Antisemitismus (einige Gedanken dazu)

Nicht sehr sortiert. Ein langer FB-Post. Damit er wiederfindbar ist, abgelegt als Notiz.

At every point Martin was available and he wanted to believe that the best outcomes were possible. A genuine humanitarian, someone whose writing of history taught him we could always do better in the future if we are able to learn the lessons of history.

— Gordon Brown

Sir Martin Gilbert ist mir aufgefallen, weil ich nachgelesen habe über die Geschichte der Familie Kushner.

In diesem Zusammenhang eine Menge an Gedanken, die als verbindendes Element Judentum und Antisemitismus haben.

Jared Kushner, Sohn von Joseph und Rae Kushner, ist ein millionenschwerer Immobilien-Manager und Berater von Donald Trump.

Er ist verheiratet mit Ivanka Trump und unter anderem für Mexiko und China der inoffizielle Ansprechpartner, außerdem als UN-Sonderbeauftragter zuständig für die Nahost-Friedensgespräche, ein Geschäftspartner von George Soros, Peter Thiel und der Familie Steinmetz, einer der reichsten Familien in Israel (Steinmetz Diamond Group). Natürlich hat er auch mit Goldmann Sachs zu tun. Zudem ist Jared als Chef der von Trump neu geschaffenen American Innovation genannten Gruppe für die Entbürokratisierung der Regierung zuständig. Mit seinem Bruder Murray Kushner (ebenfalls sehr reich und Immobilen-Manager) hat er sich offenbar dauerhaft überworfen.

Über diese Verflechtungen hat n-tv berichtet, und weil der Artikel von Hannes Vogel SEHR nach „jüdischer Weltverschwörung“ klang, dachte ich mir, ich recherchiere das mal. 
Ausgangspunkt waren diese beiden n-tv-Artikel: Die Kushner-Connection im Weißen Haus und Kushners geheime Millionen aus Israel.

Ich habe also damit angefangen, mir anzusehen, wer sind den „diese Kushners“.

Fertig bin ich damit natürlich nicht, sondern eher ganz am Anfang. Den habe ich zuerst gesucht, logischerweise.

Dabei kam ich historisch rückwärts suchend bis zu dem Zeitpunkt, wo es darum geht, was mit den 12.000 Juden und Jüdinnen in Novogrodek (Polen) nach dem Einmarsch der Russen passiert ist (Enteignung) und was dann nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland passiert ist (Ghettoisierung, Vernichtung durch Massenmord).

Hier geht die Geschichte der Kushners – soweit dokumentiert – los: In Novogrodek ist Rae Kushner (Tochter von Zeidl Kushner, Frau von Joseph Kushner, dem Vater von Jared Kushner) 1923 geboren worden. 2004 ist sie gestorben. Sie hat den Holocaust überlebt, war mit 600 Menschen eingesperrt – dann Flucht durch einen heimlich gegrabenen Fluchttunnel, 170 Menschen haben es überlebt von den 250, die geflohen sind. Leben im Wald mit Partisanen, 1200 Partisanen waren das unter der Führung von Tovya Bielski. Von den geschätzt 20.000 – 25.000 Partisan*innen in Polen waren die meisten kommunistisch und in der Regel antisemitisch, so dass die jüdischen Partisanen auch gegen andere Partisanengruppen zu kämpfen gezwungen waren.

Artikel dazu: David Rosenthal – Jewisch Resistance in WW II (Jewish Frontier – NOVEMBER DECEMBER 1997 – story of bielkis partisans

In den Wäldern (markiertes Gebiet, Wälder und Sümpfe) gab es jüdische Widerstandsgruppen, die von den seit Generationen im Wald lebenden Holzfäller-Familien geleitet waren und die völlig ohne Unterstützung von Außen arbeiten mussten, da sie von den anderen Partisanen, die durch die Russen unter Stalin unterstützt waren, ebenfalls angefeindet wurden – deren Antisemitismus war ähnlich stark ausgeprägt wie der der Deutschen, so dass Erschießungen von Juden als „Spione“ durch von Russland unterstützte Partisanen-Gruppen durchaus oft passierten.

Martin Gilbert hat neben seinen vielen Arbeiten über Winston Churchill auch historisch geforscht über den jüdischen Widerstand in der Zeit des 2. Weltkrieges und – zeitlich später – über die Refuseniks – Menschen, die versucht haben, die Sovietunion zu verlassen; die Stellung eines Ausreise-Antrages führte regelhaft zu einer massiven Diskriminierung, meist Entlassung aus der Arbeit (für ALLE Familienangehörigen) und anschließend Gefängnisstrafen wegen „Sozialparasitismus“.

Der Antisemitismus in Europa – in Deutschland, Polen, Russland – ist kontinuierlich gewesen und von allen Seiten. Eine „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“ – wie es die Nazis stets gesagt haben – ist da nirgends erkennbar, die Bolschewiki haben Juden und Jüdinnen ebenfalls recht gnadenlos verfolgt.

Aber sie nicht systematisch und industriell ermordet – das ist speziell an den Nazis und macht die Singularität des Holocaust aus.

Genozide gab es oft in der Menschheitsgeschichte – aber nie und nirgends eine solche geplant durchgeführte totale Enteignung, Entrechtung und Vernichtung, die durch einen Staat über seine gesamte Bestehenszeit hinweg konsequent betrieben wurde. Das ist der Grund, weswegen Relativierungen unter Bezugnahme auf andere Menschheitsverbrechen – wie „aber Stalin hat in den GULAGS doch auch Millionen umkommen lassen“ – unangebracht sind.

Wobei unbestritten es etliche mörderische Episoden insbesondere (aber nicht nur) in der Neuzeit gibt, mit jeweils Millionen vertriebenen Menschen und Millionen Toten. Ich bin ganz sicher niemand, der historische oder aktuelle Verbrechen der autoritären Kommunisten, der Nationalisten oder der religiösen Gemeinschaften und generell von organisierten Gruppen nicht wahrnimmt oder gar leugnet.

Natürlich ist der sogenannte Labor Zionism stark sozialistisch orientiert gewesen, mit vielen Menschen, die ein Israel aufbauen wollten, in dem die Juden und Jüdinnen eben nicht kapitalistisch leben. Diesen Aspekt – das Menschen, die im Judentum verwurzelt sind, Vordenker*innen der sozialistischen Bewegung waren – bestreitet niemand.

Zurück zu Jared Kushner. Trumps Tochter Ivanka ist mit Jared verheiratet und wegen ihm zum Judentum konvertiert, und die Familie hat viel Geld und sehr reiche Freunde mit sehr dubiosen Geschäftsmethoden.

Antisemiten werden das freudig zur Kenntnis nehmen – aha, da ist doch wieder der Beweis, dass USA und Israel gemeinsam das Böse auf der Welt darstellen und hinter allem die bösen Juden stecken.

  • Gegen Juden sein, das vereint (extreme) Rechte weltweit.
  • Gegen Juden sein ist auch gemeinsamer Nenner von arabischen Nationalisten aller Art sowie von (vielen) islamischen und allen islamististischen Organisationen. Wobei das Goldene Zeitalter der jüdischen Kultur unter der schützenden Herrschaft der islamischen Zivilisation statt gefunden hat – in dieser Zeit waren die Europäer sehr unzivilisiert und gewalttätig und weit davon entfernt, irgendwie der fortschrittliche Kontinent zu sein, der sie in den Köpfen vieler westlicher Leute heute und hier angeblich schon immer waren. Dabei ist die „Barbarei“ historisch hier erst kürzlich beendet worden, wenn überhaupt. Mit dem Finger auf „die Muslime“ zeigen, das ist historisch gesehen dermaßen unsinnig, dass es zum Schreien ist. Hochkulturen, da ist Europa wirklich erst lange nach vielen anderen mal an der Reihe gewesen. Hier war kulturell praktisch nie was los, was der Rede wert gewesen wäre. Nicht mal schreiben konnten sie, und die EDDA ist zwar spannend, aber kein Vergleich zu dem, was anderswo so entstanden ist.
  • Bei den sogenannten Linken ist Anti-Amerikanismus weit verbreitet, worin die antisemitischen Stränge ebenfalls deutlich sind. Soweit mit links eine emanzipatorische und humanitäre Richtung gemeint ist, sind Antisemiten niemals links, und Linke niemals bewußt Antisemiten.
  • „Israel-Kritik“ ist lediglich ein anderes Wort für Antisemitismus, was weniger verbraucht und mörderisch klingt. Im Kern meint es: „Bloß weil die Juden und Jüdinnen ansonsten ausgerottet werden, haben sie dennoch kein Recht, sich eine Nation gewaltsam zu schaffen“. Übrigens gibt es für kein Land der Welt eine solche „Kritik“ – außer für Israel. Oder hat schon mal jemand von „Deutschland-Kritik“ gehört oder gelesen? Das gleiche gilt für die „Besetzten Gebiete“ – nirgendwo sonst gibt es diese besondere Floskel, höchstens für die ehemalige DDR, wo es auch eine Weile hieß „derzeit sowjetisch besetzte Gebiete“. Umstrittene Territorien gibt es allerdings jede Menge, praktisch bei JEDEM Staat und jeder Nation sind Gebiete da, die irgendwie mehr und andere, die irgendwie weniger dazu gehören – eben weil Nationen und Grenzen auf Macht und Gewalt basieren. Texas beispielsweise, wo liest man „derzeit von den USA besetzte mexikanische Gebiete“? Auch die „derzeit von Deutschland besetzten Gebiete der Dänen“ werden so in der Regel nicht bezeichnet. Womit ich jetzt NICHT mißverstanden werden mag – es ist mir nicht egal, wie es den Palästinensern ergeht, und kein Staat darf beliebig Menschenrechte mißachten (auch wenn alle Staaten das tun, in unterschiedlichem Ausmaß – wobei halt ohne Staaten wohl auch keine Menschenrechte da wären, aber das ist ein anderes Thema). Was ich aber sage: Jüdische Menschenrechte sind ohne einen Staat Israel praktisch nicht denkbar bzw. zu fragil, diese Ansicht teile ich.
  • Von den Verschwörungstheoretikern brauche ich gar nicht anzufangen, da läuft es IMMER auf Antisemitismus hinaus. „9/11 was an inside job“. Und was ist dann die Wahrheit der Truther-Bewegung? Natürlich diese: „Es stecken DIE Juden dahinter“. Und natürlich paßt das irgendwie, denn das WTC gehörte einem reichen Juden, und damit ist die „Theorie“ bereits bewiesen. Dass es zum Wesen einer Theorie gehört, dass sie prüfbar (widerlegbar) sein muss, ist zu hoch für die Truther. Nicht umsonst gibt es diese breiten Überschneidungen mit allen anderen Sorten von geglaubten Unglaublichkeiten bei dieser Bewegung von erklärungssuchenden Menschen – Aliens, Ufos, Blood Lines, gefakte Mondlandung, „Holocaust ist nie passiert“, Nazideutschland wurde von Polen angegriffen, Hohlwelttheorie, Chem-Trails, etc. pp.

Sir Martin Gilbert ist Jude.

Bereits das reicht, um ihn für Antisemiten als unglaubwürdig zu stempeln. Entsprechenden Angriffen war er natürlich bereits des öfteren ausgesetzt.

Ein der historischen Forschung gewidmetes Leben und eine Liste von veröffentlichten Büchern, die gemeinsam ein enormes Regal füllen – voll mit kleinen und kleinsten Details und Quellenangaben, so wie bei Historikern allgemein üblich – ist dagegen irrelevant, denn:

Wer ein einfaches Weltbild hat, läßt sich durch Fakten bekanntlich nicht verwirren oder gar korrigieren.

Die schlimmste Weltanschauung, das ist die Weltanschauung der Leute, die sich die Welt nie angeschaut haben.

Selten habe ich etwas gehört, was so wahr ist, wie dieser eine Satz.

Für Komplexität haben viele Menschen wenig Verständnis.

Antisemitismus funktioniert wie ein Kurzschluss: Weil es mächtige reiche Juden gibt, ist er bereits bewiesen.

Ein Gegenbeweis ist in so einer Logik unmöglich.

Es gibt Juden, manche davon sind enorm reich und verwenden fiese Geschäftsmethoden – was sie mit Nicht-Juden übrigens gemeinsam haben, und wer das in Frage stellt, sollte mal zu einem Arzt gehen.

Weil das so ist, lassen sich immer „Connections“ zu Juden finden. Wir leben in einer Welt, die global verbunden ist durch das Börsensystem, durch Aktien und Investitionen. Jeder reiche Mensch hat da Anteile, ergo gibt es auch immer Anteile von jüdischen Personen und von Institutionen, wo Juden vertreten oder auch führend sind.

Allerdings sind keineswegs ALLE Juden reich oder mächtig, weder jetzt noch früher — sondern es sind die meisten Juden ermordet worden von Antisemiten, und das waren sehr oft bitter arme, ausgegrenzte Menschen.

Es sind auch keineswegs ALLE Juden jemals einer Meinung gewesen, oder werden es je sein – darin unterscheidet sich diese Gruppe nicht von irgend einer anderen auf der Welt, auch wenn das noch so oft behauptet wird im Rahmen der typischen Dämonisierung.

Dämonisierung, das ist ein wichtiger definitorischer Aspekt des Antisemitismus.

Inhaltlich: Alle Juden sind a) gleich und b) böse sowie c) nur böse.

Dämonisierung ist wiederum Bestandteil jeder Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: Menschen werden anhand von EINEM Merkmal als Gruppe zusammen gefaßt, und es wird für alle Mitglieder der Gruppe gesagt, sie wären a) auch in ALLEN anderen Hinsichten gleich sowie b) sie wären schlecht, böse, etc.

Wieso ist es wichtig, über diese Dinge sich schlau zu machen?

Was Israel heute ist, läßt sich ohne Kenntnis der Geschichte – ohne ein fundiertes Wissen über die Verfolgung der Juden durch die gesamte Geschichte der Menschheitsgeschichte hindurch – nicht mal im Ansatz verstehen.

Auch, was in USA passiert, wird erst verständlich, wenn Geschichte bekannt ist.

Wer natürlich nur einen Feind sucht, ist mit den Juden perfekt bedient – das hat Hitler erkannt, und es ist in „Mein Kampf“ ja nachlesbar, wie er erklärt, dass zu Propagandazwecken alle faktisch unterschiedlichen Gruppierungen, gegen die er vorzugehen sich vorgenommen hatte, zu einem einzigen Feind gemacht werden müssen in der Demagogie, weil eben das Volk eine einfache Erklärung sucht, wünscht und braucht.

Mit anderen Worten: Hitler war sehr bewußt, dass es nicht stimmt, dass hinter allem die Juden stecken. Und ihm war klar: Eine solche Erklärung hat dennoch sehr viel Durchschlagskraft. Zumal sie auf Ressentiments aufbaut, die bis in die Entstehungszeit der Juden zurück reichen und für die es überall und weltweit Anhänger*innen gibt.

Antisemitismus war und ist ein weltweites Phänomen.

Antisemitismus ist in seinen heutigen Formen nicht verständlich, ohne auf den ursprünglich „christlichen“ Anti-Judaismus zurück zu schauen. Christlich in Anführungszeichen, den Jesus war natürlich Jude und ein Rabbi, ein Gelehrter der Schrift und des Glaubens – wer ein Christ sein mag, kann daher nicht wirklich zugleich ein Antisemit sein.

Anti-Judaismus ist Judenfeindschaft, die sich als theologisch begründet sieht – „die Juden haben den Messias umgebracht“. Korrekterweise müßte man sagen „Einige mächtige Juden haben einen politisch nicht sonderlich mächtigen, aber offenbar bedeutsamen Juden, der ihnen theologisch nicht gepaßt hat, hinrichten lassen“. Mal abgesehen davon, dass es natürlich die Römer waren, die zu der Zeit die Herrscher waren, aber niemand macht deren heutige Nachfolger – die Italiener – für den Tod des Messias verantwortlich, woran man schon sieht – das ist Unsinn. Bloß hat es halt die Basis gebildet für viele Feindschaften, die oft wirtschaftlich und politisch motiviert waren und dann theologisch verbrämt wurden.

Nebenbei bemerkt – der zweite Weltkrieg war angesichts leerer Kassen des Deutschen Reiches praktisch undurchführbar, wenn nicht das Regime den Raub- und Vernichtungskrieg organisiert hätte – also das systematische Ausschlachten aller möglichen Geldquellen unter planmäßiger Ermordung der Eigentümer. Wobei – das ist bekannt – die Schweizer Banken eine wichtige Rolle spielten. Ohne sie wäre diese kriminelle Unternehmung gar nicht möglich gewesen.

Übrigens – eine Welt, in der kein einziger Jude mehr lebt, wird dadurch nicht plötzlich unkapitalistisch oder sonstwie ein nationalsozialistisches Paradies.

Wenn ich auf Vertreter*innen von eliminatorischen Ansichten („alle Juden ausrotten“) treffe, frage ich immer nach – was wird anders sein, wenn sie alle tot geschlagen sind, und wie kommt das zustande?

Dann bricht das schnell zusammen, denn es ist offensichtlich, das auch noch so „reinrassige“ Nationen sich hierarchisch organisieren, mit Reichen und Armen, und dass es zwischen Menschen fies zu geht, egal welche es sind.

Das Nachfragen lohnt: Ich kannte mal einen, der war erst Metaller, später Nazi, und hatte da seine Skinhead-Freunde. Den habe ich nach Jahren wieder getroffen und gefragt, wie es denn mit seinen Freunden so gelaufen ist. Stellte sich heraus, er hat sich da abgesetzt, weil sie ihm im Suff die Bude zerstört hatten, und er das Ausländer-klatschen nicht wirklich mochte. Heute ist das ein prima Kerl, hoch anständig und geläutert, und ein Menschenfreund.

Auch das sollten Leute im Kopf haben oder sich bewußt machen, die antifaschistisch denken und handeln:

Mit „alle Nazis weg klatschen“ oder „Nazis raus“ ist per se nichts gewonnen. Sicher ist es gut, ihnen kein Territorium zu überlassen und rechten Straßenterror soweit möglich wirksam zu unterbinden. Aber das ist nicht mit Gewalt allein lösbar. Sondern, es geht darum, was steht dahinter – Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Anerkennung, Freundschaft, soziale Unterstützung durch eine Gruppe, gemeinsame Aktivitäten.

Es kommt darauf an, Begegnungsräume auf zu machen, Verbindungen zwischen Menschen zu schaffen, die aus Wertschätzung und gegenseitigem Respekt basieren, wo Menschen was über andere lernen können, wo es möglich wird, aus einem Freund-Feind-Schema aus wieder raus zu kommen und sich gegenseitig ein wenig zu kennen, gemeinsame Dinge zu finden und darauf aufzubauen.

Denn auch Nazis (oder Salafisten, „Terroristen“, etc.) sind in erster Linie Menschen, und eben keine „Monster“.

Die Ideologie ist mörderisch, der Mensch aber kann sich entwickeln und diese krude Ideologie auch wieder verlassen (egal welche es ist). Das ist eine Sache von Erfahrungen und Arbeit an sich selbst und von Arbeit, Sport und Spiel gemeinsam mit anderen.

Konkret: Sobald so ein Nazi-Hool eine Freundin hat, ein Kind, eine Arbeit – da sind dann ganz normale Dinge wichtig, nicht die Gewalt gegen „Feinde“.

Natürlich gilt das für alle gewaltbereiten und gewaltsuchenden Menschen – Nazis, Hooligans, Salafisten, Terroristen, Amokläufer – eigentlich wollen sie nicht töten und getötet werden, sondern gut und menschenwürdig leben und auf ihre Leistung stolz sein, Freunde und Freundinnen haben, lecker essen, sinnvoll arbeiten, angenehm wohnen etc.

Angst, Armut, fehlende Bildungschancen, fehlende Gelegenheiten gesellschaftlichen Mitmachens, abgehängte Menschen, generell soziale Isolation und Ausgrenzung und vor allem Abwertungserfahrungen sind der Nährboden für Gewalt, Kriminalität und Extremismus.

Genau darum nutzen auch verkürzte Lösungsansätze wie „mehr Polizei fängt mehr Verbrecher“ (FDP, CDU, AfD, Teile der SPD) rein gar nichts. Vom Einfangen und Einsperren gehen doch Verbrecher nicht weg, und da Verbrechen eine reichlich willkürliche Kategorie ist – es geht um Macht und Besitz, die angeeignet werden – wird es das IMMER geben, solange es da was anzueignen gibt und solange es manche brauchen oder für nötig halten, sich etwas notfalls auch gegen geltende Gesetze zu nehmen, was ihnen nicht bereits zur Verfügung steht.

Von Verbrechen wird gesprochen, wenn es kleine Leute tun. Wirtschaftskriminalität und insbesondere Steuerhinterziehung wird praktisch nicht verfolgt, da wo sie von den Großen betrieben wird – ebenso wenig wie der fortgesetzte Raubzug, den wir im Rahmen des Neoliberalismus als Privatisierung zu bezeichnen erzogen wurden.

 

Download PDF

Bestohlen worden

Irgendwer war mutig genug, um zu zu greifen und meinen Musicman mitsamt SD-Karte und schöner Musik-Auswahl einfach mal mit zu nehmen. Ok. Ich warte ja immer drauf, dass ich mal jemanden erwische, und ihm so richtig die Fresse polieren kann. Diesmal war ich zu unvorsichtig, Kölner Innenstadt in Dom-Nähe halt ein schwieriges Gebiet. Es hat scheußlich geregnet, deswegen habe ich mein Rad und meinen Krempel lieber unter der Überdachung gelassen, als ich zum Kiosk ging. Danach: Ärgerlicher Verlust, jemand hat sich meinen Musik-Spieler mitgenommen. Tja. Traf dann einen, der sagte: Es gibt Schlimmeres, was willst du dich jetzt ärgern. Womit er recht hat. Für 20€ ärgere ich mich 15 Minuten. Allerdings denke ich mir, ich muss wohl ein wenig mehr aufpassen. Zumal mich vorher am Bahnhof ein Obdachloser gewarnt hatte – lass deinen Musikspieler nicht so offen liegen, der wird geklaut. Und ich so: Nee. Das habe ich nun davon.

Download PDF

Die Menschheit ist dem Untergang geweiht

Und vermutlich wird das Armageddon mit den besten Absichten von Menschen eingeleitet, die zum Beispiel schlicht nicht verstehen, wie Maschinen nun mal arbeiten – gründlich und ohne Empathie. Wenn wir die Entscheidungen aus der Hand geben, sind wir als Menschheit Geschichte. Ob das nun die Entscheidung ist, wie regiert wird, oder ob es Atomkrieg geben soll, oder bloß die, alle Sicherheitsprobleme zu eliminieren … es geht schief, wenn wir die Macht den Algorithmen geben.

SMBC Comics

 

Download PDF

Allen Kindern beide Eltern – Väteraufbruch für Kinder e.V.

Der Verein Väteraufbruch für Kinder bietet Unterstützung und Beratung für Väter, die erleben, wie ihren Kindern der Vater weg genommen wird durch Mütter, die glauben, sie dürften das.

Es gibt eine Website, eine Selbsthilfegruppe, Informationsveranstaltungen, und auch gelegentlich Demonstrationen für ein an die Realität angepaßtes Familienrecht. Denn dass es Väter gibt, die ihre Kinder lieben, kann niemand bestreiten. Auch nicht, dass es lieblose Mütter gibt. Und alles dazwischen, natürlich.

Daher: Allen Kindern beide Eltern. Ausnahmen müssen absolute Ausnahmen sein (dann, wenn es wirklich gar nicht geht) – nicht die Regel, wie es heute ist (weil der Mutter irgendwas nicht paßt oder sie sich am Ex rächen mag).


Kinder sind kein Besitz. Und sie sind keine Waffe gegen Ex-Partner.

Ein Kind so zu beeinflussen, dass es dem anderen Elternteil entfremdet wird und ihn (oder sie) schließlich nicht mehr sehen will, ist leicht. Das nennt sich Parental Alienation. Einen Mann als schlecht für das Kind hin zu stellen ist auch leicht. Und beides passiert oft. Der ist unzuverlässig (während sie die Verabredungen platzen läßt, was nie ihre Schuld ist). Der kümmert sich nicht (während sie ihn nicht informiert und nicht einbezieht). Und so weiter.

Außerdem kann immer behauptet werden, es habe Gewalt oder Bedrohung gegeben. Bereits die Andeutung von sowas reicht, einen Beweis führen braucht keine Mutter. Noch ein paar Krokodilstränen, und fertig ist das arme Opfer – was dann dazu führt, dass die Mutter das Sorgerecht alleine bekommt.

Oder, wenn verzweifelte Väter vor der Schule warten, um wenigstens das Kind mal aus der Ferne zu sehen, dann ist das schnell Stalking oder Belästigung. Noch mehr, wenn sie vor dem neuen Zuhause des Kindes auftauchen. Mütter, die einfach so umziehen, sind dagegen nie in Gefahr, irgendwie belangt zu werden – gemeinsames Sorgerecht hin oder her. Sie treffen Entscheidungen wie es ihnen paßt, und scheren sich einen Dreck um die Meinung des Vaters.

Leider machen auch Jugendämter und Gerichte oft genug bei diesem bösen und grausamen Verbrechen mit in der verbreiteten und völlig falschen Annahme, dass es einen Teil der Menschheit gibt, der irgendwie biologisch eher geeignet erscheint, gut mit kleinen Menschen umzugehen.

Bloß weil aus Menschen mit zwei X-Chromosomen eine Weile lang Milch raus kommt, heißt dass noch lange nicht, dass sie auch Liebe geben können. Oder eine Haltung zu ihrem Nachwuchs haben, die zu einem guten Aufwachsen substantiell beiträgt.

Aber wir leben hier in Deutschland in einer Gesellschaft, in der eine Frau automatisch im Recht ist, wenn es um ein Kind geht. In der eine Frau automatisch das Opfer und ein Mann automatisch der Täter ist – da muss Polizei und Justiz nicht mal drüber nachdenken.

Wie das heißt, weiß ich nicht – umgedrehter Sexismus?

So, wie wenn ein sogenannter weißer und ein irgendwie weniger weißer Mensch einen Konflikt haben – da ist dann der weniger weiße Mensch automatisch schuld. Was wir als Rassismus kennen.

Natürlich ist mir bewußt, dass es ansonsten überall so läuft, wenn ein Mensch sogenannt männlich ist und ein Mensch weniger männlich, dass dann der männlichere Mensch recht hat – also Patriarchat und Sexismus. Ist in jeder Diskussion zu erleben – Frau sein bedeutet, weniger Glaubwürdigkeit zu haben.

Bei Familie und Kindern ist es aber umgekehrt.

Da muss ein Vater sehr viel Geduld aufbringen und kämpfen, wenn die Mutter den Umgang vereitelt und das Kind abschneidet von der väterlichen Familienlinie.

Download PDF

Nonconsensual Condom Removal

https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2954726

‚Rape-Adjacent‘: Imagining Legal Responses to Nonconsensual Condom Removal

28 Pages Posted: 20 Apr 2017 Last revised: 23 Apr 2017

Alexandra Brodsky

Yale Law School

Date Written: 2017

Abstract

Nonconsensual condom removal during sexual intercourse exposes victims to physical risks of pregnancy and disease and, interviews make clear, is experienced by many as a grave violation of dignity and autonomy. Such condom removal, popularly known as “stealthing,” can be understood to transform consensual sex into nonconsensual sex by one of two theories, one of which poses a risk of over-criminalization by demanding complete transparency about reproductive capacity and sexually transmitted infections. Adopting the alternative, preferable theory of non-consent, this Article considers possible criminal, tort, contract, and civil rights remedies currently available to victims. Ultimately, a new tort for “stealthing” is necessary both to provide victims with a more viable cause of action and to reflect better the harms wrought by nonconsensual condom removal.

Keywords: Feminism, Gender Violence, Sexual Violence, Feminist Law, Gender, Sex Equality

 

Wikipedia

Nonconsensual condom removal or „stealthing“ is the practice of one sex partner covertly removing a condom, when consent has only been given by the other sex partner for condom-protected safer sex.[1][2] In UK law, such consent is known as conditional consent.[3][4] In 2017, a Swiss court convicted a French man for rape for removing a condom during sex against the expectations of the woman he was having sex with.[5][6] Existing laws do not specifically cover stealthing,[7] despite the heightened pregnancy and public health risks. [8]

References

  1. Hatch, Jenavieve (2017-04-21). „Inside The Online Community Of Men Who Preach Removing Condoms Without Consent“. Huffington Post. Retrieved 2017-04-23.
  2. Brodsky, Alexandra (2017-01-01). „‚Rape-Adjacent‘: Imagining Legal Responses to Nonconsensual Condom Removal“. Rochester, NY.
  3. „Man Convicted of Rape After Removing Condom During Sex Without Consent“. Broadly. Retrieved 2017-04-23.
  4. „CPS Legal Guidance“. www.cps.gov.uk. Crown Prosecution Service. Retrieved 2017-04-24.
  5. „Man convicted of rape for taking off condom during sex“. The Independent. 2017-01-11. Retrieved 2017-04-23.
  6. Williams, Zoe (2017-01-16). „Is removing a condom without permission rape?“. The Guardian. ISSN 0261-3077. Retrieved 2017-04-24.
  7. Brodsky, Alexandra (2017-01-01). „‚Rape-Adjacent‘: Imagining Legal Responses to Nonconsensual Condom Removal“. Rochester, NY.
  8. Brodsky, Alexandra (2017-01-01). „‚Rape-Adjacent‘: Imagining Legal Responses to Nonconsensual Condom Removal“. Rochester, NY.

‚Stealthing‘ Isn’t Just a ‚Dangerous Sex Trend.‘ It’s Sexual Assault.

http://www.self.com/story/stealthing

Unbemerkt beim Sex das Kondom zu entfernen ist kein Witz, sondern ein Verbrechen

http://www.br.de/puls/themen/leben/kommentar-stealthing-kondom-beim-sex-unbemerkt-entfernen-100.html

 

Download PDF

Erster Mai 2017 – Demonstration des DGB

Erster Mai 2017 – Demonstration und anschließende Kundgebung des DGB

Logo und Sprüche des DGB – Plakate zum 1. Mai 2017

Das Wetter war ungünstig, es hat ständig geregnet. Die Demonstration – ab 12 Uhr am Hans-Böckler-Platz – war wohl auch aus diesem Grund eher mäßig besucht.

Am Tag davor war herrliches Sommer-Wetter. Schade, dass es so nicht geblieben ist. Erster Mai, freier Tag, Kampftag der Arbeiter*innen-Klasse – und nur Regen. Zum Demonstrieren ist Regen halt ein ziemlicher Mist. Den Pflanzen tat es sicher gut, die Menschen eher wenig bereit gewesen, sich draußen zu tummeln.

Und ich eher unfit. Nach der Feier in den Mai gestern im Bauwagendorf Schöner Wohnen – wo es sehr gemütlich war mit Feuer, Musik, Bier, stundenlang Tischfußball mit einer jungen Frau namens Maike und einer Live-Band – bin ich dann später in der Nacht vor einer anderen Frau, die mich in einem früheren Abschnitt meines Lebens mal interessiert hatte, abgehauen.

Ich habe nicht mehr die Absicht, noch jemals zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen – und schon gar nicht mit Leuten, für die ich als zweite Wahl irgendwann dann doch in Frage komme.

Wolfgang Biermann – Der erste Dorf-Mai

Also etwas zu spät aufgetaucht bei der Demo, dafür mit Anrühr-Kaffee dabei und meinem geliebten Lastenrad. An den Ringen traf ich den hinteren Teil der Demo, der natürlich von etlichen Polizeiautos verfolgt wurde.

Viele Kleingruppen von je etwa ~25 Leuten mit Fahnen waren da, oft rot und mit Hammer/Sichel, alte Schule autoritäre Kommunisten.

Einen schwarzen Block oder dergleichen gab es nicht, vermutlich waren die Autonomen anderswo unterwegs. Wenig verwunderlich, da das DGB-Motto „Wir sind viele – wir sind Eins“ irgendwie wenig revolutionär war.

Eher ein fader Anklang an den ARD-Werbespruch „Wir sind Eins“.

Der Spruch „Wir sind eins“ ist recht bekannt durch die entsprechende Werbung der ARD. Und halt herzlich nichtssagend. Irgendwas mit Einigkeit, so in der Art von „Das Wir gewinnt“ oder „Wir in NRW“ und ähnliche leere Floskeln. Vollkommene Beliebigkeit.

 

Um mal ein wenig von etwas zu berichten, was ich interessant finde – schließlich dient mein Blog angesichts des lediglich vorgestellten Publikums doch letztlich bloß mir als narzisstische Selbstbespiegelung und Tagebuch-Ersatz (was wohl bei allen Blogs mindestens eines der wesentlichen Motive sein dürfte):

Ich bin mit dem Rad und Musik – wie sonst auch immer – mein eigener martinistischer Block gewesen: Flexibel und wendig, undogmatisch und sehr beweglich. Habe wie gewohnt von hinten nach vorne alle überholt, so daß ich einen guten Überblick gewinnen konnte.

Offenbar war die Demo nach Bedeutsamkeit aufgestellt: Vorne die Gewerkschaftler*innen (DGB, verdi, IG BCE), dann deutsche Parteien und Gruppierungen (SPD, Grüne, Die Linke, Piraten, MLPD, DKP, SDAJ), gefolgt von kommunistischen Gruppierungen aus der Türkei, dem Iran etc.

Auf dem Heumarkt waren dann Bühnen, Buden und es gab viel Papier.

Praktisch alle Stände waren von politischen Gruppierungen mit dem üblichen, immer gleichen Marketing-Zeugs – also Papiere, Bücher, Aufkleber, Feuerzeuge, Luftballons.

Es gab auch einen Stand, der kommerziell orientiert die gesamte Palette von üblichen linken Buttons, Aufklebern und T-Shirts verkauft hat.

Buy your Rebellion here 😉 Die Punk Shops waren ja bekanntermaßen das Ende der Punk-Bewegung als echter Subkultur. Alles endet immer in Kommerzialisierung. Gut beschrieben auf der „Ungovernable Force“-LP von CONFLICT 1986 im Lied A Piss in the Ocean.

Dieser Stand fiel mir daher auf, weil er eben alles angeboten hat. Wie auf dem Bild gut zu sehen sein dürfte. Roter Stern, schwarzer Stern, schwarzroter Stern, grüner Stern, grün-schwarzer Stern, AFA mit rot-schwarz oder schwarz-rot etc. Die ganze Palette. Und weil er lauter raubkopierte Motive hatte – natürlich auf Billig-Shirts. Besonders blöd fand ich das Shirt mit Terror-Ernie und Bomben-Bert, wo mal wieder eine Gleichsetzung von Anarchismus und mörderischem Terror gemacht wurde.

Blöd. Sesamstraße als Terror-Crew. Soll wohl lustig sein, ist es aber nicht. Neulich habe ich auch gelernt, dass der von vielen sogenannten Linken hoch verehrte Ché sehr gerne Leute persönlich erschossen hat. Was neben dem anderen Ding – dass er Schwule regelmäßig hat erschießen lassen – bei mir dafür sorgt, dass ich diesen Typen letztlich für ausgesprochen widerwärtig halte. Emanzipatorische Menschen sollten sich davon weitest möglich distanzieren.

Außerdem ist die Sesamstraße Kult und hat eine Aussage für sich, die nicht besser wird durch solche Ripp-Offs. Ich meine damit: Ernie ist eindeutig ein Kind gebliebener Anarchist, Bert dagegen ein ewig vernünftiger langweiliger Erwachsener, der garantiert nie irgendwas Verbotenes tun würde. Und natürlich lautet bei allen Besetzungen der Standard-Spruch garantiert nicht Blablabla besetzt – sondern Blablabla bleibt! Also auch noch schlecht kopiert. Poser-Wear. Der Versuchung, mir einen netten neuen Aufkleber für mein Rad zu erwerben, habe ich also widerstanden. Niemals Geld geben an Leute, deren Handlungen ich vom Prinzip her völlig Scheisse finde. Jedenfalls nicht, wenn es vermeidbar ist.

Einen Stand von vernünftigen Anarchist*innen – vermutlich bzw. ziemlich sicher FAU – habe ich auch beim Durchfahren gesehen – und mal freundlich gewunken. Anarcho-Syndikalisten mag ich. Wieso? Natürlich von der Geschichte her, Spanien. Aber auch konkret haben uns diese Leute geholfen: Die FAU hat uns unterstützt in unserer Arbeit, als wir als junge Leute in Frankfurt Besetzungen gemacht und schließlich für 18 Monate ein Haus in der Bockenheimer Falkstraße als Jugendwohnprojekt mit Café bewohnt und bewirtschaftet haben. Obwohl wir die Freiheitliche Arbeiter*innen-Union (FAU) nicht sonderlich gut fanden seinerzeit – es waren halt linke Sozialarbeiter*innen. Viel verkopftes Zeugs. Und wir sehr viel linker und militanter. Aber sie hatten einen Raum und einen Laser-Drucker, was sehr nützlich war. Dafür noch mal danke!

Nebenbei bemerkt: Die Grünen (Tom Königs als Chef der Grüngürtel-Verwaltung – der, der dem Vietcong seinerzeit angeblich ein Millionen-Erbe gespendet hatte) hatten uns aus dem Frankfurter Günthersburg-Park, den wir zuerst mit Zelten und Plakaten – In Frankfurt wohnt nicht nur das Geld – besiedelt hatten, ordnungspolizeilich geräumt – und hatten dann eine Stadtteil-Büro-Besetzung im Nordend am Hals. Letztlich waren die Grünen auch 1990 schon völlig stinknormal, etabliert und staatstragend.

Was hat der erste Mai eigentlich mit Anarchismus zu tun? Antwort: Sehr viel. Es ging um den Kampf für den 8-Stunden-Arbeitstag.

Geschichte. Woher kommt der 1. Mai?
Der Kampf um den 8-Stunden-Arbeitstag
und die anarchistischen Gewerkschaftler.
 
In 1887 four Chicago anarchists were executed.
A fifth killed himself in prison. Three more were to spend 6 years in prison.
 
The anarchists were trade union organisers and May Day became an international workers day to remember their sacrifice. They were framed on false charges of throwing a bomb at police breaking up a demonstration in Chicago. This was part of a strike demanding an 8 hour day involving 400,000 workers in Chicago that started May 1st 1886 .
 

http://www.wsm.ie/c/origins-mayday

http://www.wsm.ie/attachments/apr2008/maydayleaflet.pdf

Zurück zum Kölner Heumarkt 2017.

PapyRossa waren mit Bücherstand da, und bei denen habe ich ein Buch erworben von Patrick Schreiner: „Warum Menschen sowas mitmachen. Achtzehn Sichtweisen auf das Leben im Neokapitalismus“. Natürlich habe ich nach einer Harz 4-Ermäßigung gefragt. Der Demo-Regenwetter-Nice-Price war dann 10€ statt 13,90€. Nett mit dem Typen geredet, und sie haben ein recht interessantes Bücher-Programm.

Sehr gruselig war der Stand der Iraner*innen, wo sehr schockierende Bilder vom operativen Entfernen der Augen – einer dort wohl üblichen Strafe gegen Oppositionelle – für einen harten Kontrast zu dem eher lahmen Zeugs rundherum sorgten.

Geredet hat ein DGB-Chef, vermutlich war das Andreas Kossiski, Vorsitzender des DGB Köln. Oder es war Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender DGB Bezirk NRW. Hab den namen nicht mitgekriegt. Inhaltlich mit dem üblichen Gewäsch von Deutschland läuft doch ganz gut, es wird hier nicht gehungert und man darf seine Meinung sagen. Immerhin: Klare Kante und auch eine gute Begründung dazu gegen die AfD – und eine Absage an Studiengebühren. Gewerkschaftler machen keine Unterschiede nach Herkunft oder Geschlecht, sondern Tarifverträge. Leider ist das eher Theorie – unter den Wähler*innen der AfD sind durchaus viele Gewerkschaftler*innen, und wohl kaum nur von der Polizeigewerkschaft.

Vorne Ministerpräsidentin Kraft, hinten OB Reker. Leider habe ich kein besseres Bild bekommen. Der Kamera-Typ stand danach ziemlich penetrant in meiner Sicht – und ich habe eine Weile mit einem KVB-Busfahrer aus Kalk geredet, der den ebenfalls anwesenden SPD-Mann Jochen Ott (den ich verabscheue für seine Rolle bei der Schließung des AZ in Köln-Kalk) sympathisch findet, und „die Polizei sollte mehr vor den Ultras geschützt werden“, und er habe „selbst nur 50€ mehr als Harz 4 (nach Abzug des Kindesunterhaltes allerdings), stehe dafür aber nachts um 3 Uhr auf“, blablabla. Als er noch einen auf Opfer gemacht hat wegen einer Frau, die 2 Meter weiter (!) sich eine Kippe angesteckt hatte, war der Kerl bei mir endgültig unten durch.

Danach kam Ministerpräsidentin Hannelore Kraft – die irgendwie gespuckt aussieht wie Petra Roth, oder kommt nur mir das so vor? – mit einer längeren Wahlkampf-Rede – auch ich will keine Burka kam drin vor – mit dem Tenor „Wir sind NRW“ und Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die sehr kurz sprach, mehr so ein „Hallo“, zwei drei Sätze.

Alle diese Leute verdienen sehr gut und stellen sich aber auf eine Bühne, um über mehr soziale Gerechtigkeit zu schwafeln und – im Falle des DGB-Obermackers – sich über „die Reichen im Lande“ zu beschweren. Köstlich, wie wenig peinlich einem selbst die pure Heuchelei sein kann. Irgendwann kam dann zum Abschluß der Reden noch unser Lied – die Internationale – mit blutroten Fahnen und heiliger letzter Schlacht. Aber bitte schön gewaltfrei demonstrieren.

Hier noch eine seltsame Sache, Herrenmode vom Herrenausstatter Georg Strathmann.

Kostet viel, sieht dabei aber extrem billig aus. Und irgendwie ist es wohl cool, beliebige Subkultur abzukupfern. Soll wohl sowas wie Black Metal sein, aber mit Totenköpfen mit Straßsteinchen-Augen und im Anzug, und irgendwie paßt da auch nichts zusammen. Ist das eine Art Selbstironie der Reichen, ist es der Versuch, wenigstens ein wenig wild rüber zu kommen, ist es Koketterie mit verlorener Jugendlichkeit? Oder bloß eine weitere Geschmacksverirrung, etwas modisch noch nicht ganz so abgenutztes? Sehr merkwürdig.

 

Dann kam das Kulturprogramm: Es startete mit dem Kabarettisten Wilfried Schmickler – der war der erste, der irgendwas wirklich sinnvolles gesagt hat.

Wilfried Schmickler, 2016

Schmickler war richtig gut und im krassen Gegensatz zum vorher verbalisierten Wischiwaschi auf der DGB-Bühne sehr scharf und klar und eindeutig: Deutliche Kritik an den selbstverliebten, angeblich so toleranten und weltoffenen Kölner*innen, bei denen Rassismus sehr wohl überall unangenehm stark vertreten ist – beispielsweise in Politik, Medien, bei der Polizei und im Karneval.

Das hier sind NICHT die im Text beschriebenen Polizisten, die den Redebeitrag blöd fanden, sondern andere. Gab viele dort.

Sehr schön und spaßig ist gewesen, sich die Gesichter zweier schwer bewaffneter Polizisten, die zwischenzeitlich mal neben mir standen, anzusehen, während es um die Polizei und ihre Panikmache beim AfD-Parteitag sowie um racial profiling und Shisha-Verbot am Rheinufer ging. War gut sichtbar absolut nicht ihre Meinung – sondern sie haben ziemlich gelitten dabei, dass sie sowas wie diese öffentliche Schmähung ihrer großen Verdienste – so hatte sich Hannelore Kraft zuvor geäußert – nicht sofort gewaltsam unterbinden durften. Und überhaupt, alles voller Kommunist*innen und linksgrünversifften Volksverrätern. Muss psychisch schlimm gewesen sein für die Herren Polizisten.

Ich hätte gerne länger zugehört, aber es regnete ziemlich übel – und mein Rad hat auf einmal einen Platten gehabt. Ich aber keine Pumpe. So ein Mist!

Nach kurzem Aufpumpen mit einer geliehenen Pumpe – Danke, Piraten! – bin ich flott heim geradelt und musste zum Glück nur ein relativ kurzes Stück schieben ab der Messe.

Download PDF