. Und die Erfahrung wurde gemacht, dass ein Staat auch im inneren auf Armee und Bombardierung zurück greift, um solche Gruppen auszuschalten. Ähnliches gilt für die Gruppen, die sich als Form bewaffneten Widerstandes im Untergrund verstanden haben, wie raf oder ETA, IRA, etc. Und natürlich wird es der aktuellen islamistischen Version von Eigenstaatlichkeit, die wir als „islamischer Staat“ kennen, auch so gehen. Wer noch einen sehr viel größeren Denkschritt machen mag – die UdSSR als eine im Welt-Kapitalismus unpassende und irgendwie extrem abweichende Erscheinung – auch da wurde durch den kalten Krieg letztlich die Abweichung beseitigt. Um nicht mißverstanden zu werden – diese großen und kleinen Konstruktionen von mytischem Sinnzusammenhang und wirtschaftlich-politischen funktionalen Systemen sind nicht alle irgendwie das Gleiche, so ist es nicht gemeinst. Sondern – sie folgen gleichen Systemgesetzen, weil sie den Baustein Individuum teilen, und weil halt Menschen auf eine bestimmte Weise funktionieren, die wir beschreiben können. Ein US-Präsident oder sonst ein Herrscher, das ist ebenfalls ein solcher Mensch, und genau wie Herr Stoll hat auch der Herr Trump eine Art, sich ein Weltmodell zu bauen und daraus den Sinn und den nächsten logischen Schritt abzuleiten. Worin sich diese Herren wesentlich unterscheiden und wo sie sich gleichen? Die ihnen funktional zur Verfügung stehende Macht. Jeder Mensch ist gefährlich. Übrigens sind als verrückt gelabelte Leute statistisch harmloser als sogenannte normale Leute – aber das nur nebenbei, und es könnte sich aus der Tatsache her ableiten, dass sie in unseren sozialen Systemen wenig funktionale Macht haben (arm und marginalisiert sind). Hm. An dem Punkt komme ich nicht drum herum – alle Reiche der Welt, egal wie groß oder klein, wurden irgendwann durch neue Machtkonstellationen aufgerollt und abgelöst. In der neuen Phase – dem neuen Regime – war dann die alte Welt und alles in dieser unverrückbar für sicher und feststehend geglaubte nur noch abwegiges Zeugs ohne Wert. Der alte Glaube (egal welchen Inhalts) hat im neuen Regime keinen Wert oder Sinn mehr. Regelhaft sammelt sich um alte und überholte Glaubenssysteme ein Widerstand gegen neue staatliche und gesellschaftliche Normen. Der Widerstand, das Festhalten an alten Werten, wird dann vom Regime bekämpft und verfolgt, weil er ein Hindernis auf dem Weg in die neue Zeit darstellt. Jedes neue sozio-ökonomische System hat in der Phase seiner Begründung ein sogenanntes Gründungsverbrechen – namentlich die Zerstörung der Lebensgrundlagen der alten Systeme und ihrer Angehörigen, so dass Überlebende gezwungen sind, sich zu assimilieren. Wer moralisierend daher kommt und meint, solche Dinge wie gewaltsame Veränderungen dürfe es nicht geben, der/die verkennt, wie Geschichte läuft. Ideen wie Demokratie, Aufklärung und Menschenrechte beispielsweise sind nicht das Ergebnis einer Einsicht auf Seiten der Adligen und Könige gewesen. Auch der Nationalsozialismus war nicht Ergebnis einer Einigung der Deutschen darauf, dass sie nun alle einen Führerstaat wollen – sondern wurde gewaltsam durchgesetzt. UdSSR, wurde bereits erwähnt. USA, Israel, das römische Reich, China … es lohnt, sich mal genauer anzusehen, wie sich solche sozioökonomischen Einheiten etablieren und entwickeln. Gleiches gilt für die Entstehung der Weltreligionen. Ich will das nicht zu sehr ausführen, weil stets die Befürworter einer solchen Einheit die eigene Gruppe gegen den Vorwurf verteidigen werden, sich von den anderen bezüglich der eingesetzten Mittel nicht zu unterscheiden. Lieber verweise ich auf das Ingroup-Outgroup-Paradigma und sozialpsychologische Grundlagenforschung. Eigene Gruppe, das sind definitionsgemäß die Guten, die sich nur gegen die anderen (die Bösen) verteidigen. Und falls es nirgends Gute gibt, bin ich halt der einzige Gute (und tue mein eigenes Böses aus mir heraus, indem ich mich zum Opfer der Anderen stilisiere). So funktioniert das ZNS, und natürlich sind das (formal betrachtet) Denkfehler und systemisch betrachtet Mechanismen, die uns als individuelle Wesen stabilisieren (was eine überlebenswichtige Funktion ist, denn wo es mißlingt, folgt Suizid oder dergleichen). So weit, so gut. Vermutlich habe ich nun alle Bögen gespannt und nach Ansicht mancher möglicher Kritiker auch überspannt. Also eine sanfte Landung anstreben, bevor sich jemand weh tut mit umher fliegenden Pfeilen. Wir Menschen, wir sind halt so, und wir können nicht anders sein. Was uns Frieden und Kooperation ermöglicht, ist nicht das Auffinden von Wahrheit, sondern unsere enormen Fähigkeiten, sich völlig widersprechende Dinge gleichzeitig zu glauben und kontextsensitiv anzuwenden in einer From, die sozial passend ist. Der Schlüssel dazu, sich passend zu verhalten, sind unsere Spiegel-Neurone – die uns ermöglichen, den emotionalen Zustand der anderen in uns zu modellieren, also Gefühle nach zu fühlen und daraus Vorhersagen zu generieren. In dem Moment, wo wir eine liebevolle Haltung einnehmen, können wir mit jedem anderen Wesen in eine un-kriegerische Situation gehen, was nicht gerade extrem hungrig ist (erst das Fressen, dann die Moral – daher ist hippiemäßiges Vibrieren kein Schutz vor hungrigen Bären). Auf individueller Ebene ist daher Frieden immer möglich. Was Gruppenprozesse mit großen Zahlen von involvierten menschen angeht, wird dieser Mechanismus vermutlich systematisch überfordert – und genau da bestehen die Herausforderungen hinsichtlich einer globalen Friedensordnung.

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Unmögliches Heimweh

Eine scheußlich starke Sehnsucht nach einem Ort, der nicht wirklich ein Ort ist, sondern jenseits von Raum und Zeit liegt, vermutlich eher ein Seelenzustand, eine tröstende Auflösung der Widersprüche, der Ruhepunkt. Ich glaube, ich habe das mal erlebt, kann mich aber nicht erinnern, wann und wo. Vielleicht war es eben noch da, nur jetzt scheint es weit weg zu sein. Sehnsuchtsorte, bedeutsame Erlebnisse, die zeitlich in meiner Existenz lange zurück liegen, wo es Sonne und Wind gab und viel freien Spielraum … solches flackert auf im Bewußtsein – und verabschiedet sich sofort wieder. Mir ist klar – ich kann da nicht hin, wo ich gerne wäre, und wenn doch, wäre das bessere dort immer noch nur hier und ich nur ich. Transzendenz ist eine Phantasie, und Seelenschmerz wohl auch. Das Bedürfnis, aus dem, was mir missfällt, hinaus zu treten, kommt mir dagegen sehr real vor.

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Fragen, Antworten, Synchronizität

Wie stets kommt eines zum anderen. Mit der Auflösung meiner Verbindungen mit dem korrupten System öffnet sich der Raum für neue Bewegungen. Ich brauche nicht mehr so zu tun, als wären meine Fähigkeiten innerhalb dieser Systeme sinnvoll verwendbar. Also stellt sich mir die Frage – wohin mit der freien Energie? Wenn ich darauf verzichte, den Feldzug gegen die Wackness weiter zu führen – was ursprünglich mein Plan war, und es juckt mich schon, angemessene Maßnahmen durchzuführen – dann könnte ich anderen Impulsen Raum geben. Vermutlich gesünder für mich. Passend zu der Frage stellten sich heute Ideen ein, was mögliche Wege wären. Drei längere Gespräche mit Leuten geführt, die auf ihre Art Ähnliches getan haben und tun, und daraus viel für mich gezogen. Resonanz. Im Grunde gibt es viele gute Wege, an Mut mangelt es mir nicht, aktuell aber an Entschlossenheit – alleine mag ich mich nicht mehr ins Getümmel stürzen, sondern ich suche nach Verbündeten. Das wurde allerdings als ein wahrscheinlicher Irrweg markiert, so wie zuvor der irrwitzige Versuch, innerhalb des Systems zu arbeiten; auch da war ich an sich gewarnt – und ich habe das Gefühl, dass es irgendwie schlau wäre, meine Muster nicht zu wiederholen. Bloß – weder komme ich da raus, noch kann ich darin bleiben, und nichts tun ist auch keine wirklich gute Option. Also variiere ich lediglich kleine Dinge. Und halte die Sinne wach und offen, um mir eine neue Gelegenheit zu schnappen. Das Scheitern gehört absolut dazu, und wenn schon sonst nichts anderes – darin bin ich mittlerweile ganz gut geworden. Vielleicht gelingt ja auch mal eine gemeinsame Arbeit, das wäre gerade durchaus hilfreich.

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Kleinste gemeinsame Nenner

Ich habe in letzter Zeit einige Versuche von Gemeinschaftsbildung begleitet bzw. bin da dabei gewesen. Und stellte fest – nicht mein Verein, die verbindende Klammer von geteilten Anliegen hält nicht zusammen, was an Gegeneinander ebenfalls vorhanden ist. Theoretisch sollte „ein Mensch sein“ bereits ausreichen. Praktisch sind Menschen alle verseucht durch menschenfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen. Wir machen uns viel zu oft gegenseitig kaputt. Ist das nun schade, traurig, änderbar, ein zu akzeptierendes Ding? Ich weiß es nicht.

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Privatsphäre – und der Faschismus der Zukunft

In diesem Text geht es um die totale Überwachung – etwas, was bereits vom Potential her hier ist und sich machen läßt, weswegen ich glaube, so wird es kommen: Es gibt keine Privatsphäre mehr. Nur unausgewertete Daten. Wann ich wo bin und was ich tue – es läßt sich rekonstruieren. Nicht von jedem Menschen, aber prinzipiell. Nicht lückenlos, aber das ist eine Frage der Zeit und der technischen Entwicklung. Logischerweise wird die Zukunft die totale Überwachung in Echtzeit bringen. Das wird uns dann als Schutz verkauft oder durch erweiterte Möglichkeiten und Bequemlichkeit schmackhaft gemacht oder auch gesetzlich vorgeschrieben, und sozialer Gruppendruck erledigt den Rest. Bereits jetzt bin ich dauernd überwacht. Sitze ich am PC, dann ist, was ich tue, sekundengenau aufgezeichnet. Über die Hardware hat niemand mehr Kontrolle – ob es werkseitig eingebaute Backdoors gibt, die Zugriff auf den PC ermöglichen und beispielsweise Verschlüsselung aushebeln – man weiß es nicht und vor allem kann man es nicht mehr wissen. Aber auch ohne einen PC im Haus hängt ja alles, was mit der Außenwelt zu tun hat, an Computern. Beispiel Energie: Mein Stromverbrauch variiert, je nachdem, was ich in der Wohnung tue – Musik hören, ein Bad nehmen (Warmwasser), Aufladung des Mobiltelefons, Haare föhnen etc. Der Dienstleister, der mir den Strom abrechnet, kann meine Verbrauchsmuster aufzeichnen und auswerten. Werde ich nie wissen. Auch nicht, wer sich das noch anschaut. Wurde aber bereits durch Polizei gemacht, um beispielsweise heraus zu finden, ob Leute illegale Ganja-Plantagen betreiben. Bin ich daheim oder nicht – es ist durch das Mobiltelefon feststellbar, wo ich bin. Da greift der soziale Gruppendruck – es ist privat und auf Arbeit unakzeptabel geworden, wenn du nicht erreichbar bist. Nur ein Festnetz-Telefon zu haben oder gar überhaupt kein Telefon – das geht nicht mehr durch. Also kommt man nicht drum herum. Natürlich zeichnet das Telefon alles auf – Gespräch und Hintergrundgeräusche, Ort, Zeit, Verbindungsdaten. Und darauf haben die Sicherheitsorgane vollen Zugriff. Wie auch auf Transaktionen: Was mein Konto macht, das wird für alle Transaktionen aufgezeichnet, und diese Daten sind durch Geheimdienste, aber auch durch das Jobcenter einsehbar. Ich kaufe etwas mit EC-Karte – da ist feststellbar, wann und wo. Bargeld wollen sie ja abschaffen. Aber auch mit Bargeld bin ich trotzdem auf den Video-Überwachungssystemen. Noch können die Video-Überwachungen nicht viel, aber bald werden sie nicht nur jeden Menschen identifizieren, sondern können durch Gesicht und Bewegungsweise auch auslesen, wie es mir geht. Und es wird Austausch darüber geben, welche Kamera wen wann wo gesehen hat. Denkbar ist auch, das zu verknüpfen. Ist jemand außerhalb seiner Homezone unterwegs – dann fällt das auf. Was macht der Mensch an dem Ort – da gehört er doch nicht hin. Denkbar wäre auch, Leute auf Bereiche zu beschränken, also eine elektronische Fußfessel, nur unhintergehbar. Es ist aber nicht nur die Kontrolle des Körpers im Raum, sondern auch der Äußerungen: Die Applikationen, die ständig lauschen (weil sie Sprachsteuerung haben), nehmen dauernd zu. Natürlich nehmen die alles auf, und wie es ausgewertet wird, kann ich nie wissen. Noch ist das freiwillig, nur – auch das eine Frage der Zeit, bis es eben keine anderen Geräte mehr gibt. Spannend die Geräte, wo – wie neulich bei IP-over-Powerline-Adaptern – ein Mikrophon eingebaut ist, von dem man als Käufer nichts weiß; praktisch eine Wanze. Diese Funktion sei werkseitig deaktiviert, hieß es dann. Ob sie über das Internet heimlich aktiviert werden kann, dazu war nichts zu erfahren. Vermutlich wird es zum Standard werden, dass immer überall Geräte mithören, bei jedem Gespräch. Und es wird auffällig sein, wenn jemand oder mehrere Menschen irgendwo ohne Telefone (oder wie der Kommunikator dann heißen wird) unterwegs sind – sicherlich wird das kommen, dass alle getrackt werden, und es eine Art Triangulation gibt, sprich es werden mehrere Datenquellen verknüpft, um jeden Menschen immer eindeutig zu identifizieren. Ein unidentifizierter Mensch, das wird illegal sein (und automatisch zu Maßnahmen führen, um Sicherheit zu gewährleisten). Durch Drohnen ist es möglich, die Lücken in der Kamera-Überwachung zu schließen – bei Tag und bei Nacht. Fernmobilität (Autos, LKWs) wird sicher getrackt, was fährt wo und wann und wie schnell – ein Auto ist ein Computer, das ist ja bereits heute so. Welche Daten ausgetauscht werden, ist durch den Nutzer nicht zu kontrollieren. Und generell unüberwachte Mobilität – allein im Wald spazieren gehen – ist dann nicht mehr drin. Das war die Art, wie in der DDR die Dissidenten sich getroffen haben abseits der Stasi-Überwachung. Zufällig im Wald getroffen. Stasi ist ein gutes Stichwort für den nächsten Aspekt – wer über wen welche anderen informiert. Falls es Leuten gelänge, sich dem zu entziehen, würde durch ihre Kontakte – so wie Facebook es bereits macht – dennoch der Nicht-mitmachende Mensch identifiziert und komplett ausgeforscht werden können – soziales Netz, etc. Bei Leuten, von denen es Sicherheitsorgane besonders interessiert, werden natürlich wie eh und je menschliche Informanten angedockt werden, die bezahlt für Aufklärung und Verhaltenssteuerung der Zielperson sorgen. Und zwar parallel zu den indirekten Aufklärungsmethoden, die bereits angesprochen wurden. Wer ist in diesem Überwachungssystem Zielperson? Daran wird in Russland und China gearbeitet, und anderswo sicher auch: Der Bürger-Score. Also ein Punktwert, den du als Person hat, und der deine Systemtreue und Systemrelevanz abbildet. Was gut, richtig und wertvoll ist (und was nicht), das kann natürlich programmiert werden. Es könnten aber auch statistisch aus den Daten – also von unten nach oben – solche Kriterien gebildet werden – daran arbeiten Amazon und Konsorten. Wer wird ein profitabler Kunde, wer ein guter Mitarbeiter? Die negative Seite – wer wird ein Verbrechen begehen – auch daran wird gearbeitet, Stichwort predictive profiling. Einer Technokratie der Zukunft werden die Mittel zur Verfügung stehen, die Gesellschaft total zu steuern. Inklusive natürlich der Macht über Leben und Tod. Es wäre ein Leichtes, einen Mechanismus einzubauen, der deine Körperwerte analysiert – da ist dann klar, wann du dich freust oder wütend bist, wann du schläfst oder wach bist, wie gesund du bist … lauter so Sachen. Ein eingebauter Killswitch würde es ermöglichen, dich per Internet abzuschalten – dann stirbst du, oder wirst ohnmächtig (und sie können dich einsammeln). Allein diese Drohung würde alle gefügig machen. Es würde dann die Einladung zu einer Maßnahme nicht mehr durch äußere Sanktionen (Strafe), sondern durch innere Sanktionen (Belohnung, Schmerz) begleitet. Das Netz wäre dann natürlich der Gott der Welt, an den zu glauben alle gezwungen wären. Apostasie ist der Tod. Und es wäre sicher möglich, dieses System zum besten und einzig möglichen System zu stilisieren. Ganz unvernünftig, da nicht mit zu machen. Das ist der Faschismus der Zukunft.

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Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise

Kapitalismus ist ein System der privaten Kontrolle von Produktionsmitteln durch Eigentum. Unternehmen sind privater Besitz. Ihr Ziel ist es, Gewinn zu erzielen.

Damit aus einem Arbeitsprozess ein Profit entstehen kann, ist es erforderlich, Mehrwert zu generieren. Ein Produkt oder eine Dienstleistung wird wertvoller, weil aus den Ressourcen, die hinein gesteckt werden, durch Arbeit etwas gemacht wird, was am Markt mehr Geld einbringt, als die Ausgangsressourcen und der Herstellungs- bzw. Bereitstellungsprozess insgesamt kostet.

Der Mehrwert entsteht, weil Arbeit hinein gesteckt wird, und diese schafft den Mehrwert. Arbeit meint hier alle menschliche Anstrengung, also Körperkraft, Kreativität, Denkleistung, Prozesssteuerung.

Diesen grundlegenden Mechanismus hat Marx beschrieben. Und wer mag, kann sich daran versuchen, dieses Theorem zu widerlegen. Bloß – ich meine, das ist nicht möglich. Voraussetzung für Profit ist Mehrwert, und der wird durch Arbeit geschaffen.

Die bezahlte Arbeit geht uns aus – wovon sollen wir leben, woher kommt das Geld für den privaten Konsum?

Arbeit schafft Mehrwert. Allerdings ist das nicht notwendigerweise menschliche Arbeit: Durch Maschinen, die mit Strom oder Öl angetrieben werden, wurde Muskelkraft verdrängt. Eine Maschine hat viel mehr Kraft als ein Mensch, die außerdem billiger zu haben ist. Der notwendig menschliche Anteil – sich etwas ausdenken, Möglichkeiten nutzen, Ziele setzen, es organisieren, den Prozess steuern, spezielle Fertigkeiten und Arbeitstechniken, die situativ flexibel genutzt werden müssen, sprich Denken und Problemlösen – läßt sich bisher nicht automatisieren. Aber die Anteile, die früher Menschen erbracht haben, wo es um physische Kraft geht, die verschwinden praktisch gänzlich.

Wer sich eine Baustelle ansieht, erkennt sofort, was sich verändert hat – spezialisierte Teams von fünf Leuten für jede einzelne Aufgabe, insgesamt vielleicht 10 Firmen bzw. 50 Menschen – bauen unter Zuhilfenahme eines Maschinenparks (Kräne, Hebebühnen etc.) ein riesiges Parkhaus innerhalb von Wochen. Daran hätten in früheren Zeiten sicherlich hunderte Menschen sehr lange gearbeitet – nun geht so etwas sehr schnell und es werden sehr wenige Menschen benötigt. Die zusammengebauten Elemente selbst stammen arbeitsteilig aus anderen Produktionen – fertige Stahlträger, Betonblöcke etc. Desgleichen die Maschinen. Schnell geht es vor allem, weil nur zusammengebaut wird. Arbeitsteilung ist effizient.

Computer und Roboter heben diesen Prozess auf eine neue Stufe. Absehbar werden Produktionsvorgänge automatisiert und auch Dienstleistungen, da wo es machbar ist. Um zu produzieren, werden Menschen immer weniger gebraucht, jedenfalls im Rahmen von industrieller Massenproduktion.

Nun ist Lohnarbeit im Kapitalismus die Voraussetzung für privaten Konsum. Wer zu denen gehört, die ihre Arbeitskraft und ihre Fähigkeiten am Markt gegen Geld tauschen müssen, weil sie keine anderen Möglichkeiten der Erhaltung haben, kommt in die Situation, wo immer weniger Menschen als Arbeitskräfte benötigt werden – oder umgekehrt, wo viele Menschen für das System überflüssig werden. Gewinn machen mit immer weniger Menschen in Lohnarbeit, da stellt sich die Frage – wer soll die produzierten Waren und Dienstleistungen denn kaufen, und von welchem Geld?

Volkswirtschaftlich wirkt sich eine geringere Lohnarbeitsquote natürlich auf den Binnenkonsum negativ aus – weniger Geld an Arbeiter entspricht weniger Nachfrage nach Gütern. Die Lösung, die Deutschland gewählt hatte – Exporte – ist natürlich nicht nachhaltig, weil der gleiche Trend in jedem Land passiert. Also braucht es immer neue Export-Märkte. Letztlich ist der Planet natürlich endlich, es gibt also nicht unendlich neue Märkte zu erschließen.

Also: Automatisierung produziert billiger vs. Automatisierung reduziert die Auszahlung von Lohn und damit den Binnenkonsum. Alles kostet fast nichts mehr, bloß niemand kann es sich leisten.

Gute Arbeit ist zu teuer, deswegen gibt es nur noch immer schlechtere Arbeit

Zudem werden durch Einsparungen am Faktor Mensch die Arbeitsplätze schlechter – mehr Arbeit für weniger Geld unter schlechteren Bedingungen – so weit, wie es irgend geht, werden Kostenfaktoren gedrückt, das geht natürlich zulasten der Umwelt, der Gesundheit der Arbeiter*innen und letztlich zulasten der Gesellschhaft insgesamt.

Echte Nachhaltigkeit ist zu teuer für das System

Nur, wenn sie nicht praktiziert wird, ruinieren wir uns selbst und unsere Lebensbedingungen auf dem Planeten.

Wettbewerb und Monopole, Masse vs. Qualität

Kapitalismus ist effektiv, weil es Wettbewerb gibt. Wer billiger produziert, kann billiger verkaufen und drängt damit den weniger billigen Konkurrenten vom Markt. Dadurch ergibt sich ständiger Kostendruck. Alle Aspekte der kapitalistischen Produktionsweise werden immer darauf hin betrachtet, wo gespart werden kann.

Dadurch entsteht natürlich Uniformität von Produkten. Je mehr von einem Produkt in der gleichen Zeit und mit den gleichen Prduktionsweisen produziert werden kann, umso geringer die Kosten pro produziertem Teil. Und je größer der Markt – Stichwort Globalisierung – umso größere Stückzahlen können abgesetzt werden.

Logischerweise sind damit immer große Produzenten im Vorteil gegenüber kleinen, handwerklichen Betrieben. Was verschwindet, sind Produkte in kleiner Serie, und damit Diversifität. Etwas wird entweder massenhaft produziert oder gar nicht mehr bzw. ausschließlich für einen kleinen hochpreisigen Markt, eine Nische.

In der Folge entwickeln sich stets Monopole – und der Wettbewerb verschwindet. Diese Situation wird sich verschärfen. Zunehmend ist der Staat mit den Monopolen verbandelt und hat mit den Interessen der Allgemeinheit praktisch kaum noch zu tun. Das läßt sich gut studieren daran, wie Gesetze entstehen und wie stark der Einfluss von Lobbys darin ist.

Mehr, aber schlechtere Produkte

Auch die Qualität leidet. Es wird nur genau so gut qualitativ etwas gemacht, dass es gerade so besser ist als das Konkurrenz-Produkt, wobei wir sehen können, dass Qualität zunehmend geopfert wird zugunsten von Günstigkeit. Tendenziell werden Produkte also schlechter durch den Kostendruck.

Post-Nationalstaatlichkeit – der Wettbewerb um billigste Produktionsbedingungen. Konzerne, Antihumanismus und Autoritäre Regimes

Konzerne sind globale Player. Sie können alle einzelstaatlichen Regulatorien immer unterlaufen, indem sie an einem anderen Standort produzieren, der weniger Steuern nimmt, weniger Arbeitsschutz und weniger Auflagen in Bezug auf Ökologie stellt. Da Konzerne ausschließlich die Interessen der Anteilseigner verfolgen, sind sie immer desinteressiert an funktionierenden Gemeinwesen und Demokratie. Ein Staat ist für sie günstig, wenn er die Macht in möglichst wenigen Händen monopolisiert – denn nur die braucht der Konzern dann einzukaufen für seine Interessen. Dadurch begünstigen Konzerne das Entstehen von korrupten autoritären Systemen, die den Zugriff auf Ressourcen und Arbeitskraft billigstmöglich erreichbar machen.

Kapitalismus braucht offene Märkte – irgendwohin muss die wachsende Produktion ja abgesezt werden. Und Kapitalismus braucht offene Grenzen, denn er braucht einerseits Druck auf Arbeitslöhne (durch Arbeitskräfte aus ärmeren Regionen) und andererseits werden Spitzenkräfte gebraucht, da ist es wichtig, die besten Leute weltweit rekrutieren zu können. Problem dabei: Brain Drain. Gute gebildete Leute werden aus den Volkswirtschaften ärmerer Länder abgezogen, weil sie bessere Bedingungen in reicheren Ländern haben können. Beide Tendenzen sind im Rahmen von Globalisierung bechrieben worden. Der Widerstand von Nationalisten und Protektionisten gegen diese Trends bleibt wirkungslos, weil sie nicht über Mittel verfügen, den Konzernen wirkungsvoll Grenzen zu setzen. Dazu wäre kein einzelner Staat machtpolitisch in der Lage, und erst recht keine Volksbewegung irgend einer Art. Globalisierung läßt sich nicht stoppen, nur gestalten.

Gegenbewegungen wie die rechten Proteste und nationalistische Parteien können dieses Problem natürlich nicht lösen. Linke Ansätze – internationale Solidarität – scheitern bereits an der Tatsache, dass die Arbeits- und Lebensverhältnisse extrem unterschiedlich sind und dass es eine Hierachie der Privilegierung gibt, die jeder Solidarisierung zuwiderläuft. Niemand in den relativ reichen Ländern würde Wohlstand abgeben wollen und sich auf einem gemeinsamen Niveau begnügen wollen – was übrigens bei etwa 1000€ monatlich läge, wenn man schlicht das globale Wirtschaftsprodukt gleich auf alle 7 Milliarden Menchen verteilen würde. Wir alle im Westen sind Komplizen des Systems, seine Nutznießer. Auch die Armen hier sind besser dran als die anderswo, trotz aller Einschnitte in die Gesundheitsversorgung und generell die gesellschaftliche Infrastruktur ist es immer noch so viel besser hier – materiell betrachtet – als praktisch überall sonst. Was sozialen Zusammenhalt und Lebensglück angeht, ist das übrigens nicht unbedingt der Fall.

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Mein Leben ist nicht einfach – oder: Shit happens

Unendlich dankbar dafür, dass das Jobcenter sich endlich bewegt hat. Ich war zuvor etwa acht Mal vorstellig geworden bzw. habe vergeblich versucht, zu den für mich zuständigen Leuten vorzudringen. Beim letzten Besuch hat es dann endlich geklappt, dass sie mein Ersuchen um Hilfe nun wieder bearbeiten. Auch wenn es nur eine kleine Atempause ist: Zwei Monate sind nun vorläufig bewilligt. Vorläufig, denn die Sachbearbeiterin, die für mich zuständig ist, ist im Urlaub. Wenn sie zurück ist, werden meine finanziellen Verhältnisse erneut geprüft. Während ich faktisch oft gehungert und knappe 25 Kg verloren habe – was man schwer übersehen kann, wenn ich vor dir sitze – sind die Jobcenter-Leute weiter daran, anhand von Papieren zu prüfen, ob ich nicht vielleicht doch heimlich reich geworden bin als Selbstständiger. Wirklich wahr. Was sie sehen und hören, was ein Mensch ihnen sagt und wie der aussieht, das zählt für sie nicht – nur was geschrieben ist, gilt als existent. Für mich ist das eine krass absurde und irreale Situation, jedes Mal wieder. Absolut unmenschlich und entwürdigend. Drei Monate lang habe ich keine Unterstützung bekommen, weil mein WBA (Weiterbewilligungsantrag) aufgrund eines(!) fehlenden Papiers schlicht nicht bearbeitet wurdeLag daran, dass ich arbeite und zugleich Unterstützung bekomme, weil die Arbeit nur wenig Geld einbringt (eher gar keins). Ich muss aber eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung machen, und das sind so Angelegenheiten, von denen ich wirklich nichts verstehe. Geld und Finanzen und der Umgang damit – das ist definitiv nicht meine große Stärke. Eher bin ich total unfähig, ich verstehe regelmäßig nicht, was diese Papiere mir sagen wollen und was ich wo wie eintragen muss. Finde auch dauernd nicht die richtigen Unterlagen. Echt scheußlich. Und weil ich in allen möglichen Schwierigkeiten gleichzeitig gesteckt habe, war ich auch psychisch ziemlich angeschlagen. Eher nicht in einem Zustand, wo du effektiv Angelegenheiten gut regeln und geduldig und freundlich auftreten kannst. Drei Monate ohne Unterstützung – das war sehr schwierig, weil ich als sogenannter Aufstocker (Arbeit für kleines Geld und parallel Harz 4) praktisch nichts verdient habe in meiner Arbeit und weil zudem die Auszahlung meiner Honorare quartalsweise erfolgte, so dass ich – ohne selbst Geld zu haben – für alle meine Ausgaben in Vorleistung treten musste.Irgendwas muss ich essen, irgendwie muss ich halbwegs respektabel auf der Arbeit aussehen, und irgendwie muss ich auch hin- und zurück kommen. Mobilität ohne Geld – da war es gut, dass ich alles mit dem Rad machen konnte. Bloß halt auch sehr lebensgefährlich, in Köln in der Stadt mit dem Rad unterwegs zu sein. Hatte mehrere Unfälle, zwei Mal eine üble Gehirnerschütterung – Auto auf Fahrradweg, Autotüre . Und recht oft bin ich sehr knapp dem Tod von der Schippe gesprungen – so wie in „Taxi drängt mich in den Gegenverkehr ab“ und ähnliches. Das ist kein Vergnügen, in einer Autostadt ein Radfahrer zu sein. Ohne Geld kann man Rechnungen nicht bezahlen, dann kommen Mahnungen und alles wird noch mal sehr viel teurer – wodurch es immer unmöglicher wird, an der Geld-Front wieder eine ruhige Situation herzustellen. Man wird sehr schnell ruiniert und obdachlos in unserem angeblich so sozialen Land. Mein Stromversorger hat mir gekündigt, ich hätte beinahe meine Krankenversicherung verloren, und wenn nicht meine Eltern mir geholfen hätten, auch meine Wohnung und vermutlich meine Freiheit. Denn ich hatte Ärger und viel Papierkrieg, und immer wurde gegen mich entschieden und ich wurde und werde mit Zahlungsanforderungen zugebombt, dass es aus ist.

Anzeigen wegen Körperverletzung (die ich gestellt hatte bei zwei körperlichen Auseinandersetzungen) – eingestellt

Anzeigen, die ich gestellt habe gegen Leute, die mich geschlagen haben, wurden eingestellt. Brille kaputt, das ist zwei mal so gewesen, jeweils ins Gesicht geschlagen worden. Keinerlei Gerechtigkeit, kein Ausgleich dafür – offenbar ist das nicht wirklich illegal, mir eine rein zu hauen. Da fühle ich mich so richtig gut in unserem Rechtsstaat. Nebenbei bemerkt – einmal war es ein Wachpolizist, der mir, als ich mit Handschellen gefesselt auf der Wache war, ins Gesicht geschlagen hat. Acht andere Polizisten drum herum, und sie haben sich geweigert, eine Anzeige wegen Körperverletzung aufzunehmen. Ganz großes Kino. So gewinnt der Staat seine Bürger sicher für ein gutes Verhältnis zu den Ordnungskräften. Nicht. Schon die Sado-Maso-Nummer mit den Handschellen war dermaßen übel – Handschellen super schmerzhaft eng, und wegen nichts – ich hatte lediglich verbal protestiert gegen eine völlig überzogene Maßnahme. Ordnungswidrig geparkt. Und dann krasser Stress mit Polizei. Wieso? Ich hatte angeboten, den Wagen korrekt zu parken. Aber der Polizist meinte, ich röche nach Alkohol und er wolle einen Test machen. Dem habe ich nicht zugestimmt, und schon ging es total brutal zur Sache, als wäre ich ein Terrorist oder so was. Heftig. Habe ich nicht für möglich gehalten, nicht in Deutschland in 2017. Fühlte sich eher an wie irgendeine beliebige diktatorische Bananenrepublik, wie ein ganz schlechter Film oder wie Faschismus. Jedenfalls nicht wie korrekte Polizeiarbeit. Aber wie gesagt – eingestellt. Nix passiert, alles super. Anzeigen gegen mich – ich bin tatverdächtig und muss zahlen, damit eingestellt wird. Und wieso? Da, wo ich geschädigt wurde, gab es keine Zeugen für mich. Es hätte welche geben können, aber ich war jeweils nicht in der Lage, es zu organisieren, dass diese Leute tatsächlich aussagen bzw. ich deren Kontaktdaten überhaupt habe. Allein ist sowas sehr schwierig, zumal wenn du vollkommen geschockt und verletzt bist und gar nicht recht kapierst, was abgegangen ist. Solche Sachen machen auch was mit deiner Psyche, es dauert, bis du wieder balanciert bist und klar denken kannst. Da, wo Leute mich angezeigt haben, war es stets eine Gruppe, die gemeinsam gegen mich vorgegangen sind. Angeblich hätte ich sie genötigt. Und wenn es mehrere Zeugen gibt, ist etwas natürlich eher auch – juristisch gedacht – wirklich wahr. Ich kann – offenbar dank meiner psychischen Superkräfte – eine ganze Gruppe von Leuten zu etwas zwingen. Sehr plausibel. Schön wäre es, bloß: Ich besitze gar keine Superkräfte. Nicht mal so viel Körperkraft, dass ich sie hätte verhauen können. Und ich habe auch niemanden beleidigt oder gar physisch angegriffen. Nur eine Meinung habe ich vertreten, und das deutlich. Hm. Egal, vorbei, wieder was gelernt. Wenn ich mich mit Leuten verbal anlege, ist das schon zu viel. Praktisch ein Maulkorb. Fresse halten – oder du kriegst eine rein. Meinungsfreiheit? Nur, wenn du die Meinung der Masse teilst. Dann allerdings brauchst du auch gar nicht irgendwas zu sagen.

Ausbildungsvertrag für die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten (Verhaltenstherapie) wurde mir gekündigt

So ähnlich ist es mit meiner Arbeit gelaufen. Das lief nicht gut, ich habe mich sehr kritisch geäußert dazu, dass im Rahmen von Verhaltenstherapie-Ausbildung völlig unwissenschaftliche Methoden und Techniken verpflichtend auf dem Lehrplan stehen. “Hypno-Therapie” nennt sich das. Keine wissenschaftliche Evidenz. Man könnte auch sagen: Pure Esoterik. Ich habe dagegen protestiert. Ergebnis – sie haben mir die Ausbildung gekündigt, in die bereits tausende Euros geflossen sind und wo sie an meiner Arbeit sehr gut parasitär verdient haben. Begründung: Ich bin unzumutbar. Auch das ist ganz großes Kino. So geht Kritikfähigkeit. Nicht. Von wegen Psychotherapeuten verstehen Menschen – ich hatte derbe soziale Schwierigkeiten, und alles, was sie tun, ist mir die Arbeit noch zusätzlich schwer machen. Dann wage ich auch noch, das Maul aufzumachen gegen postfaktischen Bullshit. Nee – das geht nun wirklich zu weit. Also haben sie mich raus geworfen. Weil ich ein verrückter, unzumutbarer Hooligan bin. Hm. Gibt mir zu denken. Offenbar bin ich wirklich nicht kompatibel mit irgendwas. und über die Scheiße, die mich umgibt, rege ich mich zu viel auf. Das ist auf Dauer ungesund. Vielleicht sollte ich mein Leben ändern. Auf einen Berg ziehen und dort alleine in einer Hütte oder Höhle leben. Wäre mir sehr recht.

Übler Fahrrad-Unfall

Anfang Juni 2017 – vor 10 Tagen – hatte ich dann einen üblen Fahrradunfall, bei dem ich fünf Zähne verloren habe. An einer Stelle am Rhein, wo es einen Hügel runter geht, ein kleiner Fahrfehler. So schnell kann es gehen. Bin da schon tausend mal runter gefahren. Diesmal ging es schief. Beinahe umgefallen, das wieder in den Griff bekommen, aber dann mit Wucht mit dem Metallzaun kollidiert – und mit dem Oberkiefer gebremst. Autsch. Krankenhaus. Zahnsplitter raus operiert aus Orten, wo sowas nicht hin gehört, sehr blutige und unschöne Geschichte. Am nächsten Tag war dann mein geliebtes Nihola weg. Nur ein paar meiner Sachen lagen da zertreten rum, vom Rad – was wegen Bruch des Lenksystems und des linken vorderen Rades an sich nicht mehr zu bewegen war – keine Spur. Sehr wahrscheinlich haben es kräftige Leute über den Zaun gehoben und in den Rhein versenkt.
Traurige Reste, wo tags zuvor noch mein Rad stand.
Meine Vermutung geht dahin, dass es die Gruppe von ukrainisch-stämmigen Nazis war, denen ich (mit anderen zusammen) in der Nacht vorher auf der Buchheimer Straße begegnet war. Die wollten uns zusammen schlagen, wir sind aber dank der Fahrräder schnell abgehauen. Am nächsten Tag waren diese Leute als Gruppe am Rheinufer unterwegs am nachmittag – da trafen sie mich wieder, es waren aber zu viele Leute da und sie sind nur durch gezogen, ohne was zu machen außer bedrohlich gucken. Nun denke ich, kann gut sein, sie waren nachts noch mal da, und mein kaputtes Rad stand halt genau am Unfallort, zwar ab- aber nicht an den Zaun angeschlossen. Wollte ich natürlich machen, blöderweise ging nicht, es weil das Schloß zu kurz war. So war es leider für diese Gruppe – oder andere Täter, genau sagen kann man es ja nicht – leicht gewesen, sich an dem Rad zu vergreifen. Wäre aus meiner Sicht eine plausible Erklärung, dass es diese Leute waren. Weil – es braucht schon sehr viel Kraft, ein Lastenrad weg zu tragen oder hoch zu heben. Die Dinger sind ordentlich schwer – das schaffen zum Beispiel sinnlos destruktive Jugendliche eher nicht. Aber ist nur ein Verdacht, es war ja niemand da und keine Zeugen. Könnte also jeder gewesen sein. Manche meinen, es sei bestimmt gestohlen worden. Dafür hätte es aber einen Transporter gebraucht, und der hätte auch nicht ans Ufer gekonnt, also wäre es nötig gewesen, das Rad ein Stück weit zu tragen. Wer hätte das gekonnt und gemacht, zumal es auch eine Reparatur in einer dafür vorbereiteten Werkstatt noch gebraucht hätte, bevor ein Dieb damit etwas hätte verdienen können. Deswegen glaube ich das eher nicht. Einer meinte, er hätte das Rad am nächsten Tag in der Wallstraße vor dem Computer-Laden gesehen (allerdings von recht weit weg, könnte auch eine Fehlwahrnehmung gewesen sein). Gesucht habe ich danach natürlich, nur nichts gesehen und auch sonst hat keiner was davon mit gekriegt. Aber egal, was fott es es fott.
Keine Ahnung, wie es weiter geht. Ich bin zwar verletzlich, aber zugleich unzerstörbar. Das ist einfach meine Haltung dazu – und irgendwie geht es schon weiter. Aufgaben kommt nicht in Frage. Eher werde ich härter und konsequenter durch solche Erfahrungen. Ein Mann geht seinen Weg. Was ihn nicht umbringt, macht ihn stark.
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Deutsche Bank, Trump, Kushner – und Russland

Der Wahlkampf von Deutsche-Bank-Kunde Trump wurde möglicherweise via Russland finanziert. Es wird über die Rolle von Putin spekuliert. Mitten drin Jared Kushner, der sich mit Vertretern einer großen russischen Bank trifft, die eng in den Staatsapparat integriert ist und im Zusammenhang mit geheimdienstlichen Aktivitäten genannt wird. Putin sitzt dort im Aufsichtsrat. Die Bank steht unter US-Sanktionen. Kushner wollte angeblich gerne geheime Kommunikationskanäle mit Russland über die russische Botschaft installieren, um vor Nachforschungen des FBI geschützt zu sein.

Kushner met with the CEO of Russia’s state-owned Vnesheconombank in December 2016. The meeting came on the heels of Kushner’s meeting with Russia’s ambassador to the US, Sergey Kislyak, at Trump Tower, in which he reportedly floated the possibility of setting up a secure line of communication between the Trump transition team and Russia.

Kushner suggested using Russian diplomatic facilities in the US to communicate, which would essentially conceal the Trump team’s interactions with Russian officials from US government scrutiny, The Washington Post reported on Friday.

Kislyak reportedly orchestrated the meeting between Kushner and Vnesheconombank CEO Sergey N. Gorkov, The New York Times reported earlier this year. Gorkov was appointed by Russian President Vladimir Putin in January 2016 as part of a restructuring of the bank’s management team, Bloomberg reported last year.

Between 2012 and 2014, Vnesheconombank was used as cover for Russian spy Evgeny Buryakov as he attempted to recruit New York City residents as intelligence sources for Moscow, according to the Department of Justice. Before that, Buryakov used Vnesheconombank as a cover to spy and recruit assets in South Africa.

Quelle: http://www.businessinsider.de/kushner-meeting-russian-bank-gorkov-vnesheconombank-2017-5?r=US&IR=T

Hier ein Video von CNN zu dieser Geschichte.

Quelle: http://ht3.cdn.turner.com/money/big/news/2017/03/28/kushner-russian-banker-meeting-nyt-rosenberg.cnnmoney_1024x576.mp4

Die Deutsche Bank – wo Trump Kunde ist – mischt auch irgendwie mit. Trump hat um die 300 Millionen US-Dollar Schulden bei der Deutschen Bank. Sie hat gute Kontakte nach Russland, es gibt da diese Geschichte über Geldwäsche für russische Oligarchen mittels des Erwerbs von Immobilien (!) in den USA.

In January 2017, shortly after Trump took office, Deutsche Bank agreed to pay $630 million to settle allegations that its Moscow, New York and London branches helped wealthy Russians in a $10 billion money laundering scheme.

Last month, Democrats asked the bank whether accounts held by Trump and his family had any ties to Russia.

Quelle: http://money.cnn.com/2017/06/09/news/companies/deutsche-bank-trump-democrats/index.html

The lawmakers want the German bank, which has made loans to Trump’s businesses, to release any internal reviews it may have conducted into loans to Trump and his family members and tied to allegations Deutsche helped wealthy Russians launder billions of dollars.

(…) While other financial firms have been reluctant to work with Trump, Deutsche has been a steadfast financial backer of the former real estate mogul’s business interests.

Quelle: http://money.cnn.com/2017/05/24/news/economy/deutsche-trump-russia/index.html?iid=EL

Weltpolitik und Verschwörungsgerede. Mich hat es immer genervt und ich habe das vehement abgelehnt. Und zwar deswegen, weil diese sogenannten Erklärungen meist beliebig zusammen geworfene Fakten irgendwie verwursten und daraus eine Story machen, die dann grob vereinfacht und ein Verstehen eher unmöglich macht, als es zu befördern.

Schwierig, wenn diese Geschichten Gegenstand der Betrachtung sind. Es ist offensichtlich, dass die Trump-Administration ihre Machtposition nutzt für ihre privatwirtschaftlichen Interessen, und es sie offenbar nicht die Bohne interessiert, dass sie sich höchstwahrscheinlich jenseits der Legalität bewegen.

For years, Donald Trump has used a powerful tool when dealing with bankers: his personal guarantee.

Now that guarantee — employed to extract better terms on hundreds of millions of dollars of loans to the Trump Organization — is at the center of a delicate loan-restructuring discussion at Deutsche Bank AG, which is under investigation on several fronts by the U.S. Department of Justice.

The bank is trying to restructure some of Trump’s roughly $300 million debt as part of an attempt to reduce any conflict of interest between the loan and his presidency, according to a person familiar with the matter. Normally, the removal of a personal pledge might lead to more-stringent terms. But there is little normal about this interaction. Trump’s attorney general will inherit an investigation of Deutsche Bank related to stock trades for rich clients in Russia — where Trump says he plans to improve relations — and may have to deal with a possible multibillion-dollar penalty to the bank related to mortgage-bond investigations.

Quelle: https://www.bloomberg.com/news/articles/2016-12-22/deutsche-bank-s-reworking-a-big-trump-loan-as-inauguration-nears

Der Guardian hat einen Artikel dazu, der die Auseinandersetzungen der Deutschen Bank mit Trump beschreibt – und wo klar wird, dass sich der oberste Bully der Welt auch gegenüber seinen Finanziers übelst aufführt.

Quelle: https://www.theguardian.com/business/2017/feb/16/how-donald-trump-became-deutsche-bank-biggest-headache

Nichts davon ist auch nur irgendwie im Rahmen normaler und legaler geschäftlicher Interaktionen – praktisch alles schreit geradezu nach irgend einer Form von Ermittlung und nach einer gerichtlichen Überprüfung.

Die Abgeordneten der Demokraten beschrieben die Beziehungen zwischen Trump und der Deutschen Bank als „unkonventionell“. Sie hoben hervor, dass das Institut eine der wenigen Banken war, die ihre Geschäftsbeziehungen zu dem Immobilienmogul fortgesetzt hatten, nachdem in den 90er Jahren mehrere seiner Casinos pleite gegangen waren.

Quelle: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/a-1151455.html

Wozu die Stories gut passen, die Trump in Verbindung mit der Mafia bringen (es wird kolportiert, dass dessen Immobilien-Geschäfte nicht zufällig für ihn günstig liefen und er seinen Reichtum möglicherweise äußerst zwielichtigen Verbindungen verdankt). Träfe das zu, wäre Trump schlicht ein Gangster. Vielleicht schlauer, hier einen Konjunktiv zu verwenden, um nicht irgendwann schlimme Anwaltspost zu haben. Nützt natürlich nicht dagegen, Betonfüße verpasst zu bekommen.

Beginning three years earlier, he’d hired mobbed-up firms to erect Trump Tower and his Trump Plaza apartment building in Manhattan, including buying ostensibly overpriced concrete from a company controlled by mafia chieftains Anthony “Fat Tony” Salerno and Paul Castellano. That story eventually came out in a federal investigation, which also concluded that in a construction industry saturated with mob influence, the Trump Plaza apartment building most likely benefited from connections to racketeering.

Quelle: http://www.politico.com/magazine/story/2016/05/donald-trump-2016-mob-organized-crime-213910

Trump glaubt an Loyalität – Gefallen tun und erwidern, und wer das nicht tut, an dem wird er sich rächen. Auch das ist sehr eine Mobster-Einstellung.

Vom Prinzip her denke ich, was 2Pac über die Welt gesagt hat – the world is run by gangs – macht durchaus Sinn. Im Kleinen wie im Großen sind es Banden, die Territorien und Geschäfte kontrollieren. Eine rationale Weltsicht besteht in der Analyse von Systemen und Interaktionen, die aus den Daten eine Theorie gewinnt – im Gegensatz zu einer irrationalen Weltsicht, die ausgehend von einer Ideologie die Fakten passend einbaut und gegenteilige Informationen ausblendet, weil es darin eben nur um ein passendes Bild geht, nicht um eine Annäherung an tatsächliche Vorgänge.

Das Gute an der Ära Trump ist, dass die Art, wie die US-Regierung agiert, so krass und schräg und heftig ist, dass auch die Menschen, die so gerne an einen Rest von Anstand und ein wenigstens grundsätzlich nicht vollkommen verrottetes System würden glauben wollen, dies nun als Illusion erkennen müssen. Wie die USA mit dem Trumpismus klar kommen, wird wesentlich prägen, was von der Idee der repräsentativen Demokratie noch übrig bleibt. Im Trumps Team waren von Anfang an Leute, die das System zerstören wollten – und wie es scheint, haben sie durchaus dazu beigetragen, Politik und die Frage nach der Gestaltung der öffentlichen Ordnung generell wieder spannend und interessant zu machen. Kommt da ein neuer Faschismus, geht diese Geschichte durch, die Trump versucht – oder gibt es tatsächlich funktionierende Checks and Balances?

Der Trumpismus hat aus den USA eine Nation gemacht, die mehr wie Breaking Bad rüber kommt, als das sie irgendwie ein Vorbild für Demokratie in der Welt sein könnte. Entsprechend sank das Vertrauen der deutschen Bevölkerung zu den USA auf einem ähnlich niedrigen Stand wie das Vertrauen in Russland unter Putin. Während gleichzeitig aufgrund des zugegebenermaßen hohen Unterhaltungswertes dieser political crime series auf einmal Weltpolitik wieder spannend geworden ist. Und selbst Wissenschaftler*innen, die im leben nicht gedacht hätten, dass sie sich mal politisch betätigen würden, gehen demonstrieren, weil die postfaktische Weltsicht des Präsidenten ihnen (uns) schlaflose Nächte bereitet.

 

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Wie der neue Faschismus aussieht und funktioniert

Das Weltbild der Faschisten hat sich nie verändert. Die Welt ist ein Krieg von Rassen, wobei es eine Hierarchie der Wertigkeit der Rassen gibt. Oben, das sind die Weißen. Unten, das sind die Schwarzen. Die Juden sind das Böse. An den Juden liegt alles, sie sind die Strippenzieher. Kapitalismus, Kommunismus, und generell alles, was schlecht ist – das waren und sind die Juden.

Angestrebt wird ein Naturzustand, der per se gut ist, alle Probleme löst und etwa so aussieht: Jedes Volk besteht aus genau einer Rasse, hat eine gemeinsame Nation und darin genau eine Kultur und eine Sprache. Der Staat ist mit Nation, Kultur und Rasse identisch.

In der Volksgemeinschaft herrscht dann eine Hierarchie, mit dem Führer an der Spitze, dem alle unbedingt folgen. Abweichung und Kritik werden gnadenlos ausgemerzt. „Natürlich“, das ist heterosexuell. Männer stehen über Frauen. Deswegen werden auch die Entscheidungen nur von Männern getroffen. Frauen kriegen Kinder und kümmern sich um diese und den Haushalt. Das ist ihr natürlicher Ort.

„Natürlich“, das bedeutet auch, das immer die Starken recht haben. Wenn sie dies wünschen, können Starke die Schwachen schützen. Aber unnützliche Wesen braucht es nicht – Kranke zum Beispiel, die nicht heilbar sind, werden umgebracht.

Die Volksgemeinschaft wird als Projektionsfläche auch für die Sehnsüchte der Menschen gebraucht – es gibt da keine Klassen (sowieso eine Erfindung der jüdischen Marxisten, diese „Ausbeutung“). Es gibt in dieser Ideologie auch kein gesellschaftliches Unten und Oben, was irgendwie ungerecht wäre. Das ist der Teil von „sozialistisch“ in Nationalsozialistisch.

Globalisierung gibt es auch nicht mehr in der faschistischen Utopie. Wie Wirtschaft funktioniert, die nicht mehr exportiert und importiert und woher das deutsche Erdöl und die deutschen Bananen kommen werden – das wird sich zeigen.

Generell sind diese Weltbilder einfach und unlogisch – der Wohlstand, den Deutschland zum Beispiel hat, wird als selbstverständlich vorausgesetzt, die internationale Arbeitsteilung wird nicht bemerkt und analysiert. Als ob sowas in einem protektiv abgeschirmten Nationalstaat erreichbar wäre. Was im Rahmen einer solchen Politik tatsächlich gehen würde, zeigt Nordkorea.

Allerdings ist Faschismus immer expansiv – die Ressourcen des Planeten – wo sie denn dem Nationalstaat fehlen – müssen natürlich erobert werden. Wozu eine überlegene Rasse natürlich das Recht hat. Lebensraum im Osten, ein Platz an der Sonne, am deutschen Wesen soll die Welt genesen etc. Aktuell verbünden sich Faschisten und teilen einen Wertekanon. Nur: Sobald Staaten faschistisch regiert sind, sind sie im Krieg miteinander. Nicht wie jetzt überwiegend im Wirtschaftskrieg, sondern physisch mit Waffen. Wie das ausgeht, haben wir 1945 gesehen.

Der neue Faschismus ist nicht neu. Sieht nur ein wenig anders aus und hört sich ein wenig anders an, weil man nicht unmittelbar mit dem Weltenbrand und dem Holocaust identifiziert werden will – sonst wäre die Neuauflage dieser Menschheitsverbrechen, die zwingende Teile des Programms sind, vielleicht erschwert. Wobei ja an der positiven Besetzung des Begriffes völkisch gearbeitet wird und die Erinnerung an den Holocaust als nationale Schande diffamiert wird. Wohlgemerkt – die Erinnerung an den Holocaust, nicht der Holocaust selbst. Der war ja keine Schande? Nein. Sondern deutsche Wertarbeit.

Ideologisch ist alles alt am neuen Faschismus. Die Funktionsweise, also wie sich diese Leute breit machen, ist auch wie gehabt: Sie drehen alles um, Täter-Opfer-Umkehr und Freund-Feind-Denken plus Projektion des Bösen. Was sie vorhaben, werfen sie lautstark den anderen vor. Und sie gehen mit physischer Gewalt vor. Wo das nicht geht, bereiten sie es vor durch aggressive Rhetorik.

Im Einzelnen:

Der christliche Westen hat den Rest der Welt mit Invasionen und Kriegen überzogen, unterworfen, versklavt und ausgeplündert. Da kommt der Reichtum her, der jetzt hier ist. Und weiterhin wird Krieg geführt gegen die Armen, weltweit. Woran die deutsche Wirtschaft profitiert. Ohne Blut für Öl würde nichts davon gehen.

Das wird umgedreht. Nun sind wir im Westen die Opfer – wir werden durch eine Invasion besetzt, unser Wohlstand wird uns betrügerisch entzogen, unsere Frauen werden vergewaltigt, wir werden versklavt etc. Man wird uns unseren Glauben und unsere Freiheit nehmen.

Der weiße Mann hat die Frauen zu dummen Tieren degradiert.

Das wird umgedreht: Nun sind Männer die Opfer des Feminismus.

Der weiße Mann hat die nicht-weiß definierten Menschen massenhaft versklavt, unterdrückt und umgebracht. Sie durften keine Nationen bilden, keine eigene Kultur pflegen, hatten keinerlei Rechte.

Das wird umgedreht: Nun sind die Weißen in Gefahr, sie werden durch Nicht-Weiße ausgerottet und müssen sich der Umvolkung sowie der Rassenschande erwehren.

Der heterosexuelle Mann hat alle anderen sexuellen Identitäten brutal verfolgt und sehr viele ermordet. Es gibt eine historische Tradition, die letztlich einen bisher in seinen Dimensionen noch kaum erfaßten Massenmord an Nicht-Heteros beinhaltet.

Das wird umgedreht: Nun werden normale Männer verschwult und unterdrückt. Der Gender-Wahn zerstört die natürliche Ordnung. Etc.

Diese Liste ließe sich lange weiter schreiben. Immer ist das Muster gleich: Täter-Opfer-Umkehr.

Zweck der Übung: Die alten Zustände, in denen Privilegien selbstverständlich waren, wieder zu etablieren. Und eine Rechtfertigung dafür zu haben, wieso ein solches Ansinnen mit Massenmord angestrebt werden darf. Auch darüber darf man sich keine Illusionen machen – Ziel ist ein Bürgerkrieg, eine faschistische Regierung, ein großes Aufräumen. Und Blut soll spritzen.

Nun ist es allerdings so, dass dieser Krieg nicht irgendwann kommt, sondern bereits ausgetragen wird. Es werden Menschen angegriffen von den Faschist*innen, jeden Tag. Und da, wo faschistische Herrschaft bereits Realität ist – da werden die Schwulen umgebracht, die ethnischen Minderheiten mit Krieg überzogen, die Opposition eingesperrt und gefoltert.

Neu am neuen Faschismus ist vielleicht die Optik und ein Teil der Rhetorik – mehr nicht. Es gibt ein Durcheinander von ideologischen Versatzstücken, das ist recht beliebig und post-modern. Weil alle politischen und sozialen Bewegungen auch nach rechts außen anschlußfähig sind – paradoxerweise auch der Antifaschismus und das Judentum – ist das verständlich.

Was daraus werden wird? Ich weiß es nicht. Nichts Gutes, so viel ist sicher. Anti-Humanistische Bewegungen richten massive Schäden an. Was allerdings auch Bewegungen, die sich explizit als humanistisch definiert haben, hin bekommen haben. Und in post-faktischen Zeiten kann der Faschist sich als Verteidiger der freien Rede und der Demokratie gerieren, ohne auf allgemeinen Widerspruch zu treffen.

Einige Geschehnisse aus den USA unter dem neuen Führer:

https://www.colorlines.com/articles/growing-alliance-between-neo-nazis-right-wing-paramilitaries-and-trumpist-republicans 

Woraus besteht ein Faschist – psychologisch und soziologisch betrachtet?

  • Konventionalismus. Starre Bindung an die konventionellen Werte des Mittelstandes.
  • Autoritäre Unterwürfigkeit. Unkritische Unterwerfung unter idealisierte Autoritäten der Eigengruppe.
  • Autoritäre Aggression. Tendenz, nach Menschen Ausschau zu halten, die konventionelle Werte missachten, um sie verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können.
  • Anti-Intrazeption. Abwehr des Subjektiven, des Phantasievollen, Sensiblen.
  • Aberglaube und Stereotypie. Glaube an die mystische Bestimmung des eigenen Schicksals, die Disposition in rigiden Kategorien zu denken.
  • Machtdenken und „Kraftmeierei“. Denken in Dimensionen wie Herrschaft – Unterwerfung, stark – schwach, Führer – Gefolgschaft; Identifizierung mit Machtgestalten; Überbetonung der konventionalisierten Attribute des Ich; übertriebene Zurschaustellung von Stärke und Robustheit.
  • Destruktivität und Zynismus. Allgemeine Feindseligkeit, Diffamierung des Menschlichen.
  • Projektivität. Disposition, an wüste und gefährliche Vorgänge in der Welt zu glauben; die Projektion unbewusster Triebimpulse auf die Außenwelt.
  • Sexualität. Übertriebene Beschäftigung mit sexuellen „Vorgängen“.

Wie ist so ein Mensch strukturiert?

  1. Ängstliche Abwehr von Neuem und Fremden
  2. Rigides und unflexibles Verhalten
  3. Anpassungs- und Unterordnungsbereitschaft
  4. Orientierung an Macht und Stärke
  5. Feindseligkeit und unterdrückte Aggressivität
  6. Konformität
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